09.04.10 WEINE 22 Einem Freund senden

Bordeaux 2009: Was denn nun?

Klasse? Rasse? Masse? Oder einfach untrinkbar?Klasse? Rasse? Masse? Oder einfach untrinkbar?

Almauftrieb in der Ebene. Letzte Woche zog es hunderte Verkoster und Einkäufer zur Probe des Jahrgangs 2009 nach Bordeaux. Der Captain meidet diese Ausfahrt, denn die Weine kommen erst in zwei Jahren auf den Markt. Und er verlässt sich bis dahin auf die Urteile der Experten, decodiert sie und übersetzt sie in Konsumentensprache. Soll heißen: 2005 war sehr gut, 2006 war eher schlecht, doch muss man genau schauen, etc.

2009 ist ein außergewöhnliches Jahr. So viel stand schon Mitte August fest. Später Frühling, stabiles warmes bis heißes Wetter im Sommer, kaum Regen im Herbst. Alles, was einen guten Jahrgang ausmacht. Das Sensationelle am Jahr 2009 ist, dass eigentlich in allen europäischen Weinbaugebieten ähnlich positive und stabile Verhältnisse herrschten, dass man den Jahrgang quasi bedenkenlos empfehlen kann. Der letzte Jahrgang, bei dem dies möglich war, war der Jahrgang 1990.

Also müsste man erwarten, dass alle Verkoster, darunter auch die besten und prominentesten der Welt, ein einheitliches Urteil fällen. Doch dem ist mitnichten so.

Mit Sicherheit ein aussergewöhnlicher Jahrgang

Einig ist man sich lediglich in der Bewertung, dass es ein aussergewöhnlicher Jahrgang ist. Uneinig ist man sich, ob dieser außergewöhnliche Jahrgang nun wirklich Spitzenweine hervorgebracht hat. Der Faktor, der dies bestimmt, ist der Faktor Alkohol. Und der Faktor Säure.

Die Weine aus dem Bordeaux sind bislang eher dafür bekannt, mit wenig Alkohol maximalen Eindruck zu erzielen. Kräftig, aber bekömmlich. Selten hat ein Bordeaux mehr als 13 % Alkohol, die meisten Weine halten bei 12,5 %. Das macht sie allgemeintauglich und zu den Lieblingen auch ganz normaler und nicht versierter Trinker. Frauen, versiert oder nicht, lieben Bordeaux, so die Erfahrung des Captain. Und es ist ja auch Tatsache, dass die alkoholreichen Weine der letzten Jahre ( 14-15,5 %) ein Ärgernis darstellen. Kräftig, fett, doch irgendwie kein Vergnügen.

Der Jahrgang 2009 scheint im Bordeaux aber recht fett und alkoholisch ausgefallen zu sein, eine Entwicklung, die sich schon in den letzten Jahren andeutete. Schuld daran ist schlicht der Klimawandel, die höheren Temperaturen im Sommer. Sie lassen vor allem den Merlot in ungewohnte Grade und Prozente emporschnellen. Und das ist nicht unbedingt von Vorteil.

So hat der legendäre Cos d´Estournel für das Bordeaux unfassbare 14,5 % Alkohol (was für manche australische und auch italienische Weine selbstverständlich ist) und gilt vielen Einkäufern damit quasi als untrinkbar. Serena Sutcliffe, die berühmte Weinkritikerin und Weinexpertin bei Southeby´s, bezeichnet den 2009er Cos überhaupt als ein "Desaster".

Eine Meinung, die der Schweizer Autor und Weinkenner Rene Gabriel nicht zu teilen scheint. Der Cos kommt bei ihm unter den besten Weinen des Jahres vor, so wie er überhaupt das Jahr als sensationell einstuft. Zitat: "Noch nie in meiner 20jährigen Weinkarriere habe ich ganze 16 Mal 20 Punkte während den Fassproben des neuen Bordeaux-Jahrganges vergeben. 65 Weine ergatterten 19 Punkte. 135 Fassproben taxierte ich mit 18 von 20 Punkten und weitere 227 Eindrücke landeten bei 17/20."

Händler versus Winzer

Dem Captain scheinen die uneinheitlichen Resultate dieser Vorverkostungen den verschiedenen Erwartungen geschuldet zu sein. Englische Bewerter erwarten von einem Wein aus dem Bordeaux meist einen stabilen und regionstypischen Eindruck mit gleichbleibenden Parametern. Diese scheint es 2009 nicht zu geben.

Kontinentale und amerikanische Tester reagieren auf die neuen Umstände offenbar flexibler. Auffällig ist auch die Dissonanz zwischen Händlern und unabhängigen Testern. Die Händler, vor allem jene aus England oder Skandinavien, urteilen über den Jahrgang durchaus kritischer (bis hin zu einem "unverkäuflich"). Dies hat folgende Gründe:

1.) Die Händler fürchten ein Emporschnellen der Preise. Tatsächlich haben heute erste Bordeauxhäuser angekündigt, für den 2009er zwischen 18 und 30 % mehr zu verlangen. Diesem Übermut wollen die Händler mit relevanter Kritik begegnen und die Winzer und Gutsbesitzer in die Schranken weisen.

2.) Die Händler (vor allem in England und Amerika) berichten von gesunkenem Interesse an teuren Weinen aus dem Bordeaux. Tatsache ist: Fast alle namhaften Weingüter der Region (und das sind sicher um die 500), haben ihre Preise in den letzten 20 Jahren verdoppelt bis verfünffacht (!!). Trotz dieser enormen Preissteigerungen konnten über die Jahre fast alle Flaschen verkauft werden. Doch auch die exklusiven Händler sehen jetzt die Spitze erreicht. Und sehen sich zunehmend nach Alternativen um.

3.) Die Spitzenweingüter des Bordeaux, der auserwählte Kreis der Grand Cru´s und ihrer Nachgänger, setzen voll auf den weiterhin stabilen asiatischen Markt. Er soll die Ausfälle in Europa, England (gigantische Rückgänge) und Amerika wett machen. So lange von Hong-Kong (der wichtigste Handelsplatz für Wein in Asien) positive Signale kommen, so lange ist den Bordeaux-Winzern das Gejammer der anglo-amerikanischen Händler egal. Und: Die Asiaten interessiert der Alkoholgehalt tatsächlich nicht die Bohne.

So ist die Diskussion um diesen Jahrgang am Ende auch ein Spiegel gesellschaftlicher und ökologischer Entwicklungen. In dieser Auseinandersetzung, ob 2009 im Bordeaux denn jetzt ein aussergewöhnlicher oder eigenartiger Jahrgang war, finden auch Einschätzungen der Weltwirtschaft und der Klimaveränderung Platz. Das macht den Diskurs so spannend. Und das wird die nächsten Jahre so bleiben, der 2009er Bordeaux ist ein Thesenträger.

Der Captain findet seine Einschätzungen sehr oft in den Wertungen von Rene Gabriel bestätigt und veröffentlicht am kommenden Wochenende Gabriels Liste der besten 2009er Chateaus aus dem Bordeaux (19 und 20 Punkte-Weine). Demnächst beginnt die Subskription. Man wird wohl schnell zuschlagen müssen.

Hier gibt es auch noch mehr über französische Weine zu lesen.



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Kommentare 22

Kommentare

pivu

Cos 09 ist Pavie 03, Sutcliffe vs Gabriel wie damals Robinson vs Parker. Wie auch immer, jedem das seine, mein Jahrgang ist's nicht, denn einig ist man sich, dass die Preise der besten Gewächse 05 gar übertreffen werden, auch vor dem Hintergrund, dass die Asiaten in größereem Ausmaß mitsubskribieren werden. Und dass ein guter Bordeaux mit 12,5 Alc auskommt, das war einmal, leider, ich sehn' sie zurück, die Zeiten trinkbarer Weine.

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Chrstian Segers (via facebook)

...da isser ja ! Der Kommentar , der mir in seiner Ausführlichkeit gefallen hat . Sehr sogar ! Nur...
datt mit dem Zuschlagen wage ich nitt >so< zu-
sagen ! Na, seit dem WJ 1975 war ich eh als
Bdx.-Aussteiger anzusehen ! Nur einige ,wenige
habe ich noch genossen ; meist aus der Vorzeit !

Tja , ich sagte es ja , der Wein 09 wird polarisieren
und ..preistreibend im Markt für gewisse Unruhe
sorgen ! LG CpS - Weinnase - ; nur "Ruhig Blut"
tut dem Bdx.-Käufer gut !

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mendez

Stimme zu, Bordeaux verkommt zum Spekulaionswitz. Eine Schande, die Krise muss noch härter werden.

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weinfex

Wenn man sich die kontroverse Ansichten ueber
den Vorjahrgang 2008 einmal zu Gemuete fuehrt,
und den Zustand der Weine heute einmal probiert,
kann man durchaus auch verstehen, warum
der Jahrgang 2009 gar nicht anders, als so
differenziert gesehen werden kann. Was ich mit
dieser Aussage sagen will, ueberlasse ich der
Phantasie des Lesers...

Es ist schlichtweg nicht wahr, dass der Jahrgang
in irgendeiner Art und Weise alkoholisch ist,
natuerlich gibt es Ausnahmen, aber die gibt es
nun wirklich jedes Jahr, im Gegenteil, es ist ein
Jahrgang welcher auf einer sensationellen Frische
basiert, zumindest wenn man ihn richtig interpretiert
hat, und das ist einer sehr grossen Anzahl an Winzern
auch gelungen. Genau diese Frische ist auch die
Ueberlegenheit zu 2005, zumindest wenn man
auf Typizitaet und Eleganz nicht verzichten will...

Gruesse

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Erster Offizier

Hallo und vielen Dank. Trotzdem hätten wir gerne Hinweise, wie das denn mit dem 2008er gemeint ist. An Bord des Schiffes befinden sich viele Matrosen, die nicht über das Insiderwissen einer Tester- oder Weinliebhabercommunity verfügen. Diese Plattform ist auch dazu da, der Geheimwissenschaft Wein zu begegnen und diese in Licht des Alltags zu führen.

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weinfex

Nun, um es vorsichtig zu sagen, es
kommt durchaus vor, dass man einen
Jahrgang einfach falsch interpretiert,
warum auch immer...

Gruesse

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Erster Offizier

Beziehen Sie sich auf Parker? Und ist ihrer Meinung 2008 nun ein brauchbarer, oder ein schlechter Jahrgang?

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Mister Spuck ...leicht verstimmt

Ich finde, Herr oder Frau Weinfex sollte zur Sache kommen und nicht so kryptisch rumschwafeln.

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Gast

@mister spuck
Danke für das schwafeln...

@erster offizier
Was ich dieses Jahr an 08 in Bordeaux
probieren konnte, ist mehr als vielversprechend,
und wenn man den Jahrgang als schlecht oder
mittelmässig bezeichnet kann ich es in
keinster Weise nachvollziehen. Warum ein Grossteil
der Journalisten und Händler den Jahrgang so
schlecht sahen, vermag ich nicht zu sagen, ich
wundere mich dann aber eben auch nicht, warum
die Kontroverse sich in einem Jahrgang wie 09
so fortsetzt, es muss wohl auch "Leichtmatrosen"
in diesem Metier geben...

Grüsse

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Erster Offizier

Dann sehen wir hier am Schiff dem Jahrgang 2008 mit einiger Spannung entgegen. Wir haben ja etliche Kisten bestellt. Haben Sie Favoriten?

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Gast

Grandios ist Pontet Canet (98P.), La Violette ist nur ein
Hauch hinter 09, Clos du Jaugueyron (Haut-Medoc)
ein wirklicher Preis-Leistungskracher (diese Qualität
fürs Geld gibt es meines Erachtens nur in Bordeaux),
Larcis Ducasse einer der "Feinsten" Weine des Jahrganges,
wie immer mit einer "richtungsweisenden" Gerbstoffqualität,
L' Evangile ist für mich deutlich besser wie 09...

Grüsse

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Erster Offizier

Da werden wir diesen Clos doch gleich mal bestellen.

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mendez

Kann man sagen, dass 2008 wie 2001 oder 1997 ein unterschätztes Jahr ist? Und wie stehen sie zu 2006 und 2004?

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weinfex

Ich würde nicht sagen das 08 unterschätzt,
sondern einfach oftmals "falsch eingeschätzt" wurde.

Nach den in der Breite sehr gut gelungenen Jahrgängen
00 und 05, sowie den im nördlichen Medoc epochalen
Jahrgang 03, dürfte 08 folgen, noch vor all von Ihnen
genannten Jahrgängen. 06 z.B. hat wirklich einige
sehr schöne Weine hervorgebracht, allerdings leider
viel zu teuer lanciert...

Grüsse

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mendez

Also eine Neubewertung von 2008. Was sagt der Captain da dazu?

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Der Captain

Nicht viel. Er wird sich die Weine im Detail ansehen. Worauf sie anspielen ist die schlechte Bewertung des Jahrgangs, die der Captain für viele deutsche und österreichische Weine vergeben hat. Das hat damit aber nichts zu tun. Zwei paar Schuhe, Äpfel und Birnen, etc...

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Falstaffmoser amüsiert

Dass der Cos 09 zum Spielball der Meinungen wird, ist absehbar. Hier stossen Welten auf einander. Die Welt von gestern auf die Welt von heute. Den britischen Kritikern der "Alten" Schule, schwebt ein Bordeaux-Bild vor, dass - ob man es will oder nicht - aus vielen Gründen der Vergangenheit angehört.
Es erinnert an die Zeiten der Jahrhundertwende, als die renommierten Kunstexperten die Werke der Expressionisten als Skandal sahen. Das Gehalt dieser Einschätzung wurde im Laufe der Zeit relativiert.
2009 ist ein Referenz-Jahr für kommende Jahrzehnte. Die Tür für eine neue Ära wurde aufgestossen. Jene Rotweinliebhaber, die von feinen, haltbaren Rotweinen mit 12,5% träumen (die ich persönlich ebenso sehr schätze), müssen sich in kühleren Zonen umsehen (Blaufränkisch u.a.). In Bordeaux hilft bei anhaltend wärmeren Klima nur mehr die Biodynamik, um geringere Alkoholwerte zu erzielen.
PS. Ich habe dem Cos 98-100 Punkte gegeben, viel besser kann man einen modernen Bordeaux nicht darstellen.
PPS. Ich gehöre zu den Menschen, die auch gerne mal ein Glas Grange oder Sine qua non oder Vintage Port trinken. Harmonie vorausgesetzt.

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Erster Offizier

Danke, wir an Bord glauben, das ist wohl die einleuchtendste Zusammenfassung des 2009er Konflikts.

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weinfex

Was den Cos angeht habe ich eine konträre Ansicht,
ich würde ihn nicht als "modernen Bordeaux" bezeichnen,
denn alles was dieser Wein in 09 verkörpert und darstellt
ist eigentlich schon wieder "Schnee von gestern",
"moderner Bordeaux" kann und muss sich aus Typizität
heraus definieren, nur wenn man dies umsetzt, und
da gibt es bereits seit ein paar Jahren an anderen Stellen beste Ansätze, denn mit "modern" verbinde ich insbesondere "visionär" und "eigenständig", gibt diese Bezeichnung
(für mich) einen Sinn...

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weinfex

P.S.
Das Cos natürlich so "modern/visionär" ist,
dass ich ihn nicht verstehe, ist ohne Frage
natürlich auch eine nicht ausser acht zu
lassende Option...

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Falstaffmoser

Vielleicht beendet der Preis für den Cos diese eigentlich nicht zielführende Diskussion. Wer diesen Stil mag, soll sich den Wein kaufen - er wird vermutlich teuer genug sein.
Visionär ist daran gar nichts. Visionär sind eher jene Winzer, die heute in Pomerol und St. Emilion bereits spätreifere Cabernet Sauvignonreben auspflanzen, seit Jahren biodynamisch im Weingarten arbeiten wie Lafleur, La Tour-Figeac und viele andere und so der Klimaentwicklung entgegenarbeiten.
"Modern" ist ein zeitlicher Relationsbegriff, alle paar Jahre ist etwas anderes "Modern." Im Weinbau ist es aufgrund der Vorlaufzeiten schon schwierig genug, Entwicklungen zu antizipieren und damit auch Märkte.
Cos ist insofern modern, als die Märkte in Asien aber auch die Punkte-Instanzen in den USA genau auf Kraft x Würze + Prestige stehen.
Ein Vorbild für die Zukunft entsteht erst dann, wenn dieses Konzept erfolgreich ist.

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