27.11.09 MEINUNG 11 Einem Freund senden

Go West: Die Schweiz schwächelt

Weinbau am ZürichseeWeinbau am Zürichsee

Der Captain mag die Schweiz. Er schätzt sie als noble aber moralbefreite Prostituierte. Er mag die Leute dort. Vor allem jene, die den Dreck hinter den Fassaden unerbittlich vor die Türe kehren. Auch die Schweiz hat ihre Nestbeschmutzer - als Österreicher kennt der Captain diese Diskreditierung gut.

Die Schweiz als Hure. Das hat ihm einmal ein Schauspieler erklärt; in einem Film, der Teufel im Leib hieß, eine bürgerlich-linksradikale Schmonzette aus Italien. Im Film erhält der Hauptdarsteller "oral pleasure". Und zwar von keiner Geringeren als Maruschka Detmers. Doch während der Zuwendung gibt er ein politisches Manifest ab, in dem er die Schweiz als Hure bezeichnet, als Land, das vom Geld der Verbrecher und Steuerhinterzieher lebt und sich diesen Zuhältern quasi andient. Und immer, wenn der Captain sein Waldbeeren-Birchermüsli bei Sprüngli isst, muss er an diesen Satz denken. Das alles, aus Marmor, aus Granit, das alles ist auf Unrecht und Leid aufgebaut. Und weniger auf eigener Leistung.

Und das soll diese Leistung keineswegs schmälern.

Zum Beispiel die Leistung der Winzer. Nun ja, einiger Winzer. Auch heute noch ist Schweizer Wein oft untrinkbar. Er verkauft sich trotzdem, dafür sorgt schon die Sonderstellung der Winzer, die quasi in einem geschützten Markt operieren. Trotz dieses geschützten Marktes sind die meisten ausländischen Weine immer noch billiger, als in Deutschland oder Österreich. Die Schweiz ist also ein Weinparadies.

Das fiel dem Captain schon auf, als er vor dreißig Jahren zu den Opernhaus-Krawallen nach Zürich fuhr. Und in den Krawallpausen einen Cru Bourgeois trank, der noch dazu spottbillig war (verglichen mit den Preisen in Österreich). Rotwein und Revolution, man musste das mögen.

Zudem waren alle Restaurants famos. Sogar die letzte Beiz. Famos wegen ihrer veralteten Ursprünglichkeit und den perfekten Grundprodukten. Auch heute noch ist die Schweiz das Land mit den besten Lebensmitteln. Nicht Frankreich, nicht Österreich, sondern die fade Schweiz.

Der Wein konnte da lange nicht mithalten. Säurearm, wässrig, geschmacklos, ohne Feuer im Arsch ausgebaut. Als wäre er das  Produkt einer verstaatlichten Industrie. Das hat sich dramatisch geändert, eine neue Winzergeneration lehrt dem Captain (und anderen Skeptikern) von allen Vorurteilen Abschied zu nehmen. Es waren (wie so oft) die Weine von Martha und Daniel Gantenbein aus Fläsch bei Bad Ragaz, die den Kontakt zu hochwertigen Schweizer Weinen einläuteten. Dann kamen die Pinots vom früh verstorbenen Hans Ulrich Kesselring. Dann die wuchtigen Roten von Luigi Zanini aus dem Tessin, der Syrah von Clavien aus dem Wallis, die Weine von Adank. Und viele mehr.

Doch guter Wein braucht gute Vertreter. Die gibt es überall, wo es gute Weine gibt. Österreichische Sommeliers preisen ihre nationalen Weine, deutsche Sommeliers sind richtig stolz auf das, was in ihrem Land gekeltert wird. Und man freut sich mit ihnen.

Nicht so in der Schweiz. Bei seinem Besuch in einigen der besten Restaurants in Zürich und Umgebung wurde dem Captain kein einziger Schweizer Wein empfohlen. Kein Mitarbeiter der namhaften Betriebe (wir reden von ein bis zwei Sternen) konnte dem Captain erklären, warum er beispielsweise den Gewürztraminer vom Zürichsee trinken soll, der glasweise angepriesen wurde.
"Weisch nööd". Also bitte??

De Schweiz schwächelt, sie "schafft" ohne Freude. Business as usual, so scheint es. Man macht halt seine Arbeit. Da ist jeder Restaurantbesuch in Berlin spannender.

Ein Gastronom, den der Capain heute Vormittag mit seinen Eindrücken konfrontierte, hatte folgende Antwort parat: Es sei in der Schweiz leider so, dass ein altes und sehr reiches Publikum die Spitzengastronomie besetze. Und keine Neuerungen wolle. Das Gleiche gelte für den Weinbau. Während sich anderswo gesellschaftliche Aufsteiger für die Weine des eigenen Landes begeistern und den Winzern ihre Modernität geradezu aufzwingen, verharre in der Schweiz vieles beim Alten. Zudem sei die Modernität der Schweiz ein rechte Modernität, eine antieuropäische Modernität, eine sektiererische Modernität. Das alles konserviere die Verhältnisse und deswegen finden sich keine Proklamatoren für Schweizer Weine. Und von einem ausländischen Sommelier wolle sich der Schweizer schon gar nichts sagen lassen.

Eine gelangweilte Gesellschaft, die nicht weiß, was sie an ihren Winzern hat, so lautet das Resümee des Mannes, durch und durch ein Schweizer Patriot und Chef einer guten Beiz in Luzern. Der Captain wird den Schweizer Schwächen und den Schweizer Stärken bei einem Besuch Mitte Dezember nachgehen.

Schweizer Weine gibt es vor allem bei Mövenpick und auch beim deutschen Ableger dieses Konzerns.

Weine von Gantenbein bei Dallmayr

Dazu hört der Captain Musik von Stefan Eicher



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Kommentare 11

Kommentare

Mister Spuck ... aufgeregt

Auweia. Volle Breitseite.

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weinfidél gähnend...

tss, die liebe alte Innerschweiz, zu der Luzern gehört, hat ja ausser dem "Rütlischwur" und dem Vierwaldstättersee nicht viel Prickelndes zu bieten...
Die Nationalliga A der Schweizer Weine liefert sich meist ein Fernduell, d.h., das Zeugs wird schon gar nicht über die angestammten Anbauregionen (Bündner Herrschaft : Tessin : Lavaux-Genfersee : Wallis) rausgelassen, sondern von Insidern abgefangen, was für die schon schwer genug ist, wenn man mal so an die Verfügbarkeiten denkt. Das Gros der Produzenten muss sich doch im Schnitt so mit 3 - 13 ha zufrieden geben. Damit kann/will man nun ja nicht jeden dahergelaufenen "Touri" befriedigen... (Stichwort siehe gaaaanz oben)

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Der Captain

Mir ging es auch nicht um die Befriedigung von Touristen, sondern um den rätselhaften Umstand, dass die Schweizer Weine der Weinkarten (durchschnittlich 12-40 Positionen) weder erklärt noch angeboten wurden. Von Anpreisen und Sachverstand ganz zu schweigen. Soll heißen: Irgendwer hat die Weine ja eingekauft. Warum, wenn dann niemand da ist, der das Können der Winzer vermittelt? Dieses Leck macht mich wundern.

Wenn es so wäre, wie Sie annehmen, dann müssten diese Weine gar nicht auf der Weinkarte stehen. Und: Ähnlich kleine Produktionsflächen gab es am Anfang auch in Österreich. Dann kam schnell der Vorwurf, die österreichischen Winzer könnten die Nachfrage nicht befriedigen. Das hat sich schnelle geändert. Ähnliches ist in der Schweiz nicht zu sehen, oder?

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weinfidél steht stramm u.nun bar jeglicher Ironie (war eigentlich oben so)

Also, jetzt mal das Ganze seriöser:
Wenn denn das tatsächlich so war in Zürich, oder auch anderswo, dann ist das nur noch peinlich und hat mit dem klassischen "Kantönligeist" gar nichts mehr zu tun. Meiner Meinung nach wäre es sogar Pflicht eines jeden Sommeliers/Sommelière in der Schweiz, die eigenen Weine zu fördern. Dies v.a. deshalb, weil mittlerweile genügend Dynamik seitens der Winzerschaft vorhanden ist, und zwar regionenübergreifend. Im Besonderen gilt das für den gesamten deutschsprachigen Raum.
In diesem Zusammenhang möchte ich mich noch für die Unterschlagung der von mir oben nicht genannten Regionen Zürich (Eglisau, Zürcher Wyland), Schaffhausen und Thurgau, also geografisch gesehen die gesamte Nord-Ost-Schweiz, entschuldigen.
Die Qualitäten, die in den letzten Jahren dabei entstanden sind, haben auch im internationalen Kontext absolut ihre Berechtigung. Nun ist es aber tatsächlich schon so, dass das entsprechende Kommunizieren flächendeckend fehlt. Hier fehlt ein Gesamtkonzept, wie das z.B. die Österreich Wein Marketing GmbH bewundernswert umgesetzt hat.
In den Anbaugebieten selbst, ist die qualitative Information bis zum Endverbraucher eigenlich überall vorhanden. Dies schließt die Nachbarsgegenden ein.
Ein Beispiel: Bis vor wenigen Jahren gab es in den Skiorten des Kantons Graubünden sehr wenige Gastronomen, die sich getraut haben, hochwertige Weine aus der Schweiz, zumindest aber aus der Bündner Herrschaft, mit anzubieten. Heute gehört das aber klar zum Selbstverständnis eines jeden ambitionierten Gastronomen. Die ärgert es dann aber schon, wenn sie teilweise Gantenbeins, Grünenfelder, etc. aus den Nachbarsländer zurückkaufen müssen... Aber, heute gibt es genügend qualitative Alternativen. Unabhängig davon, man hat erkannt, dass zumindest über die Region allein ein Gesamtkonzept, beinhaltend die einzelnen Produkte, für alle Beteiligten gewinnbringend ist.
Überregional, das muss ich leider zugeben, sieht die Sache (noch) nicht so toll aus.

Fortsetzung folgt (habe Durscht...)

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weinfidél hundemüde

Dies hat sicherlich mit den drei großen (die vierte ist bei dieser Betrachtung unerheblich) Landessprachen und den damit verbundenen, verschiedenen Mentalitäten zu tun. Kurz, wir haben "Deutsche", "Franzosen" und "Italiener". Und alle, ich betone alle, sind im Grund ihres Herzens überzeugte Schweizer...
Aber, wenn es "intern" um dieses oder jenes geht, dann kann's hart (aber fair) zugehen. Fakt ist, dass insbesonders die französisch sprechende und italienisch sprechende Teile der Schweiz schon immer ihre Produkte gehegt und gepflegt haben, auch in der Gastronomie. Gut, im Tessin mussten zuerst ein paar Aussteiger aus der Deutschschweiz aktiv werden, und Pionierarbeit für den Merlot leisten. Der hat mittlerweile Qualitäten vorzuweisen, die problemlos auch mit der Weltspitze mithalten können. Die Basis ist da breit und gut genug aufgestellt. Und, im Tessin selbst, ist die Bevölkerung (inkl. Gastronomie !) zu Recht auch stolz darauf.

Fortsetzung folgt (muss schlafen...)

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Der Captain wieder an Bord..

..aber auch hundemüde. Wir sprechen uns später..

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Johnny Inglisch Bean und Wean, mag beide gean

Ich kenne ganz großartige Schweizer Weine und ich weiß nicht, warum daraus keine Exportwirtschaft entsteht. Das war ja auch die Frage. Liegt es an der Abschottungsmentalität der Schweizer? Haben die Schweizer Winzer internationalen Erfolg nicht nötig? Interessiert es die Schweizer Winzer überhaupt, was man außerhalb ihres Landes von ihren Weinen hält? Für mich macht die Schweiz nichts aus dem qualitativen Aufschwung ihrer Weinbauern. Im Laden hat auch noch nie jemand nach Schweizer Wein gefragt. Das kennt man praktisch nicht.

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weinfidél harmoniebedürftig...

Um die "Frage/Fragen" halbwegs richtig und v.a. auch verständlich beantworten zu können, muss man den Komplex ausführen. Das wird in diesem Fall halt leider langatmig, ich weiß...
Bevor ich weitermache, nur mal soviel, das was der eingangs erwähnte, luzernische Gastronom aussagte, ist zu 95% Schwachsinn! Aber auch darauf werde ich nochmals zurückkommen (müssen!)

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Der Captain Empfehlung

Wenn das länger wird und auf dem gleichen hohen Niveau weitergeht, empfehle ich einen Gastkommentar, wie jener von Heinz Kammerer zu den "5 Thesen zur Zukunft des Weinbaus". Genügend Zuseher haben wir. Ob viele aus der Schweiz darunter sind, wage ich aber zu bezweifeln..

PS: Ihre Anonymität kann gewahrt bleiben..

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Saarwein

Das fehlt noch. Schweizer Weine auf einem überfüllten Markt. Jetzt wo die EU ja Reben roden läßt und dafür auch Geld bezahlt wird. Bitte keine schweizer Weine, so gut sie auch sein können. Ich persönlich kenne nur den pseudo Kalifornier Gantenbein. Und der ist mir zu teuer. Sorry.

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Gast empfehlung

www.restaurant-blockhus.ch

vollblut-wirt - mosel liebhaber - nebenberuflich trüffelschwein

es lohnt sich nach flaschen zu fragen die nicht auf der karte stehen

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