14.11.11 MEINUNG 11 Einem Freund senden

Eingelegte Klassik mit geschmorter Kopie

Essigbrätlein in Nürnberg: Köthe, Olech, Mitarbeiter: Ein altes Wirtshaus als Quelle der eigentlichen deutschen Küche?Essigbrätlein in Nürnberg: Köthe, Olech, Mitarbeiter: Ein altes Wirtshaus als Quelle der eigentlichen deutschen Küche?

Die deutsche Kommandozentrale des weltweit wichtigsten Gourmetführers, des Guide Michelin, liegt am Stadtrand von Karlsruhe. Im Fortsatz einer Reifenfabrik. Ein nüchterner Zweckbau, hellgrau und hässlich. In der Kantine gibt es Putenschnitzel, Grünkohl und Kasseler. Hier werden alljährlich Deutschlands Sterneköche gekürt, hier werden Karrieren gemacht und Laufbahnen ruiniert. Dieses Jahr die Laufbahn von Nils Henkel in Bergisch-Gladbach. Er verlor seinen dritten Stern. Mit Recht.

Denn Henkels Küche ist das Resultat völliger Ratlosigkeit. Sie ist eine elaborierte Küche mit vielen technisch perfekten Gerichten, die jeweils auf drei bis vier Grundprodukten basieren. Aromen und Texturen werden mehr oder minder gelungen zusammengeführt. Henkels Küche ist ein Kopfkonstrukt. Und das ist nicht nur das Problem von Nils Henkel, es ist das Problem der meisten deutschen Spitzenrestaurants: Zu viel denken, zu wenig schmecken.

Dieter Müllers Nachfolger steht unter Druck

Der sehr sympathische und kulinarisch stets alerte Henkel werkt im Gourmetrestaurant Lerbach im gleichnamigen Schlosshotel nahe Köln. Er ist der Nachfolger von Dieter Müller, einer deutschen Kochlegende. Und er hat es nicht leicht. Zwar konnte er 2009 Müllers Michelin-Sterne verteidigen, doch stand er schnell unter Druck, ein neues Konzept zu finden; eine eigene Handschrift zu entwickeln, die man an seiner Person festmachen kann. Motto: Das kriegt man nur bei Henkel.

Die komplizierte und konstruktivistische Molekulargastronomie war da gerade am Abkratzen; der Hype um die ethische und authentische nordische Gastronomie noch nicht zu ahnen. In dieser Zwischenzeit entwickelte Henkel sein Konzept der „Pure Nature Küche", eine Speisenfolge in Schüsselchen, Schälchen und auf Schiefertafeln. Als Henkel seine Interpretation der kulinarischen Moderne präsentierte, war diese auf der Höhe der Zeit. Sie hatte alles von Allem. Sie war nirgends zu Hause. Und sie war weit davon entfernt, ein großer Wurf zu sein.

Der intellektuelle 3-Sterne-Koch Deutschlands

Wenige hundert Meter von Henkel entfernt, in einem anderen Schloss namens Bensberg, kocht Joachim Wissler im Restaurant Vendome. Er hat immer noch drei Sterne, denn Wissler denkt ein wenig weiter; er ist einer der wirklich intellektuellen Köche Deutschlands. Vor drei Jahren war er kurz die Zukunft der deutschen Spitzengastronomie, selbst die New York Times kürte seine Küche zu den besten Regionalküchen Europas.

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Kommentare 11

Kommentare

Gast

Mehr solche Texte bitte. Auch wenn es nicht so viele Leiute interessiert. Das Politgequatsche brauche ich nicht, über Essen kam zuletzt zu wenig. Bitte keine Rezepte mehr, sondern fundamentale Kritik wie diese hier.

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Gast ...verwundert und erfreut.

Aber bitte - sind die zwei Sternchen für Olech und Köthe jetzt nichts mehr wert? Sooo viele 2-Star-Restaurants gibts dann auch wieder nicht, oder?

Der Guide ist eine Institution; genauer gesagt ein Institut, ein Amt. Man muss ihm schon zugestehen, für seine Weiterentwicklung ein bisschen Zeit zu benötigen. Dazu ist's ja auch einfach so, dass man diejenigen, von denen man sich viel verspricht, langfristig, nicht hochjupeln soll, denn wer schnell steigt, fällt auch schnell wieder.

Also vielleicht einfach mal abwarten, was Olech und Köthe nächstes Jahr bekommen, hmmm? Den Artikel finde ich super - mehr davon. Und mehr Artikel über Rotwein.

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Gast

Ist das jetzt ein Artikel an uns Landratten, in dem ich die 10 Thesen des Captain wiederfinden kann?
Kein Wort über das Weinangebot der Restaurants!
Wo sind die Weinkellner ahnungslose Nachplapperer?
Welche Sternerestaurants entdecken kleine fantastische Winzer?
Oder spielt das Weinangebot keine Rolle bei der Vergabe der Sterne?

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Der Captain

Nein. Hat diesmal nichts mit Wein zu tun. Sondern nur mit Essen.

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Markus Budai (via facebook)

Schon ein sehr guter Artikel, nur finde ich, dass hier ein Dreisterner vergessen wurde, der sehr wohl deutsche Gerichte neu interpretiert und auf der Karte hat: Sven Elverfeld. Hier gibt es z.b. Gerichte wie "Schnitzel nach Zigeunerart mit Vichy-Karotten" Neuinterpretationen des Handkäs mit Musik, den "Schwarzwälder Kirschbaum" oder das berühmte "Frankfurter Grüne Sauce mit Kartoffel, Ei und Tafelspitz vom Müritz Lamm".

Außerdem muss ein Besuch bei Wohlfahrt alles andere als langweilig sein. Hier bekommt man nämlich den puren Geschmack auf den Teller und das ist nicht nur ganz verständlich, sondern auch ungemein lecker!

Das Essigbrätlein bleibt letztendlich eine Instanz für sich, genau so wie das Noma. Bei letzterem muss man sich natürlich fragen, wie ein solcher Trend weitergehen soll und kann und ob dies die letzte Wahrheit ist. Letztendlich muss auch hier das Essen geschmacklich überzeugen und nicht einfach nur "anders" sein. Ganz interessant zum Thema Regionalität ist sicherlich noch Klinks Wielandshöhe in Stuttgart. Hier funktioniert das Prinzip, bringt zwar keine drei Sterne, soll es aber auch nicht und tut es auch nicht. Das ist aber auch gar nicht schlimm. Genau so wie Bresse Geflügel eben nun mal in der Tendenz einem deutschen Huhn qualitativ überlegen ist. Wer auf höchster Liga kochen will, muss eben mit höchsten Ansprüchen kochen (le produit roi). Ein für mich nervigeres Problem, neben der teilweise fehlenden Abgrenzung zu Frankreich, sind bei mir eher Dinge wie aus Neuseeland eingeflogene Langoustinen....

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Niko Rechenberg (via facebook)

Jau, sauber. Und mit dem Essigbrätlein den Trend erkannt: Andree Köthe ist Koch des Jahres beim Gault Millau 2012

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5Terre ja endlich ...

ja endlich wieder einmal ausschliesslich über´s essen.
danke. fein.

was mir aber fehlt ist der kommentar, meinung & co zum norden eures landes. hamburg, sylt ??? immerhin gibt es auf der insel drei restaurants mit sternen ... welche konsistenz haben die sterne? das fragt ein nebensaison-champagnerluft-süchtige-inselliebhaberin

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Der Captain

Ein offenes Wort: Außer Johannes King halte ich nichts auf Sylt für relevant (Sansibar gefällt mir gut - vor allem die Weinkarte). Man muss aber sagen, dass mein Ösi-Geschmack eben eher im Süden oder im Westen der Republik zu Hause ist. In Hamburg hat mir das Tafelhaus gut gefallen, das ist leider zu.

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5Terre

mille grazie.
ja, sansibar ist sehr gut. hier kann ich immer wieder deutsche weine in ruhe durchkosten (0,2 l x geplante verkostungsliste = abendliches schwipserl). scampipfanne, steak oder auch lamm mag ich dort sehr gerne und mein begleiter geniesst den kaiserschmarren samt vanilleeis, apfelmus & co, danach widmet er sich den ninteno-games ... und das alles bei kerzenlicht. so romantisch.

am ende der champagner-luft-tage gestehen wir uns glücklich und zufrieden ein, dass wir uns schon so sehr auf friuli freuen.

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Der Captain

Ach...Das Friaul..

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Michael Liebert

Kompliment, tolle Analyse! Nach all den komplizierten Kompositionen, sollten wir uns mal wieder bei Kolja treffen. Im VAU fühle ich mich immer noch am wohlsten und fürs Essen brauch ich kein Diplom...

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