Der Captain hasst Geburtstage. Die der anderen. Und seinen eigenen. Die der anderen, weil man immer über originelle Geschenke nachdenken muss, obwohl jeder am Ende doch nur ein gute Flasche Wein vom Captain überreicht haben will. Seinen eigenen, weil jeder dem Captain eine gute Flasche Wein schenken will. Oder das, was er dafür hält.
Deswegen hat sich der Captain Samstag alleine vom Acker gemacht und ist mit einem Billigflieger nach Bergamo geflogen. Und hat von dort den Zug nach Mailand genommen. Und dann den Bus nach Alba. Und das Taxi nach Barolo. Ziel war die Locanda nel Borgo Antico, ein Sternerestaurant nahe der Welthauptstadt des italienischen Wichtigweines.
Der Captain ist Zwilling vom Sternzeichen, ein verrufener Menschenschlag, gesellig, unterhaltsam, libidinös. Aber auch unzuverlässig und unberechenbar. Und manchmal gerne alleine. Um sich runterzuholen. So ganz alleine kann der Captain aber auch an seinem Geburtstag nicht bleiben, so fand er sich unter dutzenden Inter-Mailand-Fans wieder (obwohl Barolo ja eher die Juve-Zone ist), die laut und heftig den Sieg über Bayern München feierten. Oheeehooeeeeh. Trööööt...
Die Nachbartische schauten Live-Feeds vom Match über ihre multifunktionalen Telefone und der Kellner brachte die Nachricht von beiden Toren. Dazwischen gab es eines der besten Menüs, das der Captain seit langer Zeit gegessen hat. Auch in Italien, diesem Mutterland der einfach perfekten Küche. Und es gab fantastische Weine, die dem Captain wieder bewiesen haben, wie wichtig das Lagern von Flaschen ist. Wo, wie lange und unter welchen Bedingungen.

Lounge-Charakter der Nuller-Jahre inmitten alter Weinberge
Die Locanda nel Borgo Antico ist ganz gegenteilig ihres Namens ein neues und modernes Restaurant mit Lounge-Charakter und guter, geiler Hintergrundmusik. Das Restaurant ist Teil eines Weinguts, trotzdem bekommt man keine Flaschen aus hauseigener Produktion aufgedrängt sondern kann aus der fantastisch sortierten (aber leider nicht vollständigen) Weinkarte wählen. Der Captain entschied sich, dem Tipp des Sommeliers zu vertrauen.
Schon mittags im Milano hatte der Captain eine Flasche Herzu 2006 (13,5 % Alkohol) gekippt, jenen herrlichen Riesling aus Serralunga (gleich um die Ecke von Barolo), den der Captain erst neulich beschrieben hatte. Diesmal war es der 2006er und er war so dramatisch mineralisch, dass der Captain manchmal das Gefühl hatte, einen hellen Kiesel zu trinken. Viel frischer grüner Apfel und ein langer Nachhall machen den Herzu 2006 zu einem Langlebigkeitswunder. Der Captain ist überzeugt, das ist einer der seltsamsten und besten Rieslinge der Welt. Unbedingt probieren.
Danach trank der Captain eine Flasche eines seiner Lieblingsweine, eine Flasche 1999er Saffredi von Le Pupille (13,5 % Alkohol) aus der südlichen Maremma, dort, wo der Captain seinen ersten Weinberg stehen hatte, bevor er sich entschied, ein paar Kilometer nach Norden zu gehen, nach Bolgheri.
Und obwohl der Captain gerne an der Langlebigkeit italienischer Rotweine zweifelt, war dieser Saffredi noch lange nicht auf den Punkt der perfekten Trinkreife gekommen. Der hat noch gute zehn Jahre vor sich, um dann, vor seinem Ableben, wirklich zu zeigen, was in ihm steckt. An Captains Geburtstag brachte er auf jeden Fall viel Kirsche und Brombeere mit ins Glas, dann etwas Rumtopf und Minze, eine präsente und stabile Säure und noch immer viel Frucht, die in einem langen Nachhall konserviert bleibt. Ein großer Wein, ausser Frage. Rätselhaft, warum alle anderen Weine von Le Pupille so durchschnittlich bleiben.
Garnelen aus Sizilien, Tintenfisch aus Ligurien
Der erste Gang in der Locanda waren tiefrote Garnelen aus Sizilien mit Tintenfisch aus Ligurien. Beide ganz leicht angebraten und mit Limette und Salz gewürzt. Dazu ein Ricottamousse aus der Campana und eine leichte Tomatensauce - alles hell, alles von der Sonne geprägt. Ricotta und Tomate als Parodie der beliebten Frauenspeisung Insalata Caprese. Aber das Wichtigste: perfekte Grundprodukte, frisch, wie man sie in Deutschland nur in Hamburg bekommt. Großartig einfach. Großartig.

Dazu trank der Captain einen bedeutungslosen Arneis und einen Chardonnay aus der Umgebung, einen Burgunder von Barale (2009, 14 % Alkohol), ein sehr gut zwischen Mineralität und Frucht balancierter Wein, der, ohne je ein Fass gesehen zu haben, wunderbar kräftig war und auch eine kleine Restsüße aufwies. Schöne exotische Fruchtnoten: Maracuja, Mango, Mandarine. Im Mund dann auch ein angenehm stumpfer Geschmack. Fern jeder internationalen Stilistik, aber sauber gemacht und dem Terroir des Barolo verpflichtet.
Als zweiter Gang folgten sechs goldgelbe Ravioli mit kleingehacktem Entenfleisch mit Salbei und Rosmarin. Darüber in langen Schlieren ein Bratensaft vom ortsansässigen Ochsen. Hier beeindruckte die Geschmacksgewalt der Küche, die Fülle war immer ein bisschen zu heftig an einer mit Teig inkompatiblen Deftigkeit. Der Saft aber brachte dem neutralen Mehl-Ei-Gemenge einen Schuss Schmorintensität. So kam beides wieder auf Gleich.
Lamm auf Lava
Danach ein Lammkarree auf einem heißen Lavastein Dazu in einer Extraschüssel ein asiatisch inspirierter Bratensaft und auf den Punkt gegrillte Zucchini und Sellerie. Das mit jungem und wenig intensivem Knoblauch gespickte Lamm kam fast roh zu Tisch, der Captain musste es in Scheiben schneiden und dann am Stein finalisieren. So kam er in den Genuss von rare, medium und well.
Dazu gab es einen 1997er Barolo von Aurelio Settimo (14 % Alkohol), ebenfalls ein Wein, den der Captain weniger langlebig eingeschätzt hätte, als er sich hier nun präsentierte. Im Glas schon Alterstöne, an den Rändern Roströte, im Bauch beginnend durchsichtig. In der Nase jedoch jung, Kräuter, Bleistift, ein geöffneter Malkasten mit Wasserfarbetöpfchen (back to school), feuchte Erde, Pilze, etwas frisches Putzmittel, Chlorophyll. Beeindruckend.

Ein gutes Restaurant nimmt einem nie den Appetit, man isst drei Gänge und freut sich noch auf den vierten. Das ist selten genug, in der Locanda schwoll des Captains Bauch niemals an. Nun war auch das Spiel schon vorbei, die Stimmung erregt und heiter und die Brigade brachte ein große Meringa (Windbäckerei) zu Tisch. Mit Himbeeren und einem Vanilleeis. Was einfach klingt, war in der Kombination aller Zutaten und unter Beifügung von wenig englischer Krem ein herrlicher Abschluss, die Himbeeren passten perfekt zum harmlosen Moscato d´Asti 2009 von La Spinetta (5,5 % Alkohol). Dem kippte der Captain noch ein paar Gläser Barolo Chinato hinterher und ging in sein Autobahnhotel schlafen. Ein Geburtstag, wie er sein soll.
P.S.: Der Captain hat freilich nachgefragt, wann die beiden jung gebliebenen alten italienischen Rotweine eingekauft wurden und wie das Lager aussieht. Und selbstredend wurden die Flaschen nach ihrer Auslieferung gekauft und dann (perfekt temperiert) im Keller vergessen. Langsam lernen auch die Italiener, dass man gute Rotweine nicht im Lokal für alle Gäste sichtbar bei Zimmerhitze ins Regal stellt. Und ältere Jahrgänge nicht von dubiosen fliegenden Händlern kauft. So manche Leiche, die der Captain auch in Deutschland bei Italienern getrunken hat, wäre heute noch Leben.
Zum Restaurant: Locanda nel Borgo Antico, via Boschetti 4 (ausserhalb des Ortes Richtung Montforte), Barolo, Piemont, Italien. Tel: +39017356355
- Mehr über den Riesling Herzu in einem etwas älteren Beitrag des Captain
- Saffredi 2006 (guter Jahrgang) für 59,00 Euro bei Superiore
- Chardonnay Barale 2009 für 6,90 Euro direkt ab Weingut
- Barolo Rocche Aurelio Settimo 1999 (sehr guter und trinkreifer Jahrgang) für 38,75 Euro bei Getränkewelt-Weiser
- Moscato d´Asti 2009 von La Spinetta im 6er-Karton für 95,70 Euro, ausgerechnet bei des Captains ehemaligem Arbeitgeber, dem Zeit-Verlag in Hamburg
Der Captain betont wie immer, dass er an keiner verkauften Flasche auch nur einen Cent verdient. Er empfiehlt außerdem auch einmal einen Blick auf andere hervorragende italienische Weine zu werfen.







Gott isst in Frankreich, der Heilige Geist hat Lunch in Italien 





gut gemacht!