07.11.09 WEINE 4 Einem Freund senden

Go East, Captain: Little Tokaj

Der Mietkeller der Bodós. Kleiner gehts kaumDer Mietkeller der Bodós. Kleiner gehts kaum

Das Weingut Bott von Judit und Josef Bodó ist das Gegenteil aller großen Weingüter im ungarischen Tokaj, das Gegenteil der riesigen Investitionen, die hier getätigt wurden, das Gegenteil der Chateaus und Landgüter. Judit und Josef Bodós Weingut ist ein Flickwerk, das eigentlich nicht existieren dürfte. Banken geben hierfür kein Geld.

Als Basis dient den beiden ein kleiner gemieteter Keller gleich hinter dem Bahnhof der Stadt Tokaj. Geerntet wird von drei Hektar Besitz und Pacht, darunter ein paar wirklich winzige, weit verteilte Flächen. Mühsame Arbeit also.

Doch das Paar jammert nicht, die Bodós sind eine typische Existenzgründerfamilie des neuen Ostens: man macht, was man für möglich hält. Und das mit geringen Mitteln.

Die Bodó sind das Gegenteil von Szepsy, Oremus und Konsorten, weil sie klein bleiben werden und klein bleiben wollen. Zudem haben sie auch gar keine Möglichkeit zu wachsen, denn sie sind zu spät dran. Szepsy hatte noch alle Möglichkeiten günstig Grund zuzukaufen. Die Bodós haben diese Möglichkeit nicht. Also müssen sie flicken und basteln, wo es geht.

Die Bodós sind zu spät, weil Judit, die Agrarwissenschaft studiert hat und alle wesentlichen Sprachen spricht, lange für Südtiroler Großbauern tätig war. Bei diesen Leuten hat sie Äpfel gezüchtet und im Weingarten gearbeitet. In Südtirol wuchs die Liebe zum Wein.

Judits Mann Josef ist Kunsthistoriker und Bodenexperte. Er ist der Entrückte, den ein solch kleines Weingut braucht. Er geht durch die Hügel und findet alte aufgegebene Plätze oder schlecht bewirtschaftete Weingärten, die er für das Familienweingut zu erwerben versucht. Und ihm geht es wirklich auch um kleinste Flecken Land. Um Plätze, die andere gar nicht wahrnehmen. Das ist so klein und so sympathisch, dass es einem anrührt. Vor allem, wenn man die Mittel und Wege heimischer Winzer kennt, die sich um solche Kleinigkeiten nicht mehr scheren müssen - um Kleinigkeiten, die dem Weingut der Bodós die Existenz kosten können.

Aus dem Keller, in dem man sich nicht einmal richtig umdrehen kann, kommt der Furmint „Kiraly" (König) 2008, eine neue Anlage und deren erste Ernte. Der Kiraly ist ein trockener, moderner Wein, wie es der neuen Mode entspricht. Er hat 13,8 % Alkohol und 6 Gramm Zucker. Die Säure hat Judit nicht gemessen, es war ihr nicht so wichtig. Der König ist cremig und elegant, er hat eine etwas ungewöhnliche aber sehr spezielle Zitrusnote. Theoretisch müsste dieser Wein noch einige Monate in der Flasche nachreifen, doch die Bodós können sich das nicht leisten, sie müssen vom Verkauf leben. Und weil sie überzeugend arbeiten, ist der Wein auch schnell ausverkauft.

Dann der Furmint „Csontos" (knochig) 2007, mit 10 Gramm Zucker in das Halbtrockene tendierend. Seine 13,5 % Alkohol sind kaum bemerkbar, dafür aber jede Menge verschiedener Duft- und Geschmacksnoten. Etwa grünes Gemüse, Kastanienschalen, Rosen, Himbeere, auch Pfirsich und ein paar Nuancen Rumtopf. Die Reben sind 35 Jahre alt, ihre Wurzeln haben sich merkbar durch den mineralreichen Boden in die Tiefe gebohrt. Der Csontos ist ein ganz außergewöhnlicher Furmint, von dem es nur ein paar hundert Flaschen gibt. Und um die muss man sich inzwischen anstellen.

Mit den Bodoós weiter zum „Bott-rytis", dem ersten Süßwein der beiden. Bott-rytis ist ein Wortspiel mit dem Namen des Weinguts. Bott ist der Mädchennamen von Judit. Wegen des Wortspiels hat man auch die Firma so genannt. Der Wein ist eine Cuveé aus Furmint (60 %) und Lindenblättrigem (40 %), er hat 12 % Alkohol und 120 Gramm Restzucker. In der Nase duftet er nach Bratensaft und Malzbier, nach Eibisch und Wacholder, nach Tannenwipfel und Harz. Am Gaumen ist er voll und lang anhaltend. Man meint die verschiedene Mineralik zu merken, dass die Trauben auf Stein und Lößboden wachsen.

Der Bott-rytis ist ein typischer Wein für den neuen Osten, eine Kreation aus dem Erfindungsreichtum des Mangels. E in Produkt der Imagination, die ohne große Hilfsmittel und Expertisen auskommt. „Wir kosten die Trauben und ernten, wenn wir es für richtig halten", sagt Judit Bodo. Und meint damit, dass sie keine großen Kontrollen durchführt, sondern erntet, presst und spontan vergärt. Das Wichtigste ist ihr die saubere Arbeit, nicht die Technik, mit der sie diese Sauberkeit herstellt. Die meisten Fässer im Keller sind aus gebrauchtem Holz.

Dann holt sie den Furmint „Teleki" 2007 (nach der Lage benannt), geerntet von sechzigjährigen Stöcken. Wieder ein trockener Wein mit 13 % Alkohol, 4,5 Gramm Zucker. Hier gibt es sogar einen Säurewert: 6,4. Der Teleki wurde in gebrauchtem Holz ausgebaut. Erste Füllung, medium Toasting, drei Jahre alt, Fässer aus Ungarn, Fässer der Gegend. Der Wein ist wie ein Erlebnispark, ein Rummelplatz der Eindrücke. Weihrauchtöne erzeugen einen fast kathedralischen Duft. Nach einigen Minuten duftet er auch nach Distel, Melisse und Löwenzahn. Dazu eine kräftiger, voller, cremiger Abgang. Ein Wein, der neben großen Vigonnier von der Rhone eine gute Figur machen würde. Und ein Beweis des Könnens von Judit Bodo, die auf ihren Instinkt baut, weil sie sonst nichts hat, worauf sie bauen kann.

Weine von Bott bei weinkomplott. Einzelbestellungen möglich.

Neugierig geworden? Hier gibt es alle Folgen der Serie "Go East".



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Kommentare 4

Kommentare

Gast

Scheint keinen zu interssieren, aber ich finde das die beste Geschichte seit langer Zeit. Geht wohl nur mir so.

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winerambler Andächtig

Aber mitnichten, Gast, mitnichten. Wie immer, wenn der Captain Osteuropa ansteuert, ist für spannende Unterhaltung und treffliches Reportieren gesorgt.
Vielleicht ist ja die Rechenaufgabe in der Sicherheitsabfrage zu schwer...

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Statuskrah Reserve

Ein sehr feiner Text, ja. Und wenn wir grade beim Captainloben sind: Zwischendurch muss man auch immer wieder einmal hervorheben, wie schön fotografiert dieser Blog ist, keine Überraschung zwar, trotzdem schön.

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