04.03.10 WEINLEUTE 16 Einem Freund senden

Weinhandel: Cash mit teuren Tropfen

So etwas geht immer... So etwas geht immer...

Solche Zeiten, sagt er, solche Zeiten gab es zuletzt, als die Lire dramatisch gefallen war, 1995. Da verlor die Lire fast die Hälfte ihres Werts. Und er wurde damals berühmt. Für 15 Minuten und ein paar Tage. Er war der Gute und der Böse in Personalunion.

Als die Lire fiel, war er noch jung. Und bei keinem Institut. Bei einem Institut war er dann später in London fast zehn Jahre lang. Zwischen 1998 und 2008. Er hat den Crash der Internetblase überlebt, den Crash der amerikanischen Immobilien überlebte er nicht. Sein Institut warf ihn raus. Eine anständige Abfindung, das war´s. Ausländer, sagt er, Ausländer feuern sie zuerst. Er ist Österreicher.

Als die Lire fiel und er ganz jung war, hat er Mercedes aus Italien geholt. Und BMWs. Ein paar hundert Stück. Die haben 45% weniger gekostet als in Wien oder München. Und dorthin hat er die Wagen exportiert, an Händler verkauft und seine ersten paar Hunderttausend verdient. Er war nicht der einzige, sie waren eine Bande. Und als solche standen sie auch sehr bald schon in der Zeitung. Die deutsche Autoindustrie hat sich zu wehren begonnen. Und dann war der Spaß vorbei. Es war leichtverdientes Geld, sagt er. Und im Gegensatz zu diesen Schuld-Schuldengeschäften der letzten Jahre ein legales und ehrbares Geschäft.

Fünfundneunzig, als die Lire gefallen ist, da hat ihn ein Kollege gefragt, ob er nicht ein paar Kisten Sassicaia 1990 kaufen könne. Die wären ja jetzt auch im Preis gefallen. Und dann sollte er auch noch Ornellaia suchen. Und Tignanello. Er hat sich sehr über die absurden Namen gewundert und Wein hat er damals gerade als Schorle gekannt. Doch auf einmal handelte er auch mit Wein.

Der Kollege rief in New York und Chicago an. Aber auch in München und Frankfurt. Und in London selbst. Er bot den Restaurants einwandfreie Ware an. Um ein Viertel billiger als reguläre Händler. Die Rendite lag bei 40 %. Es war wie Gelddrucken, sagt er. Das einzig Mühsame war das andauernde Faxen, denn Mail und Internet gab es noch kaum.

Teure Weine: Es ist kein Geschäft, es ist wie Geld drucken

Er hat aus Italien auch französische Weine zurückgekauft. Und sogar kalifornische. Opus One. Und Monte Bello von Ridge. Bei Ridge waren Aufkleber des italienischen Importeurs dran, dann Aufkleber des englischen Importeurs davor. Und jetzt flogen die Kisten wieder nach New York zurück. Damals begriff er, welche Begehrlichkeiten wichtiger Wein wecken konnte. Und das roch nach Geld.

Mit dem privaten Handeln hat er wieder angefangen, nachdem sie ihn aus der Bank geworfen haben. Da ist er nach Südfrankreich gegangen, wo er jetzt lebt. Hier sitzt er in einem Haus und blickt in den Frühling, der in Südfrankreich schon etwas präsenter ist, als in Berlin oder London. Am Schreibtisch zwei Laptops und drei Bildschirme. Er handelt freilich nicht nur mit Wein, nach dem Erdbeben in Chile dealt er jetzt vor allem mit Kupfer. Denn da kann es zu Engpässen kommen. Aber Wein, Wein geht immer. Zwischendurch. Und Wein kann reich machen.

Begonnen hat es letztes Jahr. Da hat er in größerem Umfang französische Weinkeller leergekauft. Von großen Restaurants, die damit nicht in die Öffentlichkeit wollten (der Captain hat darüber berichtet). Er ging hin und cashte für den ganzen Keller. Also auch für die kleineren Weine, die Cru Bourgeois und die Chablis, wenn die jung waren.

Die wertvollen Flaschen bot er in Europa an. Vor allem seinen alten Kontakten in London, die keineswegs am Verarmen waren, obwohl sie in der Bank arbeiteten und vom Steuerzahler gestützt werden mussten. Die mittelprächtige Ware exportierte er nach Russland und nach China. Die haben dort kein Ahnung, sagt er. Hauptsache Frankreich, Hauptsache Marke, Hauptsache eine Wertung um die 100 Punkte. Wer die Wertung vergeben hat, ist scheißegal. Und auch wenn sie gelogen ist. Alles scheißegal.

In Shanghai hat er an einem Tag über 20.000 Euro verdient. Mit ein paar Kisten Krug-Champagner, ein Zeug, das ihm persönlich nicht schmeckt. Aber Krug ist wie Gold, sagt er. Und er glaubt, dass Wein in den aufstrebenden Ökonomien eine Art Währung ist, wie er es im Westen nie war. Wein ist Lebensstil, sagt er. Lebensstil, den man relativ günstig kaufen kann.

Teure Weine: Die Asiaten kaufen immer noch wie verrückt 

China, eigentlich ganz Asien, ist ihm symphatischer als Russland. In Russland kaufen nur Reiche und wohlhabende Apparatschiks Weine von seinen Händlern. Lauter Angeber und Arschlöcher, sagt er. In China aber schenken sie das Zeug auch in Bars aus. Chateau Margaux 2001 glasweise. Um ein Schweinegeld. Aber dort trinken es nicht nur bekloppte Neureiche, dort erreicht der Wein auch schon die Mittelschicht.

China, sagt er, ist der Zukunftsmarkt für Wein. Dort spielt die Musik.

In den letzten paar Tagen hat sich viel getan. Der Pfund wird von Währungsspekulanten massiv angegriffen und verliert an Wert. Das wird noch eine Zeitlang so gehen, sagt er. Und er will davon profitieren. Also kauft er kistenweise Weine zurück. Tolle Italiener, aber auch viele Kisten Grange von Penfolds, die urplötzlich wieder am Markt aufgetaucht sind. Das Zeug geht alles nach Asien, sagt er, dort ist wieder Leben nach der Krise angesagt. Aber er hat auch Bestellungen aus Polen und Brasilien.

Zum Schluss gibt er dem Captain ein Beispiel. Eine Kiste Sassicaia 2003 (kein besonders gutes Jahr) kostet derzeit rund 930 Euro. Er kauft zwanzig Kisten. Es dauert eine halbe Stunde bis diese virtuell bei einem Händler in Hongkong landen, der sie aus der Sonderzone heraus in das Festland verkauft. Dann wird noch etwas gehandelt, jeder probiert seine Muskeln. Am Ende bekommt er 1.242 Euro für eine Kiste, 312 Euro Gewinn je Einheit. Macht 6.240 Euro Gewinn heute. Später am Tag wird er noch einen ähnlichen Deal durchziehen. Mit Südafrika. Die sind zwar pleite, wollen für die WM nur das beste, sagt er. Vorauskasse.

Er glaubt, dass sich die großen Namen keine Sorgen machen müssen. Bolgheri und Bordeaux, große Champagner und große Burgunder. Wer vor zwanzig Jahren eine Marke kreiert hat, ist auch heute voll dabei. Die Krise wird 20 Jahre dauern, sagt er. Und eventuell ein anderes System entstehen lassen. Doch getrunken wird immer. Und Reiche wird es auch immer geben. Er ist ihr Dealer, sagt er, geht in die Küche und öffnet einen Chassagne Montrachet von Gagnard. Auch ein Glas?

 



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Kommentare 16

Kommentare

Statuskrah

Ich möchte den Text kaufen. Wenn für gute Qualität auch wieder gutes Geld bezahlt wird, werde ich ihn teuer wiederverkaufen. Sehr schön, Captain!

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Tiefgaragenwinzer

wahrlich eine schöne geschichte. das muss schon ein teufelskerl sein. und von wem er die weine kauft und an wen er sie verkauft, und die preisrecherche, der transport, die versicherung, naja ein bisl was wird schon über bleiben.
vom banker zum broker, vom unbeliebtesten job weltweit zum unbeliebtesten in der weinbranche. wenn er meint...

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Mister Spuck ... durstig nach was anderem

Tolle Geschichte. Ich geh mir jetzt ein Bier aufmachen.

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Christian G.E.Schiller

Klasse geschrieben. Habe gestern etwas ueber den Emerging Wine Giant China geschrieben

http://www.schiller-wine.blogspot.com/2010/03/emerging-wine-giant-china-...

Das hat ja zwei Seiten. Einmal inwieweit China als Produzent von Billigweinen oder auch anderen auf den Weltmarkt draengen wird und zum anderen wie der Chinesische Konsument die Preise auf dem Weltmarkt beeinflussen wird.

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Erster Offizier

Danke. Wir hier an Bord glauben nicht, dass chinesische Billgigweine in Europa noch Fuß fassen werden. Die bleiben dem neuen Mittelstand im Lande. Und wir glauben auch, dass die chinesische Konjunktur die Preise für teure Weine stabilisiert hat. Mehr aber nicht. Wie es weitergeht wird die Konjunkturentwicklung zeigen. Wer Motor wird. Und ob ein Motor gebraucht wird.

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Christian G.E.Schiller

Chinesische Weine werden es sicher schwer in Europe haben, werden aber auf vielen Weltmaerkten mit Europaeischen Weinen in Konkurrenz treten und ihnen dort das Leben schwer machen. Andererseits wird die wahnsinnig Kaufkraft, die hinter den Chinesen stehen wird, den Weltweinmarkt massiv beinflussen. Als Folge wird sich die Europaeische Weinproduktion stark auf China und Asien ausrichten. Da werden halt in Zukunft die Weine getrunken werden und gute Preise bezahlt. Suedfrankreich etwa steht schon in den Startloechern. Oder ein Wein wie Mouton Cadet Rothschild kann gut ein Renner in China werden.

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Dirk Würtz ...bestens

Genialer Beitrag. Mit das Beste was ich zu dem Thema seit langem gelesen habe.

Ich mag Krug übrigens sehr gerne...

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Erster Offizier

Danke Herr Würtz, Ihr Lob freut alle hier an Bord.

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Florian Holzer (via facebook)

schön, wenn all die weitgereisten mileage-flaschen, die um zuge diverser wein-warentermingeschäfte ein paarmal um den globus schipperten, endlich einmal von wem weggetrunken werden, der das wahre und gute noch zu erkennen weiß: das etikett.

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el hottino neugierig

die frage des transportes beschäftigt mich schon länger. wie werden diese hochpreisigen weine zu uns transportiert? speziell gefederte und klimatisierte fahrzeuge und schiffe?

das gilt nicht nur für übersee: wie werden die franzosen und italiener zu uns gekarrt? einfach auf euro-paletten und ab in den aufleger? oder doch in spezialfahrzeugen? weiss da wer was?

wenn ich meine (w)einkaufreise... *ähh* *hust* "bildungsreise" nach montalcino mach, sammle ich auch erst am tag der abreise alle vorbestellten kisten ein und fahr nonstop in den keller... dort kriegen dann meine schätzchens ein paar wochen ruhe. damit sie sich nach der aufregenden fahrt ein wenig beruhigen können und beim trinken nicht zu nervös sind.

oh mann, ich freu mich auf den urlaub... *sabber*

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el hottino erfreut

oh, herr holzer! schon lang nixi mehr gelesen von ihm.

wie ist denn das werte befinden? doch gut, hoff ich?

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stlaurent

sehr feiner text klimek!
edle schärfe, breiter abgang, herbe note,
kokette inbalance ;-)

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adega24

Ja, ja, die Chinesen, Inder und Brasilianer kaufen und saufen jetzt den ganzen guten Stoff weg ;-)
http://www.adega24.com

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Hans Martin Gesellmann

@el hottino: prinzipiell werden die Weine vom Weingut abgeholt und dann direkt zum Händler ins Lager gebracht, im Sommer bzw. bei warmen Temperaturen werden auch gekühlte Transporter verwendet (speziell bei teureren Weinen)
F.X. Pichler verschickt seine Smaragde zum Beispiel auch in Österreich mit gekühlten Transportern.

zum Artikel wäre anzumerken, dass Flaschen die schon um die Welt gereist sind einen wesentlich niederigern Preis am Sekundärmarkt erzielen...

mfg

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Der Captain

Sekundärmarkt-Abschläge: Offenbar nicht dort, wo man den Wein unbedingt will.

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Hans Martin Gesellmann

Momentan mag das ja stimmen, bei uns wurde ja bis vor kurzem auch noch auf Teufel komm raus alles bei ebay ersteigert ohne Rücksicht auf die Herkunft, aber genauso wie sich das bei uns geändert hat, wird es sich auch dort ändern. Zahllose oxydierte und zu warm transportierte Flaschen werden ihren Beitrag dazu leisten....

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