Der Captain war kurz von Bord, denn ein feindlicher Virus hat das Schiff heimgesucht und musste aus dem Laptop des Captain entfernt werden. Doch jetzt ist das Schiff fast wieder ganz sauber, zumindest die Kajüte ist wieder benutzbar. Darum ein paar Worte über ein neues, kleines Buch.
Zuerst: Der Autor sagt, in 60 Minuten wisse man des Wesentliche, das Wichtigste. Über Wein. Und: Da hat der Autor recht. Das klappt. Wer sich Dinge gut merken kann, weiß nach 60 Minuten mit dem Buch "Weinkenner in 60 Minuten" das Wichtigste. Versprochen. Gehalten. Gelogen.
Denn zum zweiten: Man hat etwas gelesen, weiß also Angelesenes. Nicht Erfahrenes. "Weinkenner in 60 Minuten": Das ist gelogen. Das ist man nicht. Kein Weinkenner.
Doch das Buch ist gut. Zwar werden es 90 % der Leser des Captain nicht brauchen, denn das Meiste ist das Banale, was der ausschweifende Weintrinker hier an Bord ohnehin schon weiß. Ohne Buch. Er hat es durch trinken erfahren. Sie auch. Viel trinken. Das bildet beim Wein immer noch am besten.
Das Buch ist an den absoluten Neuling gerichtet, jemanden, der Neuland betreten will. Der Autor erklärt, wie Wein entsteht. Er erzählt von Sorten und Herstellung, er verliert sich in Rot- und Weißweinen, vergisst dabei fast gänzlich auf Rosé- und Süßweine (beide spielen offenbar im Universum des Autors keine Rolle) und irgendwann wird das Buch, das was es ist - eine Einkaufshilfe.
Denn das Wesentliche, das dieses kleine, günstge und sinnvolle Werk mitbringt, ist Einkaufswissen. Das Entziffern von Codes. Was heißt Barrique?. Was heißt Loire, wo ist das, was kann das? Wie schmeckt Sauvignon? Und so weiter. Das Buch macht einen zum kleinen Weinwisser. Vom Kenner keine Spur.
Das wäre auch egal, denn der Autor will sich nie überhöhen, prahlt nicht mit Detailwissen, sondern hält seinem Leser die Hand. Schau mal, kauf das, trink das. Und Du wirst glücklich sein.
Aus welchen Gläsern trinke ich Wein? Wie degustiere ich Wein? Steht alles drin. In einer, sagen wir mal, modernen und jugendhaften, trotzdem nie anbiedernden Sprache. Sehr erfreulich. Trotzdem Camouflage.
Denn hinter dem lockeren Auftritt schlummert der alte Schwachsinn: Die Geheimwissenschaft Wein. Das, was der Captain hasst. Hinter der Attitüde grinst der alte, so genannte Weinkenner, der den Leuten aus der versteckten Welt der Weine berichtet, als handle es sich um eine Loge, einen Zirkel, den man nach Lesen dieses Buches betreten darf.
Nur diese Loge, diesen Zirkel, gibt es nicht. Höchstens im Kopf des Autors. Und im Kopf der Leser. Und? Wollen die das? Vielleicht, sagt der Captain. Vielleicht wollen die das. Denn es klingt spannend.
Doch immer der gleiche Schwachsinn, die Prozedur, vor dem ersten Schluck, dieses "gegen-das-Licht-halten-daran-riechen-fachsimplen-und-zuletzt-im-Mund-analysieren". Anstatt zu trinken. Zum Essen zu trinken. Einfach nur zu trinken. "Versuchen Sie jeden Eindruck möglichst genau mit einem blumenreichen Wortschatz zu beschreiben", rät der Autor. Nein!!! Bitte nicht!!! Blumenreich!! Dem Captain wird schlecht.
Und dann ein weiteres Zitat: "Es wird kein Durst gelöscht, sondern ein Kunstwerk genossen" Oh Gott!!
Das spricht nicht gegen die Winzer. Der Captain keltert selber Wein, er weiß vom Glücksgefühl, wenn der Saft gelingt, wenn er Eindruck macht, wenn er Individualität, Nische und Trinkfreude sichtbar macht. Freilich ist das ein Kunstwerk. Aber vor allem für die Winzer. Der Konsument soll das nicht andauernd bewundern, er soll trinken. Der Winzer kreiert jedes Jahr aufs Neue. Und: Wein ist ein Lebensmittel, wenn Kunstwerk, dann ein vergängliches.
Der Autor von "Weinkenner in 60 Minuten" (Untertitel: Kleiner Leitfaden für Weinschmecker, die Weinkarte richtig lesen) heißt Gordon Lueckel, ist gebürtiger Amerikaner und lebt in Köln. Er ist (das spürt man) ein freundlicher Aufklärer (das verlangt die anglo-amerikanische Tradition), einer, der gerne das Wichtigste festhält und mit den Leuten teilt. Reich will er auch nicht werden, denn das Buch kostet nicht viel. Lueckel ist sicher ein klasse Kerl. Und es tut den Captain auch irgendwie leid, ihm hier eine draufpfeffern zu müssen. Aber er muss.
Und er wäre versucht, Lueckels Buch zu empfehlen, jenen zu empfehlen, die wenig oder nichts wissen und sie so an Bord zu holen. Besser mehr Matrosen, die sich ein neues Schiff bauen. Doch am Ende muss man von dem Buch abraten, denn es zementiert die alte Regel, dass Wein immer und überhaupt irgendwie etwas Besonderes sein muss. Und nicht nur Teil des Lebens, über den man zwar fachsimplen mag, der aber zum Täglichen dazugehört, wie essen und schlafen. In das Tägliche, das Normale, führt Lueckels Buch nicht. Wer es gelesen hat, wird Wein mit Achtung und Respekt, mit Vorsicht und nobler Distanz begegnen. Und obwohl genau das gut klingt, ist genau das falsch. Trinkt, Leute!
Schade Lueckel, schade um die vergebene Chance.
Weinkenner in 60 Minuten von Gordon Lueckel, erschienen im Thiele-Verlag. Für 8,00 Euro bei Amazon














aber capitan, mein capitan!
so gestrenge heut?
der leichtmatrose ist grundsätzlich auch capitans meinung. wein ist teil des lebens, bedarf keiner "überhöhung". aaaaaber wenn man mal einen ganz besonderen wein aufmacht, von dem man vielleicht grad die letzte, vorhandene flasche köpft, die einem gaaaaanz wunderbar schmeckt.....
dann spricht mE nixi dagegen, dieses besondere ereignis zu würdigen und das trinken dieses weines richtiggehend zu zelebrieren. man muss ja nicht gleich unbedingt einen altar aufstellen....
kann man, muss man aber nicht.
odrr?