Solche Zeiten, sagt er, solche Zeiten gab es zuletzt, als die Lire dramatisch gefallen war, 1995. Da verlor die Lire fast die Hälfte ihres Werts. Und er wurde damals berühmt. Für 15 Minuten und ein paar Tage. Er war der Gute und der Böse in Personalunion.
Als die Lire fiel, war er noch jung. Und bei keinem Institut. Bei einem Institut war er dann später in London fast zehn Jahre lang. Zwischen 1998 und 2008. Er hat den Crash der Internetblase überlebt, den Crash der amerikanischen Immobilien überlebte er nicht. Sein Institut warf ihn raus. Eine anständige Abfindung, das war´s. Ausländer, sagt er, Ausländer feuern sie zuerst. Er ist Österreicher.
Als die Lire fiel und er ganz jung war, hat er Mercedes aus Italien geholt. Und BMWs. Ein paar hundert Stück. Die haben 45% weniger gekostet als in Wien oder München. Und dorthin hat er die Wagen exportiert, an Händler verkauft und seine ersten paar Hunderttausend verdient. Er war nicht der einzige, sie waren eine Bande. Und als solche standen sie auch sehr bald schon in der Zeitung. Die deutsche Autoindustrie hat sich zu wehren begonnen. Und dann war der Spaß vorbei. Es war leichtverdientes Geld, sagt er. Und im Gegensatz zu diesen Schuld-Schuldengeschäften der letzten Jahre ein legales und ehrbares Geschäft.
Fünfundneunzig, als die Lire gefallen ist, da hat ihn ein Kollege gefragt, ob er nicht ein paar Kisten Sassicaia 1990 kaufen könne. Die wären ja jetzt auch im Preis gefallen. Und dann sollte er auch noch Ornellaia suchen. Und Tignanello. Er hat sich sehr über die absurden Namen gewundert und Wein hat er damals gerade als Schorle gekannt. Doch auf einmal handelte er auch mit Wein.
Der Kollege rief in New York und Chicago an. Aber auch in München und Frankfurt. Und in London selbst. Er bot den Restaurants einwandfreie Ware an. Um ein Viertel billiger als reguläre Händler. Die Rendite lag bei 40 %. Es war wie Gelddrucken, sagt er. Das einzig Mühsame war das andauernde Faxen, denn Mail und Internet gab es noch kaum.
Teure Weine: Es ist kein Geschäft, es ist wie Geld drucken
Er hat aus Italien auch französische Weine zurückgekauft. Und sogar kalifornische. Opus One. Und Monte Bello von Ridge. Bei Ridge waren Aufkleber des italienischen Importeurs dran, dann Aufkleber des englischen Importeurs davor. Und jetzt flogen die Kisten wieder nach New York zurück. Damals begriff er, welche Begehrlichkeiten wichtiger Wein wecken konnte. Und das roch nach Geld.
Mit dem privaten Handeln hat er wieder angefangen, nachdem sie ihn aus der Bank geworfen haben. Da ist er nach Südfrankreich gegangen, wo er jetzt lebt. Hier sitzt er in einem Haus und blickt in den Frühling, der in Südfrankreich schon etwas präsenter ist, als in Berlin oder London. Am Schreibtisch zwei Laptops und drei Bildschirme. Er handelt freilich nicht nur mit Wein, nach dem Erdbeben in Chile dealt er jetzt vor allem mit Kupfer. Denn da kann es zu Engpässen kommen. Aber Wein, Wein geht immer. Zwischendurch. Und Wein kann reich machen.
Begonnen hat es letztes Jahr. Da hat er in größerem Umfang französische Weinkeller leergekauft. Von großen Restaurants, die damit nicht in die Öffentlichkeit wollten (der Captain hat darüber berichtet). Er ging hin und cashte für den ganzen Keller. Also auch für die kleineren Weine, die Cru Bourgeois und die Chablis, wenn die jung waren.
Die wertvollen Flaschen bot er in Europa an. Vor allem seinen alten Kontakten in London, die keineswegs am Verarmen waren, obwohl sie in der Bank arbeiteten und vom Steuerzahler gestützt werden mussten. Die mittelprächtige Ware exportierte er nach Russland und nach China. Die haben dort kein Ahnung, sagt er. Hauptsache Frankreich, Hauptsache Marke, Hauptsache eine Wertung um die 100 Punkte. Wer die Wertung vergeben hat, ist scheißegal. Und auch wenn sie gelogen ist. Alles scheißegal.
In Shanghai hat er an einem Tag über 20.000 Euro verdient. Mit ein paar Kisten Krug-Champagner, ein Zeug, das ihm persönlich nicht schmeckt. Aber Krug ist wie Gold, sagt er. Und er glaubt, dass Wein in den aufstrebenden Ökonomien eine Art Währung ist, wie er es im Westen nie war. Wein ist Lebensstil, sagt er. Lebensstil, den man relativ günstig kaufen kann.
Teure Weine: Die Asiaten kaufen immer noch wie verrückt
China, eigentlich ganz Asien, ist ihm symphatischer als Russland. In Russland kaufen nur Reiche und wohlhabende Apparatschiks Weine von seinen Händlern. Lauter Angeber und Arschlöcher, sagt er. In China aber schenken sie das Zeug auch in Bars aus. Chateau Margaux 2001 glasweise. Um ein Schweinegeld. Aber dort trinken es nicht nur bekloppte Neureiche, dort erreicht der Wein auch schon die Mittelschicht.
China, sagt er, ist der Zukunftsmarkt für Wein. Dort spielt die Musik.
In den letzten paar Tagen hat sich viel getan. Der Pfund wird von Währungsspekulanten massiv angegriffen und verliert an Wert. Das wird noch eine Zeitlang so gehen, sagt er. Und er will davon profitieren. Also kauft er kistenweise Weine zurück. Tolle Italiener, aber auch viele Kisten Grange von Penfolds, die urplötzlich wieder am Markt aufgetaucht sind. Das Zeug geht alles nach Asien, sagt er, dort ist wieder Leben nach der Krise angesagt. Aber er hat auch Bestellungen aus Polen und Brasilien.
Zum Schluss gibt er dem Captain ein Beispiel. Eine Kiste Sassicaia 2003 (kein besonders gutes Jahr) kostet derzeit rund 930 Euro. Er kauft zwanzig Kisten. Es dauert eine halbe Stunde bis diese virtuell bei einem Händler in Hongkong landen, der sie aus der Sonderzone heraus in das Festland verkauft. Dann wird noch etwas gehandelt, jeder probiert seine Muskeln. Am Ende bekommt er 1.242 Euro für eine Kiste, 312 Euro Gewinn je Einheit. Macht 6.240 Euro Gewinn heute. Später am Tag wird er noch einen ähnlichen Deal durchziehen. Mit Südafrika. Die sind zwar pleite, wollen für die WM nur das beste, sagt er. Vorauskasse.
Er glaubt, dass sich die großen Namen keine Sorgen machen müssen. Bolgheri und Bordeaux, große Champagner und große Burgunder. Wer vor zwanzig Jahren eine Marke kreiert hat, ist auch heute voll dabei. Die Krise wird 20 Jahre dauern, sagt er. Und eventuell ein anderes System entstehen lassen. Doch getrunken wird immer. Und Reiche wird es auch immer geben. Er ist ihr Dealer, sagt er, geht in die Küche und öffnet einen Chassagne Montrachet von Gagnard. Auch ein Glas?







So etwas geht immer... 



Ich möchte den Text kaufen. Wenn für gute Qualität auch wieder gutes Geld bezahlt wird, werde ich ihn teuer wiederverkaufen. Sehr schön, Captain!