Der Captain hat seinen Rausch ausgeschlafen. Bis spät Nachts hat er heute morgen noch Weine mit Gerhard Retter verkostet, darunter ein paar interessante Raritäten und Neuigkeiten, die nun in loser Folge Weine der Woche werden.
Unter den Flaschen, die gestern ihren Kork für immer verloren haben, war auch ein 100 Punkte-Wein. 100 Punkte nicht von Bad-Boy Parker, sondern vom spanischen Guia Proensa, ein weiterer radikalsubjektiver Bewerter, über den der Captain kein Wort verlieren will. Aber wenn ein Wein die Höchstwertung bekommt, dann muss an ihm schon was dran sein. Nur was?
Die spanische Winzerschaft ist in der Krise. Nirgendwo sonst gibt es eine derartige Überproduktion. Und nirgendwo sonst hat man in den letzten Jahren so viele neue Kreationen auf den Markt gehievt. Das ging jahrelang gut, denn der boomende Inlandsmarkt stützte den steigenden Export. Spanischer Wein war eine Goldgrube, viele Winzer bauten sich Schlösser. Und Schuldenberge. Das rächt sich jetzt.
Schlösser und Schulden. Wohin geht der spanische Wein?
Das rächt sich, weil der Inlandsmarkt in der Krise vor allem bei teuren Weinen zum versiegen kommt. Zudem ist Spanien nicht wahnsinnig bevölkerungsreich. Der Export muss sich seit geraumer Zeit gegen billige Weine aus Australien und Lateinamerika behaupten. Die spanische Strategie gegen den Einbruch war nicht dumm: Man versuchte mit hohen Parker-Berwertungen und leicht sinkenden Preisen Druck von den Winzern zu nehmen. Und ihnen klar zu machen, dass die Zeiten der gigantischen Produktionsmengen vorbei sind.
Doch das Schiff ist in Fahrt und die Mengen werden nicht weniger. Deswegen steht Spanien unter all den prestigeträchtigen Weinnationen am schlechtesten da. Hier sind radikale Einschnitte zu erwarten.
Das alles hat viel mit dem Rioja zu tun, den der Captain mit Gerhard Retter gestern Abend entkorkt hat. Denn der Amaren 2004 sollte einst ein weiterer teurer spanischer Prestigewein werden. Dieses Vorhaben hat die Kellerei mal aufgeschoben. Und wahrscheinlich beerdigt.
Der Amaren wurde zu einer Zeit in die Fässer gelegt, als alles eitle Wonne schien, als Geld keine Rolle spielte. Alte Reben (60 Jahre), neuer Keller, nur neue Maschinen, eigenes Holz aus Frankreich - das ganze Programm der Angeberei. Dazu eine hochwertige (aber hässliche) Flasche und ein konservativ-modernes Etikett. Das Ziel: 60.000 Käufer der neuen Mittelschicht. Der ursprünglich geplante Preis: Fünfzig Euro, Tendenz steigend. Damit ist jetzt wohl Essig.
Einst ein Star, jetzt ein Schnäppchen
Denn den Amaren gibt es nun als "Schnäppchen". Unter dreißig Euro. Das ist wenig für einen Wein, der auch in anderen Weinführern zwischen 90 und 100 Punkten liegt, also der Spitze Spaniens angehört. Wie schmeckt der Amaren?
Im Glas ein tintendunkler Tempranillo (100 %), kaum Schlieren, trotz hohem Alkohol (14,5 %). In der Nase dann zuerst florale Töne, Veilchen, Kirsche, Thymian, grüne Kräuter. Dann sehr schnell und prächtig: Kokos. Und wenn Kokos die Nase streift, dann sind es meist Fässer amerikanischer Eiche. Das kann man in diesem Fall laut Herstellerangabe ausschließen, also wurden die Fässer "amerikanisch" getoastet. Ganz klar, wo der Wein landen sollte. In Amerika.
Doch das Holz ist nicht vordergründig sondern gut eingebunden. Dennoch handelt es sich hier um keinen Rioja wie wir ihn kennen (deswegen wurde die Kennzeichnung der Region auf dem Etikett auch eher klein gehalten), sondern um einen Vorbildwein internationaler Stilistik, ein Täuschobjekt, ein Schwindler. Aber er schmeckt.
Ein Schwindler, der schmeckt
Am Gaumen höchst ausgewogen, doch nach 18 Monaten im Barrique immer noch etwas verhalten. Dann Lakritze und Salz. Das Salz wird gleich von einer drängenden Süße gekontert - dem Captain ist das eine Spur zu süß. Nun aber fast schon kitschige Heidelbeere, etwas Kirsche. Und auch dunkler Bratensaft und Bratengewürze. Deutlich merkbar auch die abrundende Eiklarschönung, eine nicht unumstrittene Methode, die in Spanien Tradition hat. Und dem Captain stets gefällt.
Das Fazit der Beratergruppe Captain/Retter: Der Amaren ist ein günstiger Modernist, viel Wein um moderates Geld. Man sollte ein paar Magnumflaschen kaufen und im Keller bunkern. In 7-10 Jahren ist das ein wirklich guter Wein, der mit anderen Prestigeweinen internationalen Zuschnitts leicht mithalten kann. Eventuell zerfrisst der Kellerpilz bis dahin auch das hässliche Etikett.
- Amaren (baskisch für "Mutter") Reserva 2004 für 29,50 Euro bei Silkes Weinkeller. Die Magnum (Empfehlung vom Captain) gibt es für 67,50 Euro.
Der Captain betont, dass er an keiner Flasche auch nur einen Cent verdient.







Ausgetrunken! Die spanischen Weine nicht... 






Es ist ja auch die "Wein-der-Woche-Woche", wie im ersten Text (Montag) proklamiert wurde.