01.11.09 WEINWISSEN 13 Einem Freund senden

Terroir: Schmeckt Wein nach Erde?

So viel Terroir. Auch des Captains Önologe greift sich auf den Kopf So viel Terroir. Auch des Captains Önologe greift sich auf den Kopf

Ein geologischer Kongress brachte es an den Tag. Nichts ist wahr am wilden Weingefasel über den Boden, seine Mineralien, seine Salze und dass man Wein an seinem Terroir erkennen könne. Alles Humbug. Sagen die Geologen.

Das hätte der Captain den Wissenschaftlern gleich sagen können, denn vor Jahren wurde in Deutschland, in Franken, ein Experiment durchgeführt, das diesen Beweis lange vor den amerikanischen Geologen erbrachte. In einer Versuchsanlage wurden mehrere Rebstöcke einer Sorte (der Captain erinnert sich an Riesling) auf verschiedenen Böden angepflanzt. Der daraus gekelterte Wein konnte von Weinexperten bei Blindproben nicht unterscheiden werden. Egal, auf welchen Boden er wuchs. Schiefer, Kalk, Kiesel, Urgestein, Ton, Mergel: alles gleich.

Die Winzer, die von dieser Studie erfuhren, haben das freilich nicht groß herausposaunt. Es hätte viele Fragen aufgeworfen.

Natürlich verwirrt das diejenigen, die sich einbilden, eine Region, einen lokalen Weingarten, erkennen zu können. Und es heißt auch, dass sich tausende deutsche Rieslingwinzer ihr Geschwätz von der Mineralität sonstwohin stecken können. Aber heißt es das wirklich?

Denn auch der Captain bildet sich ein, einen Wein einer Region zuordnen zu können. Bordeaux zum Beispiel. Und dort vor allem St. Estephe und St. Julien. Weniger an den Trauben der Cuveé, mehr noch am Charakter des Weins, den der Captain selbstredend dem Boden zuschlägt.

Also steckt nicht nur der Captain in einem Dilemma, verweist die Studie doch alle, die sich das einbilden, in das Reich der Phantasten. Alle im Wunderland.

Doch der intelligente und umfassend gebildete, mitunter leider etwas wütend oberlehrerhafte Weinblogger Eckhard Supp gibt dem Captain eine gute Erklärung für seine Einbildung. Terroir ist eben nicht nur der Boden auf dem der Wein wächst.

Terroir, so Supp vom Captain etwas grob zusammengefasst, ist, da zitiert Supp selbst aus einem französischen Weinmagazin, „die Summe der natürlichen und kulturellen Parameter, die die geschmackliche Identität eines Produkts ausmachen ... Es beinhaltet nicht nur geographische, geologische, vegetative und klimatische Aspekte, sondern wird auch von der Art bestimmt, wie der Mensch seine Umgebung wahrnimmt, im Gedächtnis speichert und von Generation zu Generation weitergibt."

Das kling poetisch und ist es auch. Doch mit dieser Poesie begeben sich alle, die dieser Poesie folgen in das Reich der Kreationisten, der Hineinfantasierer. Es ist der alte Kampf von bewiesenen Wissen gegen geahntes Wissen. Und es wundert den Captain, hier auf einmal auf der anderen Seite zu stehen.

Doch er tut das gerne. Gerne wird der Captain auch weiterhin von Terroir schwafeln. Und dass er dieses Terroir, wie auch immer, wahrnimmt. Und er wird nicht der Einzige sein, denn der Captain kennt ein paar Menschen mehr, die das ebenso begreifen.

Zum ausführlichen Text von Eckhard Supp geht es hier.

Und hier noch ein Artikel von Michael Liebert zum Thema.

Und trotz allem bildet sich der Captain weiterhin ein, Schieferböden schmecken zu können. Jaja, er weiß, es gibt keinen Gott.



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Kommentare 13

Kommentare

Alice juristisch phantasielos

Ganz so poetisch ist die Meinung von Hr. Supp gar nicht. Immerhin sieht es der EU-Gesetzgeber (nicht unbedingt für Phantasie und Poesie bekannt) bzgl des Schutzes von Lebensmitteln (in der zitierten VO nicht Wein) aus einer bestimmten geographischen Gegend durchaus ähnlich.

... "Ursprungsbezeichnung" iSd der EG Verordnung VO 510/2006 EG (VO zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen von Lebensmitteln bezeichnen den Namen einer Gegend, oder…, der zur Bezeichnung eines …Lebensmittels dient, das aus dieser Gegend, … Land stammt, das seine Güte oder Eigenschaften überwiegend oder ausschließlich den geografischen Verhältnissen einschließlich der natürlichen und menschlichen Einflüsse verdankt und das in dem abgegrenzten geografischen Gebiet erzeugt, verarbeitet und hergestellt wurde....

Auf die Wahrnehmung der Umgebung durch den Menschen bezieht sich das wohl nicht, sicher aber auf Traditionen von Anbau und Herstellung, die an die nächsten Generationen weitergegeben werden.

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Hannes Sabathi (via facebook)

die Summe der natürlichen und kulturellen Parameter, die die geschmackliche Identität eines Produkts ausmachen ... stimmt ganz und ist nicht nur poetisch - denn
1. hab noch keinen geologen getroffen der technisch weinkosten kann
2. es gibt leute die kosten blind den boden (kalk, schiefer, schotter, sand) heraus - so einen kenn ich sogar
3. können wir gerne ein tasting organisieren
4. und wenn ein franz. winzer sagt es ist kalk boden dann muss man das erst einmal nachgehen ob der wirklich vom kalk boden kommt
5. ich denke der konsument ist sowieso mit den bodenarten überfordert und eh unter den winzern nur ein thema - was nicht heißt dass man den boden in der beschreibung des weines mithinein nimmt ...

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Statuskrah Reserve

Oh, der BMW-Fahrer, guten Morgen.

Zurück zum Thema: Ich kann ja hier gut mitreden, weil ich blind gar nix schmeck außer schmeckt-mir/schmeckt-mir-nicht. Aber auch als Kombüsenboy möchte ich mir vorstellen, dass es einen Unterschied für die Traube und den Wein macht, ob ein Boden zum Beispiel Feuchtigkeit eher speichert oder ableitet, den man eventuell auch schmecken könnte, wäre man Mitglied der Offiziersmesse. Einmal abgesehen davon, dass ich die Beschreibung von Weinen in vielen Fällen ohnehin für ein ziemlich beliebiges, um nicht zu sagen unseriöses Genre halte.

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syl (via facebook)

im decanter steht: Gelöste Mineralstoffe seien wohl im Wein nachweisbar, diese hätten aber nichts mit den Mineralstoffen der Böden zu tun. Auf der Suche nach dem Ursprung der Wein-Mineralik tappt man noch im Dunkeln.
Damit ist nicht allerdings bewiesen, dass Bodenchemie und Geologie den Wein nicht beeinflussen. Man versteht einfach noch nicht, wie.

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Peter Zöhrer (via facebook)

sag ich seit jahren, kann das wort terroir gar nicht mehr hören!

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Tiefgaragenwinzer

ja, man schmeckt halt nicht die mineralstoffe (stein schmeckt und riecht nämlich nach nix), sondern, wie der wein geworden ist, weil er auf so einem boden gewachsen ist.

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Armin Tement (via facebook)

leider gottes wird das sogenannte terroir oft mit derben PHENOLISCHEN-geschmackstoffen ( phenol =gerbstoff) verwechselt. das ergebnis bei neuesten verkostung ist daher meistens, dass der letzte MIST gewinnt & und dieser wird auch noch als großer TERROIR-betonter wein gesehen, obwohl diese weine nur unsauber und grün und eigentlich keinen WAHREN charakter besitzen. daher bin ich auch dafür, nicht bei jeder kategorie wein von terroir zu sprechen. aber, wie der sabathi uns schon ausführlich mitteilte: den boden kann man absolut herauskosten. das ist ja das ziel von uns winzern-> die nachvollziehbarkeit der HERKUNFT unserer weine= TERROIR

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pivu

Ich hab's längst aufgegeben, a) über den Begriff "Terroir" zu diskutieren (und verwende ihn selbst kaum mehr), weil eh jeder was anderes darunter versteht oder verstehen will, und b) alles im Leben verstehen zu müssen. Es ist wie's ist, da kann mir die Wissenschaft erzählen was sie will. Die soll mir erst mal erklären, warum ich Weine von Kalkböden so gerne mag und meist auch erkenn' ...

Die Alles-Besserwisser sollten vielleicht mal induktiv an die Sache rangehen, das ist auch ein wissenschaftlicher Ansatz, der im Falle von "Terroir" eher zum Erfolg führen sollte.

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Eckhard Supp

Richtig, wie die Mineralität muss auch das Terroir heute leider für alles oder nichts herhalten. Natürlich beeinflusst die chemische Zusammensetzung des Bodens UNTER ANDEREM den Geschmack von Weinen. Wir sollten jetzt nicht in umgekehrter Richtung das Kind mit dem Bade ausschütten.

Wer aber sagt, er könne Weine von Kalkstein oder Kalkböden in der Blindprobe erkennen, der muss erst mal präzisieren, welche Art Kalkstein oder Kalkboden er überhaupt meint. Denn die bestehen ja nicht aus 100 % Calciumcarbonat, sondern, je nach ihrer Entstehung (maritim etc.), aus zahlreichen anderen Elementen, Mineralien. Gehen die vielleicht nicht in den Geschmack ein und können den hypothetischen Einfluss des Kalks vielleicht sogar überlagern? Und, wie Hannes Sabathi sagt, ist denn wirklich alles Kalkboden, was mir der Winzer oder Weinhändler als Kalkboden verkaufen will?

Außerdem müsste ein solcher Wein in Weinberg und Keller so behandelt worden sein, dass man überhaupt davon ausgehen kann, dass er geschmacklich noch etwas von seinem Ursprung verrät. Und, Hand aufs Herz, wie zahlreich sind denn die Weine, die heutzutage nicht aufgesäuert, mit Aromahefen vergoren oder mit Enzymen, Bakterien getrimmt werden, von den Totschlagsbehandlungen, die ihre Weinberge über sich ergehen lassen müssen, einmal ganz abgesehen?

Wenn auch nur 1 Prozent der Weine, deren Winzer/Weinmacher/Verkäufer so gerne von Mineralität und Terroir faseln, wirklich einen solchen Charakter zeigten, dann wären wir in punkto Weinqualität schon deutlich weiter als wir es tatsächlich sind.

Ich habe in den 30+ Jahren meiner beruflichen Beschäftigung nun wirklich schon den einen oder anderen Wein verkostet. Und mit ein wenig gesundem Menschenverstand ließe sich sogar behaupten, dass der eine oder andere Wein von Kalkboden dabei war. Zu behaupten, ich könne mit auch nur annähernder Sicherheit bei einer statistisch relevanten Anzahl Weinen (ich rede nicht von Zufallstreffern und dem, was die Engländer "educated guessing" nennen) Kalk- oder Schiefer- oder Mergel- oder sonstwelche Böden in blinder Probe herausschmecken, habe ich mir jedenfalls noch nicht angemaßt.

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saarwein

Da hätte ich die Frage, wieso ich in kleiner Runde bei Blindproben meistens die Zusammensetzung des Bodens erkenne? Und zwar nicht nur bei Devonschiefer-Riesling oder österreichischen Rieslingen, die auf Löß- oder Tonböden wachsen, sondern auch bei Weinen aus dem Jura, aus Südfrankreich, aus Sachsen, oder aus Slowenien. Ich glaube, dass das nicht nur auf dieses Gesamtgefühl von Region und Einflüssen zurückzuführen ist, sondern auch auf eine spezielle Mineralität der Böden. Oder bilde ich mir das alles seit Jahren nur ein?

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Erster Offizier

Eckhard Supps Blog:

http://enoworldwine.wordpress.com/

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Statuskrah Reserve

Alles gesagt. Obwohl ich neulich, für einen kurzen Moment, bei Tinnacher meinte, den Lehm seiner Steinbach-Lagen irgendwie, wie sage ich jetzt, erkennen und vielleicht auch wiedererkennen zu können, mindestens vergleichsweise zu den anderen Weinen (und, eh klar, unter Anleitung). Wenns denn der Lehm war, und nicht einfach das Tinnacherische. Oder schlicht Einbildung unter Alkoholeinfluss, damit sollte man ja auch immer rechnen.

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Reblaus Nord Denkt...

Ich will jetzt nicht mehr so ins Detail gehen das ist schon sehr gut hier geschehen.
Nur gerade die Tage habe ich die Arbeit von einem Master of Wine Studenten(die Streiken ürbrigens nicht, klar gibt ja immer reichlich Wein im Unterricht!) gelesen welche vom Institute als die beste zum Thema "Terroir" ausgezeichnet wurde.
Jetzt darf der arme Kerl als Belohnung 1 Woche zu den Top Chateaus nach Bordeaux und 1 Woche in Douro zu den Portweinherstellern. Wie gesagt arme Sau!

In seiner Arbeit steht so ziemlich alles was hier auch angesprochen wurde und noch ein paar andere Sichtweisen auch, jedoch war für mich das Beste an der Abhandlung seine Sicht wie Terroir entsteht.

Er glaubt da eher an einen Art "sich selbst erfüllente Prophezeihung" die ihre Fortsetzung findet in einer Qualitätsspirale!

D.h. ein Winzer /Weintrinker/Kritiker denkt oder bermerkt bzw. denkt zu merken das der Wein aus Weingarten XY einfach super ist!
Ok jetzt kniet der Winzer sich da sehr rein in den Weingarten und versucht noch mehr aus dem Weingarten raus zuholen(qualtativ!) Komuniziert das auch und somit geht die Spirale los, der Wein wird hochwertige und teuerer(alles zurecht!), gut der Wein hat viel Erfolg auf dem Markt: Medien und Sommeliers alle Loben Ihen! Toll!
Naja nächstes Jahr kniet sich der Winzer in den Wiengarten noch mehr rein den schließlich will er ja der Erwartungshaltung des Marktes standhalten und logischerweise auch mehr Wertschöpfung für sein "Reinknien" bekommen(auch zurecht!) also geht das Spiel von neuem los.... und endet beim MörderKultTerroirWein den man irgendwann gar nicht mehr besser machen kann deshalb muß ein neuer Wein, neue Selktion von dem Wein oder was auch immer her den der Markt will ja nicht enttäuscht werden....
Wie und wo das letztendlich immer endet wir wohl oder übel nicht nur am Winzer liegen!

Aber ich denke das so sehr viel "Terroir gemacht wird"!

Den eigendlich ist Terroir oft ja nur ein anderes Wort für U(nique)S(elling) P(ostion) also etwas nicht von anderen nachmachbar! Und wollen wir nicht gerade in der heutigen Zeit alle was Einzigartiges?

Indivitulität ist doch das Schlagwort der Werbung seit jeher!

Bitte mich nicht falsch verstehen ich bin ein "Terroirgläubiger" durch und durch nur was ich aus der Arbeit mitnehme ist einfach die Frage: Wer bestimmt was und ab wann Terroir ist und was einfach nur guter Wein ist?

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