25.09.09 MEINUNG 16 Einem Freund senden

Wein & Wahl. Der Captain sieht grün

Der unbekannte Winzer. Wen wählt er am Sonntag?Der unbekannte Winzer. Wen wählt er am Sonntag?

Sonntag geht es an die Urnen. Selten war ein Wahlkampf spannungsloser und langweiliger und es wundert den Captain nicht, dass zehn Prozent der Deutschen gar nicht wissen, dass sie am Sonntag das nobelste Recht des Bürgers in Anspruch nehmen können: zu bestimmen, wer das Land, immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, regiert.

Dieser langweilige Wahlkampf widerspricht der wahren Situation. Eigentlich sollte es die Leute in die Kabinen drängen, denn selten waren die Probleme mannigfaltiger. Hohe Verschuldung, Krisenbekämpfung, Erosion des Demokratie, verschleppte Reformen, Energiewende, Klimawandel, Technologieoffensive. Unzählige Themen hätten diesen Wahlkampf beherrschen lönnen, taten es aber nicht. Denn niemand traut sich die Wahrheit zu sagen: so wie jetzt, kann es nicht weitergehen.

Der Aufstieg der Schwellenländer wird nicht aufzuhalten sein. Der Energiewandel auch nicht. Beides wird für die wichtigen Schlüsselindustrien des Landes noch dramatische Folgen haben. Die nach der Wahl folgende hohe Arbeitslosigkeit wird die Gesellschaft destabilisieren und auch die dramatisch angestiegenen Staatsverschuldung muss bezahlt oder mit den Mitteln der Inflation abgebaut werden. Wäre ich Deutschland, würde ich mich jeden Morgen unter der Decke verkriechen, denn meine Probleme scheinen quasi unlösbar. Gut, dass es meinen Nachbarn auch so geht, immerhin bin ich nicht alleine.

Was Winzer und Weinliebhaber wählen, kann man sich denken. Winzer und Weinmacher bearbeiten Boden und Scholle, sind Unternehmer und Vertreter des Eigentums. Sie werden wohl mehrheitlich CDU, diesmal ein bisschen öfter die FDP wählen. Der eifrige und interessierte Weinkonsument ist, ganz gegensätzlich, eher Sozialdemokrat und urbaner Grüner. Die Konservativen, das hat der Captain schon oft festgestellt, lesen keine Weinkarten, trinken Einfaches, gekeltert in der Nation.

Was waren Schröder und Fischer noch für Kerle. Die Rabiatperle aus Hannover konnte dutzende Weingüter aufzählen und wer, wie der Captain, dem grünen Häuserkämpfer Fischer einen Tipp geben wollte, wurde lautstark belehrt, dass er genau diesen Wein ja längst schon kenne.

Aber diesmal? Diesmal kann man keine ausgewiesenen Weinfreunde wählen. Die Kanzlerin antwortet ihren besten Winzern nicht, wenn sie diese zu einem umstrittenen Brückenbau an der Mosel befragen wollen. Das hätte Schröder nicht gemacht. Und Fischer wäre gegen die Brücke auf die Barrikaden gestiegen. Naja, wohl nur sinnbildlich.

Das alles ist freilich nur nebensächlich, denn selbsredend geht es bei dieser Wahl auch darum, welche Partei mir und meiner Neigungsgruppe zuspricht. Der Captain übernimmt eine Tradition englischer Medien und gibt eine Wahlempfehlung. Der Captain sagt: gehet hin und wählet grün. Warum?

1.) Auch die Grünen sind eine Boden- und Schollenpartei. Sie lieben die Erde und alles, was auf ihr angebaut wird. Die Grünen sind eine Bauernpartei, die von Städtern gewählt wird. Und Weine werden am Land angebaut und in der Stadt getrunken. Passt perfekt.

2.) Die Grünen sind die einzige Partei, die sich mit den Problemen des Klimawandels ernsthaft auseinandersetzt. Alle anderen schwafeln nur. Der Klimawandel wird wohl das größte Problem der Landwirtschaft werden (mehr dazu morgen). Was heute den deutschen Winzern Vorteile bringt, kann morgen zum Fluch werden. Sicher können die Grünen nicht die Welt retten und den Klimawandel aufhalten. Sie können aber die Einstellung der Gesellschaft zu Nachhaltigkeit beschleunigen. Und nichts, wirklich nichts, ist dringlicher als das.

3.) Die Grünen sind längst keine unternehmerfeindliche Partei mehr. Ihre Wähler sind freiberufliche Aufsteiger, kleine Selbstständige, die nicht von einem gnadenlosen Fiskus geköpft werden wollen. Freilich wird uns allen nicht erspart werden, steigende Steuern zu akzeptieren. Irgendwer muss den Unsinn Opel ja zahlen.

4.) Das Personal der Grünen ist eigentlich symphatisch. Künast angelt Fische und bringt sie eigenhändig um, Trittin ist das ideale Schlafmittel und Claudia Roth der nervende Wecker. Besser als der Cyborg Westerwelle und die Kryptokommunisten von der Linken. Obwohl Stasi-Gysi sicher Format hat.

Das sind die vier Gründe für die Empfehlung des Captain. Seine persönliche Prognose:

CDU: 33
SPD: 26
FDP: 14
Grüne: 12
Linke: 12
Sonstige: 3

Und jede Menge Nichtwähler. Leider.



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Kommentare 16

Kommentare

pivu immer unsicherer werdend

Mit der Prognose könnt' ich leben. Nur Pöckl-Weine trink' ich sicher nicht am Sonntag ...

Grün wär schon sehr ok, wenn sie den richtigen Partner wählen. So wie im Norden.

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Der Captain

das mit dem pöckl-wein verstehe ich nicht. wie ist das gemeint?

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pivu nachhaltig

Der Captain möge mal das Etikett seines Admirals begutachten ;-) .

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Der Captain

stand auf der leitung, sry..

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Jill Mercedes gefasst

Grün. Ja. Jetzt.
danke

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Gast

Leider sind die Grünen in Österreich unwählbar.

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Thomas Faschingeder

Bei einer deutschen Wahl ist das aber ok. Wär sonst Einmischung von außen.

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Katrin Walter - Wein-Plus.de

Hier die amüsante Analyse eines anderen Berliners, Kabarettist Martin Buchholz:

Kurz vor der Wahl:
Die aktuelle Loch-Analyse 2009

"Die Mitte", so spricht Angela,
"ist dort, wo wir sind. Genau da!
Und wo wir sind, kommt keiner rein.
Die Mitte, sie muß unser sein."

Ach Angela, ach Angela,
das ist das alte Blablabla.
Das blablabläht mal eben fix.
Und was will es uns sagen? Nichts!

Nun ist das Nichts, um es mal philosophisch zu benennen, ein Unding, also überhaupt nicht zu erkennen.
Und eben drum
braucht dieses Nichts ein Drumherum.
Das Nichts braucht einen Rand.
Dann nennt man es ein Loch. So wird das Nichts erkannt.
Doch könnte ich hier viele Löcher nennen, die derzeit ihren Rand nicht halten können.

Am Inhalt, da gebricht's.
So ist's bei Löchern Sitte.
Der Rand ist außenrum. Und in der Mitte ist das Nichts.
Und eben das meint Merkel auch mit Mitte.

Nun wollen auch die meisten anderen Partei'n ja unbedingt in dieser Mitte sein.
So war es und so ist es immer noch.
In diesem Lande reiht sich Loch an Loch.

+++

Da gibt's zunächst das schwarze Loch der CDU, dem floß aus mancher schwarzen Kasse mal was zu.
Und aus dem schwarzen Kassenloch
tönte das Liebeslied des Roland Koch:
Kein Feuer, keine Liebe kann brennen so heiß wie heimliche Kohle, von der niemand was weiß.
Kein Wunder, daß der Koch seither so hämisch grient.
Ein Volk, das sowas wählt, hat sowas auch verdient.

Nun ist ein Schwarzes Loch, rein astronomisch mal betrachtet, ein Stern, der längst verloschen ist, mithin total umnachtet.
Die ewige Verdunklung eines Lichts.
Was dabei rauskommt? Wieder: Nichts.

+++

Doch auch im SPD-Loch tappt man grauenvoll im Düstern Es sei wie das Bermuda-Dreieck, hört man flüstern:
'ne ganze Arbeiterklasse sei spurlos in dem Loch verschwunden.
Nur August Bebels Leiche wurde noch gefunden.

Dies Dreieck definiert nun sich bei dieser Wahl wie es Pythagoras einst als Gesetz befahl:
'ne rechtsschenklige Rechnerei.
Den Münte setzt man ins Quadrat -
Der Steinbrück rechnet sich hoch zwei.
Das bringt, so hofft man, Steinmeier dann in Potenz.
Und das Ergebnis? Nun, man kennt's.

+++

Dann haben wir da noch ein grünes Biotop, aus dem es früher heftig stürmend stob.
So'n grünes Loch braucht nicht sehr viel, nur eben ein Mandat.
Und wenn es das erst mal erworben hat,
läßt es sich auf dem Parlamentssitz nieder und läßt dann sachte hin und wieder mal einen lauen Sesselfurz heraus.
Ganz leise, sonst erschreckt man sich im Hohen Haus.
Wie sagte der Trittin: Woran ich mich inzwischen mehr und mehr gewöhne, das ist die Kunst der leisen Töne.
Wir schaffen es, jetzt oder nie,
mit alternativer Windenergie.

+++

Und auch die Linke will nicht lochhaft abseits hocken:
Da gibt's genügend Löcher in den roten Socken Es löcheln allerhand Real-Alzheimer, denn die Erinnerung ist im Eimer.
Was von der früh'ren Zeit noch blieb,
Ist ein Gedächtnis wie ein Sieb.

+++

Jetzt hab ich selber was vergessen doch:
War da nicht noch etwas in irgendeinem Loch?
Ach ja! Da liegt ja immer noch
als Hinterlassenschaft im Bundestags-WC
das letzte Häuflein von der FDP,
das uns manch Wähler, schwer beknackt
am Wahltag wieder in die Urne kackt -
statt es mal eben auf die Schnelle
hygienisch wegzuspülen mit 'ner letzten Westerwelle.

Doch der schleicht weiter - immer auf der Suche nach der Macht als Zombie durch den Bundestag und durch die Bundesnacht.
Der neoliberale Zeitgeist bringt den Hirntod auf die Schnelle noch in die letzte graue Zelle.
Wobei der Westerwelle seinem frühen Ende stets die Stirn bot.
Er ist der modernde Beweis: Es gibt ein Leben nach dem Hirntod.

+++

Damit genug vom Nichts und allen Nichts-Versprechern, die uns, die Wähler, immer wieder löchern.
So flüstert es aus jedem Loch:
Ach, wähl mich doch! Ach, wähl mich doch!

Tief aus der deutschen Urne spricht's:
Ihr habt die Wahl hier zwischen Nichts und Wieder-Nichts.

***
Gute Wahl an alle, ich hab's schon getan per Briefwahl. :O
Katrin Walter
http://www.wein-plus.de/fuehrer/

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Reblaus Nord Herbstlich

Das Schröder und Fischer beim Wein gross sind steht fest aber auch die Herrn Jung(ja selbst irgendwie Winzer) und der nicht mehr aktive Friedrich Merz wissen wohl um die Kunst den richtigen Tropfen auf einer Weinkarte zu finden!
Auch sind sonst noch einige Weinfreunde im Bundestag nur Frau Merkel liegt da ganz weit hinten!
Allerdings weiß sie um ihre Pflicht und es gibt bei Staatsbesuchen stetts gute deutsche Weine!

In Anbetracht der aktuellen Situation wäre eine Cuvee aus Schwarzriesling, rotem Traminer, grünem Silvaner und gelbem Muskateller wohl die beste Begleitung des Wahlabends! Ob das alles nicht zu viel ist wird sich zeigen!
Reife Potenzial ungewiss! Vieleicht eher Jamaikacuvee? Oder doch die Ampelasamblage? Oder lieber die Grande Cuvee?

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pivu

Ich werd' am Wahlabend ganz brav sein, schließlich hab' ich dann ein weiteres GG-Tasting (diesmal in Eberbach) hinter mir: also schwarzer Tee mit Zitrone, evtl. ein Schuß (Jamaika-)Rum dazu. Prost.

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Der Captain bitte..

..nicht nochmal grande cuveé. die ist so fad auf dauer...

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Der Captain Ablehnung

Der Captain bekommt freilich auch ablehnende Stellungnahmen, die ihn meistens per Mail erreichen. Diese hier, von einem Weinblogger verfasst, will er der Mannschaft nicht vorenthalten:

"Ich weiß nicht, ob Captain Cork den Grünen mit diesem dummen Aufruf einen gefallen tut. CC schreibt über Wein schon genug Unsinn, muss er sich in der gewohnt oberflächlichen Art nun auch für Politik einsetzen?"

Selbst Leute, die im Internet veröffentlichen, begreifen nicht, wie Internet funktioniert. Hier muss das rein, wo es hingehört!! Ach Mann!?! Tja, man hilf ja gerne, wenn man kann..

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Gast Nummer 1

Deutscher oder österreichischer Blogger?

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Der Captain

Tut nichts zur Sache, egal..

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ardbeg zweifelnd

Grün wählen allein macht die Allgemeinlage auch nicht besser. Die Gesellschaft muß insgesamt wieder politischer werden.
Es fehlen im Alltag Zivilcourage und ein Minimum an Interesse, was ausserhalb meines Gartenzaunes passiert.

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Der Captain

Stimmt schon, in diesem speziellen Falle galt es eine (etwas ironisch gemeinte) Wahlempfehlung für eine Neigungsgruppe abzugeben. Im Gesamten, glaube ich, wird der Politik und mithn der Demokratie immer weniger zugetraut, die wesentlichen Probleme zu lösen..

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