Der Captain mag die Schweiz. Er schätzt sie als noble aber moralbefreite Prostituierte. Er mag die Leute dort. Vor allem jene, die den Dreck hinter den Fassaden unerbittlich vor die Türe kehren. Auch die Schweiz hat ihre Nestbeschmutzer - als Österreicher kennt der Captain diese Diskreditierung gut.
Die Schweiz als Hure. Das hat ihm einmal ein Schauspieler erklärt; in einem Film, der Teufel im Leib hieß, eine bürgerlich-linksradikale Schmonzette aus Italien. Im Film erhält der Hauptdarsteller "oral pleasure". Und zwar von keiner Geringeren als Maruschka Detmers. Doch während der Zuwendung gibt er ein politisches Manifest ab, in dem er die Schweiz als Hure bezeichnet, als Land, das vom Geld der Verbrecher und Steuerhinterzieher lebt und sich diesen Zuhältern quasi andient. Und immer, wenn der Captain sein Waldbeeren-Birchermüsli bei Sprüngli isst, muss er an diesen Satz denken. Das alles, aus Marmor, aus Granit, das alles ist auf Unrecht und Leid aufgebaut. Und weniger auf eigener Leistung.
Und das soll diese Leistung keineswegs schmälern.
Zum Beispiel die Leistung der Winzer. Nun ja, einiger Winzer. Auch heute noch ist Schweizer Wein oft untrinkbar. Er verkauft sich trotzdem, dafür sorgt schon die Sonderstellung der Winzer, die quasi in einem geschützten Markt operieren. Trotz dieses geschützten Marktes sind die meisten ausländischen Weine immer noch billiger, als in Deutschland oder Österreich. Die Schweiz ist also ein Weinparadies.
Das fiel dem Captain schon auf, als er vor dreißig Jahren zu den Opernhaus-Krawallen nach Zürich fuhr. Und in den Krawallpausen einen Cru Bourgeois trank, der noch dazu spottbillig war (verglichen mit den Preisen in Österreich). Rotwein und Revolution, man musste das mögen.
Zudem waren alle Restaurants famos. Sogar die letzte Beiz. Famos wegen ihrer veralteten Ursprünglichkeit und den perfekten Grundprodukten. Auch heute noch ist die Schweiz das Land mit den besten Lebensmitteln. Nicht Frankreich, nicht Österreich, sondern die fade Schweiz.
Der Wein konnte da lange nicht mithalten. Säurearm, wässrig, geschmacklos, ohne Feuer im Arsch ausgebaut. Als wäre er das Produkt einer verstaatlichten Industrie. Das hat sich dramatisch geändert, eine neue Winzergeneration lehrt dem Captain (und anderen Skeptikern) von allen Vorurteilen Abschied zu nehmen. Es waren (wie so oft) die Weine von Martha und Daniel Gantenbein aus Fläsch bei Bad Ragaz, die den Kontakt zu hochwertigen Schweizer Weinen einläuteten. Dann kamen die Pinots vom früh verstorbenen Hans Ulrich Kesselring. Dann die wuchtigen Roten von Luigi Zanini aus dem Tessin, der Syrah von Clavien aus dem Wallis, die Weine von Adank. Und viele mehr.
Doch guter Wein braucht gute Vertreter. Die gibt es überall, wo es gute Weine gibt. Österreichische Sommeliers preisen ihre nationalen Weine, deutsche Sommeliers sind richtig stolz auf das, was in ihrem Land gekeltert wird. Und man freut sich mit ihnen.
Nicht so in der Schweiz. Bei seinem Besuch in einigen der besten Restaurants in Zürich und Umgebung wurde dem Captain kein einziger Schweizer Wein empfohlen. Kein Mitarbeiter der namhaften Betriebe (wir reden von ein bis zwei Sternen) konnte dem Captain erklären, warum er beispielsweise den Gewürztraminer vom Zürichsee trinken soll, der glasweise angepriesen wurde.
"Weisch nööd". Also bitte??
De Schweiz schwächelt, sie "schafft" ohne Freude. Business as usual, so scheint es. Man macht halt seine Arbeit. Da ist jeder Restaurantbesuch in Berlin spannender.
Ein Gastronom, den der Capain heute Vormittag mit seinen Eindrücken konfrontierte, hatte folgende Antwort parat: Es sei in der Schweiz leider so, dass ein altes und sehr reiches Publikum die Spitzengastronomie besetze. Und keine Neuerungen wolle. Das Gleiche gelte für den Weinbau. Während sich anderswo gesellschaftliche Aufsteiger für die Weine des eigenen Landes begeistern und den Winzern ihre Modernität geradezu aufzwingen, verharre in der Schweiz vieles beim Alten. Zudem sei die Modernität der Schweiz ein rechte Modernität, eine antieuropäische Modernität, eine sektiererische Modernität. Das alles konserviere die Verhältnisse und deswegen finden sich keine Proklamatoren für Schweizer Weine. Und von einem ausländischen Sommelier wolle sich der Schweizer schon gar nichts sagen lassen.
Eine gelangweilte Gesellschaft, die nicht weiß, was sie an ihren Winzern hat, so lautet das Resümee des Mannes, durch und durch ein Schweizer Patriot und Chef einer guten Beiz in Luzern. Der Captain wird den Schweizer Schwächen und den Schweizer Stärken bei einem Besuch Mitte Dezember nachgehen.
Schweizer Weine gibt es vor allem bei Mövenpick und auch beim deutschen Ableger dieses Konzerns.
Weine von Gantenbein bei Dallmayr
Dazu hört der Captain Musik von Stefan Eicher







Weinbau am Zürichsee 





Auweia. Volle Breitseite.