In Lütjensee liegt Nebel. Erbsensuppe. Draußen schreit das Käuzchen und der Wolf zieht zähnefletschend seine Runden vor den dunklen Häusern der reichen Hanseaten, die sich hier angesiedelt haben. Fielmann zum Beispiel, der Brillen-Fielmann, hat hier einen Biobauernhof, auf dem er Brillenschafe (kein Witz) züchtet.
Der Wolf verdünnisiert sich in den dichten Märchenwald und die Zweige der Pappel weisen im starken Nordwind hin zur Fischerklause, die einsam und verlassen am Wasser liegt. Nur ein Licht leuchtet dem Wandersmann und signalisiert ihm den Weg in die Verkosterstube, wo Gerhard Retter und ein paar Wackere auf den Captain warten, um mit ihm die Blaufränkischen zu testen, die Retter aus seinem Keller geholt hat. Ein Ländermatch soll es geben, der Sieger steht schon vorher fest: Osterreich. Die Heimat des Blaufränkischen, den die Deutschen Lemberger nennen.
Doch weit gefehlt. Schon schnell wird klar, dass die deutschen Lemberger um einiges besser sind, als die Österreicher vermutet hätten. Dabei sind auch die besten Österreicher, etwa der legendäre Blaufränkisch Moric mit im Glas. Der Captain greift zum Papier und schreibt die Liste der teilnehmenden Weine ab. Wen haben wir denn da?
+) Den Lemberger Barrique 2007 von Karl Haidle
+) Den Blaufränkischen Selection 2006 vom Weingut Tesch
+) Den Blaufränkisch Reihburg 2007 von Uwe Schiefer
+) Den Lemberger Lämmler 2007 von Gerhard Aldinger
+) Den Lemberger Hades 2006 von Jürgen Ellwanger
+) Den Blaufränkisch Ungerberg 2006 von Paul Achs
+) Den Blaufränkisch Alte Reben 2006 Moric von Roland Velich
+) Den Lemberger Junges Schwaben 2006 vom Weingut Wachstetter
+) Den Lemberger Barrique *** 2005 von der Weinmanufaktur Untertürkheim
+) Den Blaufränkisch Dürrau 2005 vom Weingut Weninger
+) Den Lemberger Simonroth 2007 vom Weingut Schnaitmann
+) Den Blaufränkisch Point 2004 vom Weingut Kollwentz
+) Den Blaufränkisch Hochberc 2006 von Albert Gesellmann
+) Den Blaufränkisch Ried Mariental 2005 von Ernst Triebaumer
+) Den Blaufränkisch Ried Mariental 2001 von Ernst Triebaumer
und als Piraten:
+) Den Lemberger von Kiona 2006 aus Washington/USA
+) Den Blaufränkisch 2005 von Dveri Pax aus Slowenien
+) Den Blaufränkisch Spern Steiner 2006 von Weninger aus Ungarn
Der Captain will nicht mit Details langweilen, sonder nur die Höhen und Tiefen der Verkostung festmachen. Deutschland legte eine erstaunlich gute Länderleistung hin, kein einziger deutscher Wein enttäuschte, oder war unter dem Durchschnitt. Österreich enttäuschte im ersten Eindruck, doch zeigten sich einige Österreicher (etwa der Moric und der Mariental) am Tage nach der Verkostung in einem erstaunlich guten (oft besseren) Zustand. Leider half das beim Ergebnis nichts, soll aber auf jeden Fall erwähnt werden.
Die Tiefpunkte der Verkostung haben aber alle gewundert. Nicht nur, dass alle drei Piraten einen irgendwie erbärmlichen Eindruck hinterließen, so enttäuschte etwa auch der biodynamisch angebaute Blaufränkisch Dürrau von Weninger. Der Wein war bei allen geöffneten Flaschen deutlich fehlerhaft und unsauber, eine Tatsache, die am Tisch eine Diskussion über biodynamische Weine ihren Anfang nehmen ließ. Gerhard Retter verwies auf das für Rotweine in manchen Regionen unglückliche Jahr 2005, der Captain verweist aber darauf, dass der Lemberger Barrique der Weinmanufaktur Untertürkheim im gleichen Jahr gekeltert wurde. Und das Jahr auch in Deutschland für Rotweine nicht viel besser war.
Kommen wir also zu den beiden Spitzenweinen und Weinen der Woche, die Gerhard Retter im gestrigen Film schon ausführlich gelobt und kommentiert hat. Der Captain will hier kein Schäuferl nachlegen. Ihm fällt nur auf, dass es gerade zwei Weine mit explizit hässlichen Etiketten waren, die hier als Sieger hervorgingen.
Zum einen der gerade erwähnte Lemberger ***Barrique 2005 der Weinmanufaktur Untertürkheim, ein extrem trinkfreudiger Wein mit präzisem Holzeinsatz. Nachteil und Vorteil zugleich: Der Wein ist schnell da. Und nach drei Stunden auch schon wieder auf dem Wege anderswohin. Also kurz lüften und mit großer Freude zügig zu einem Essen leeren.
By the other Hand der Blaufränkische Hochberc von Adalbert Gesellmann, der schönste Blaufränkische, den der Captain seit langer Zeit getrunken hat. Ein Wein mit der Stilistik eines moderen Burgunder a la Dujac, ein schönes Parfum in der Nase, langer Nachhall am Gaumen, ordentliche Würze und ein Lagerpotential von weiteren zehn Jahren.
Die kleine Gruppe Verkostender saß noch bis vier Uhr früh bei einigen von Gerhard Retter exzellent gemixten Gin-Tonic beisammen und diskutierte das überraschende Ergebnis. Fazit: Deutschland wird auch noch Rotweinland. Und: die autochthonen Sorten machen Sinn, wenn man ihre Sinnlichkeit entdeckt.
Lemberger Barrique 2005 von der Weinmanufaktur Untertürkheim für etwa 28,00 Euro bei Wein-Bastion (nach dem 2005er fragen), Blaufränkisch Hochberc 2006 für 42,90 Euro (12 Flaschen, je Flasche nur 38,61 Euro) bei Wein & Co.
Das Lied von der Harmonie der Völker singt uns Eddy J Lemberger
Und hier noch der Link zu einer interessanten Spätburgunderverkostung von Patrick Johner














Na so ruhig hier, scheint so, als hätt's einigen die Red' verschlagen. Aber dass der 07er 'Reihburg' von Uwe, den ich wirklich gut kenne, nicht ganz vorne war, versteh' ich nicht, der 'hochberc' ist natürlich sowas wie ein "ehrlicher Blender" - well done, Albert.
@Moric 06: hätt' ich Euch vorher sagen können, viele 06er sind ziemlich verschlossen seit einem 3/4 Jahr. Der kommt schon noch. (Und putzt die Piefkes.)
Dass die restlichen Österreicher nicht reüssierten, wundert mich bei dem Line-up nicht.
@Schnaitmann: gibt es eine Verkostung, wo Rainers Weine, egal ob Pinot, Sauvignon oder jetzt Lemberger nicht ganz vorne waren?