Almauftrieb in der Ebene. Letzte Woche zog es hunderte Verkoster und Einkäufer zur Probe des Jahrgangs 2009 nach Bordeaux. Der Captain meidet diese Ausfahrt, denn die Weine kommen erst in zwei Jahren auf den Markt. Und er verlässt sich bis dahin auf die Urteile der Experten, decodiert sie und übersetzt sie in Konsumentensprache. Soll heißen: 2005 war sehr gut, 2006 war eher schlecht, doch muss man genau schauen, etc.
2009 ist ein außergewöhnliches Jahr. So viel stand schon Mitte August fest. Später Frühling, stabiles warmes bis heißes Wetter im Sommer, kaum Regen im Herbst. Alles, was einen guten Jahrgang ausmacht. Das Sensationelle am Jahr 2009 ist, dass eigentlich in allen europäischen Weinbaugebieten ähnlich positive und stabile Verhältnisse herrschten, dass man den Jahrgang quasi bedenkenlos empfehlen kann. Der letzte Jahrgang, bei dem dies möglich war, war der Jahrgang 1990.
Also müsste man erwarten, dass alle Verkoster, darunter auch die besten und prominentesten der Welt, ein einheitliches Urteil fällen. Doch dem ist mitnichten so.
Mit Sicherheit ein aussergewöhnlicher Jahrgang
Einig ist man sich lediglich in der Bewertung, dass es ein aussergewöhnlicher Jahrgang ist. Uneinig ist man sich, ob dieser außergewöhnliche Jahrgang nun wirklich Spitzenweine hervorgebracht hat. Der Faktor, der dies bestimmt, ist der Faktor Alkohol. Und der Faktor Säure.
Die Weine aus dem Bordeaux sind bislang eher dafür bekannt, mit wenig Alkohol maximalen Eindruck zu erzielen. Kräftig, aber bekömmlich. Selten hat ein Bordeaux mehr als 13 % Alkohol, die meisten Weine halten bei 12,5 %. Das macht sie allgemeintauglich und zu den Lieblingen auch ganz normaler und nicht versierter Trinker. Frauen, versiert oder nicht, lieben Bordeaux, so die Erfahrung des Captain. Und es ist ja auch Tatsache, dass die alkoholreichen Weine der letzten Jahre ( 14-15,5 %) ein Ärgernis darstellen. Kräftig, fett, doch irgendwie kein Vergnügen.
Der Jahrgang 2009 scheint im Bordeaux aber recht fett und alkoholisch ausgefallen zu sein, eine Entwicklung, die sich schon in den letzten Jahren andeutete. Schuld daran ist schlicht der Klimawandel, die höheren Temperaturen im Sommer. Sie lassen vor allem den Merlot in ungewohnte Grade und Prozente emporschnellen. Und das ist nicht unbedingt von Vorteil.
So hat der legendäre Cos d´Estournel für das Bordeaux unfassbare 14,5 % Alkohol (was für manche australische und auch italienische Weine selbstverständlich ist) und gilt vielen Einkäufern damit quasi als untrinkbar. Serena Sutcliffe, die berühmte Weinkritikerin und Weinexpertin bei Southeby´s, bezeichnet den 2009er Cos überhaupt als ein "Desaster".
Eine Meinung, die der Schweizer Autor und Weinkenner Rene Gabriel nicht zu teilen scheint. Der Cos kommt bei ihm unter den besten Weinen des Jahres vor, so wie er überhaupt das Jahr als sensationell einstuft. Zitat: "Noch nie in meiner 20jährigen Weinkarriere habe ich ganze 16 Mal 20 Punkte während den Fassproben des neuen Bordeaux-Jahrganges vergeben. 65 Weine ergatterten 19 Punkte. 135 Fassproben taxierte ich mit 18 von 20 Punkten und weitere 227 Eindrücke landeten bei 17/20."
Händler versus Winzer
Dem Captain scheinen die uneinheitlichen Resultate dieser Vorverkostungen den verschiedenen Erwartungen geschuldet zu sein. Englische Bewerter erwarten von einem Wein aus dem Bordeaux meist einen stabilen und regionstypischen Eindruck mit gleichbleibenden Parametern. Diese scheint es 2009 nicht zu geben.
Kontinentale und amerikanische Tester reagieren auf die neuen Umstände offenbar flexibler. Auffällig ist auch die Dissonanz zwischen Händlern und unabhängigen Testern. Die Händler, vor allem jene aus England oder Skandinavien, urteilen über den Jahrgang durchaus kritischer (bis hin zu einem "unverkäuflich"). Dies hat folgende Gründe:
1.) Die Händler fürchten ein Emporschnellen der Preise. Tatsächlich haben heute erste Bordeauxhäuser angekündigt, für den 2009er zwischen 18 und 30 % mehr zu verlangen. Diesem Übermut wollen die Händler mit relevanter Kritik begegnen und die Winzer und Gutsbesitzer in die Schranken weisen.
2.) Die Händler (vor allem in England und Amerika) berichten von gesunkenem Interesse an teuren Weinen aus dem Bordeaux. Tatsache ist: Fast alle namhaften Weingüter der Region (und das sind sicher um die 500), haben ihre Preise in den letzten 20 Jahren verdoppelt bis verfünffacht (!!). Trotz dieser enormen Preissteigerungen konnten über die Jahre fast alle Flaschen verkauft werden. Doch auch die exklusiven Händler sehen jetzt die Spitze erreicht. Und sehen sich zunehmend nach Alternativen um.
3.) Die Spitzenweingüter des Bordeaux, der auserwählte Kreis der Grand Cru´s und ihrer Nachgänger, setzen voll auf den weiterhin stabilen asiatischen Markt. Er soll die Ausfälle in Europa, England (gigantische Rückgänge) und Amerika wett machen. So lange von Hong-Kong (der wichtigste Handelsplatz für Wein in Asien) positive Signale kommen, so lange ist den Bordeaux-Winzern das Gejammer der anglo-amerikanischen Händler egal. Und: Die Asiaten interessiert der Alkoholgehalt tatsächlich nicht die Bohne.
So ist die Diskussion um diesen Jahrgang am Ende auch ein Spiegel gesellschaftlicher und ökologischer Entwicklungen. In dieser Auseinandersetzung, ob 2009 im Bordeaux denn jetzt ein aussergewöhnlicher oder eigenartiger Jahrgang war, finden auch Einschätzungen der Weltwirtschaft und der Klimaveränderung Platz. Das macht den Diskurs so spannend. Und das wird die nächsten Jahre so bleiben, der 2009er Bordeaux ist ein Thesenträger.
Der Captain findet seine Einschätzungen sehr oft in den Wertungen von Rene Gabriel bestätigt und veröffentlicht am kommenden Wochenende Gabriels Liste der besten 2009er Chateaus aus dem Bordeaux (19 und 20 Punkte-Weine). Demnächst beginnt die Subskription. Man wird wohl schnell zuschlagen müssen.
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Klasse? Rasse? Masse? Oder einfach untrinkbar? 






Cos 09 ist Pavie 03, Sutcliffe vs Gabriel wie damals Robinson vs Parker. Wie auch immer, jedem das seine, mein Jahrgang ist's nicht, denn einig ist man sich, dass die Preise der besten Gewächse 05 gar übertreffen werden, auch vor dem Hintergrund, dass die Asiaten in größereem Ausmaß mitsubskribieren werden. Und dass ein guter Bordeaux mit 12,5 Alc auskommt, das war einmal, leider, ich sehn' sie zurück, die Zeiten trinkbarer Weine.