30.05.11 RESTAURANTS 21 Einem Freund senden

Das Ende der Molekularküche

Nicht Hitze, sondern Kälte, die hier raucht. Der Sternekoch Heinz Hanner bei einem seiner Experimente.Nicht Hitze, sondern Kälte, die hier raucht. Der Sternekoch Heinz Hanner bei einem seiner Experimente.

Juan Amador muss sein Restaurant in Langen bei Frankfurt schließen. Für die meisten Matrosen wird das keine Rolle spielen. Und die meisten deutschen Feinschmecker werden von Amadors Entschluss, seine Art Küche in einem seiner drei anderen Restaurants fortzuführen auch eher teilnahmslos aufnehmen. Amador war längst nicht mehr greifbar. Immer unterwegs, Botschafter einer Kulinarik, die man eng mit der Molekularküche in Verbindung bringen kann. Auch wenn Amador das immer in Abrede stellte.

Wie konnte das so schnell gehen? Was sind die Gründe dafür, dass die vor zwei Jahren noch so hochgerühmte Molekularküche zuerst dem Comeback der Küchenklassik und dann einer neuen Regionalküche (Beispiel: Rene Redzepi in Kopenhagen) weichen musste? Die Molekularküche hat zehn Jahre gebraucht, um ein echter Hype zu werden. Und etwas über ein Jahr, um von der Bildfläche zu verschwinden. Ihr bester Vertreter, der Katalane Ferran Adriá, hat das am schnellsten erfasst und sich rechtzeitig von der Bühne verabschiedet. Kluger Mann.

Die Molekularküche war - kurz zusammengefasst - eine Küche, die von zwei Physikern (Nicholas Kurti und Hervé This) und zwei Köchen (Ferran Adriá und Michel Bras) entwickelt wurde. "Die Molekularküche setzt Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Untersuchung biochemischer, physikalischer und chemischer Prozesse bei der Zubereitung von Speisen und Getränken um, die mit der Änderung von Texturen einzelner Produkte oder allgemein mit den Wechselwirkungen zwischen physikalisch-chemischen Prozessen und Veränderungen eines Produkts zu tun haben", sagt der Autor und Chemiker Peter Barham in seinem Buch über diese Küchenrichtung. Und so kompliziert wie das klingt, so kompliziert war die Molekularküche auch.

Eine Aufführung, ein Theaterstück

Sie war eine Aufführung, ein Theaterstück. Der Captain kann sich noch gut erinnern, als er bei Adriá zehn Streifen fast farbloses Gelee vorgesetzt bekam. Jeder Streifen schmeckte nach einem anderen gegrillten Gemüse. Das war gigantisch. Ebenso gigantisch war eine heiße Wurst vom Kraken, die zur kleinen Pralinen gebunden ein kaltes Basilikumeis enthielt. Was für eine Gaumenfreude. Der Hammer!

Die Molekularküche war notwendig. Sie löste in den 1990er Jahren die müde gewordene Nouvelle Cuisine ab, die seit den frühen Siebziger Jahren in unzähligen regionalen Abwandlungen weltweit das vornehme Essen prägte.

Die Nouvelle Cuisine wiederum löste die seit fast 150 Jahren dominierende Hochküche nach Auguste Escoffier ab. Jene Küche, die Frankreich als kulinarischer Nabel der Welt definiert hatte. Doch das wollte man am Ende der Wirtschaftswunderjahre nicht mehr essen. So waren Reste von Escoffier noch bis in die 1980er Jahre im Londoner  Restaurant "Grill" des vornehmen Savoy-Hotels zu besichtigen: fette Pasteten aus Blätterteig und feinem Fleisch, trübe Brühen mit Wachtelstücken, große Spieße mit Kartoffelkroketten, die wiederum mit Leber gefüllt waren, Eisbomben mit Schokoladenglasur. Escoffiers Küche und die Molekulargastronomie trennen gerade 30 Jahre, zwischen ihnen liegen aber Jahrhunderte. Das zeigt die Notwendigkeit der Molekularküche. Sie war das andere Extrem. Genauso herausfordernd, luxuriös und provokativ, wie die elaborierte Gastronomie à la Escoffier.

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Kommentare 21

Kommentare

Thomas Draschan (via facebook)

modeerscheinung

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Anna Aichinger (via facebook)

hab mein essen lieber auf einem teller als in einer blase....

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Martin Pelzer (via facebook)

gut auf den punkt gebracht

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champussi ...schön dass es vorbei ist!?

Ich denke der Captain sollte den Herren Oliver und Mälzer hier nicht Unrecht tun. Sie hatten auch gar nicht den Anspruch von P. Bocuse. Ohne Sie sähe es aber in den deutschen Küchen wohl noch wesentlich trauriger aus!!!

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Ursula Vybiral (via facebook)

Joldrichtich.

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Thorsten Firlus (via facebook)

Verstehe die Aufregung nicht. Wie alle neuen Entwicklungen mit Nachhall gibt es Übertreibungen, die auffällig sind. Sie werden korrigiert, das passiert von ganz allein. Bleiben werden die fundamentalen Erkenntnisse und die dann über Jahre als sinnvoll erwiesenen Praktiken. Wir werden in 10 Jahren vieles als klassische Küche wahrnehmen, was heute noch als Molekular verschrien wird. Dass der könnerfreie Einsatz von außergewöhnlichen Neuerungen zu Verdruss führt, ist keine neue Erkenntnis. Ich persönlich werde auch in Zukunft mich über die Zutaten und Dinge freuen, die schmecken - auch wenn sie per "Molekular"-Technik erzeugt wurden. Warum auch nicht? Gerade die großen Könner der Zunft werden hier ihre überlegenen handwerklichen Fähigkeiten an den Tag legen. Aber zum provozieren eine hübsche These.

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Thorsten Firlus (via facebook)

Zudem ist der Herr Manfred Klimekschlau genug, um zu wissen, dass beim Juan Amador sehr sehr gut essen kann und konnte und auch wieder wird. Aber das Pamphlet, heute wohl der "Rant" ist nunmal des Internets bevorzugte Form. Ich reihe mich ja ein in die Opfer dieser Mechanismen. :-)

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Tommy Richard Möbius (via facebook)

Bleib lieber beim Thema Wein

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Jessica Fuchs (via facebook)

fakeism has gotta die

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Oliver Haag (via facebook)

Den Scheiss hab ich noch nie gebraucht

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cn

bei saul williams gehts weiter, manfred...

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Mahatma Glück Mahatma Pech (via facebook)

Sehr schöner Text.

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Gast ein bisschen angepinkelt

Ich unterschreibe den Text bis auf bis auf die Gleichstellung von TK-Pizza und Grühnkohl. Der Captain wahr wohl noch nie richtig gut Grühnkohl essen. Vorzugsweise mit einer guten Ammerländer Pinkel. Ich bitte um Richtigstellung dieser völlig unqualifizierten Aussage.

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einfach ein schönes Leben

Lieber Captain Cork,

im Prinzip kann man dir schon zustimmen. Aber die Molekularküche hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Kochen zu tun. Denn für mich ist es mehr wie ein gut inszenierter Theaterabend. Es wird einem im besten Sinne ein sinnliches Theaterstück vorgeführt, bei dem es um geschmackliche Eindrücke geht. Aber es geht eben nicht ums nachkochen oder nachmachen, wie du richtig bemerkt hast. Es würden auch nur wenige Leute eine Oper bei sich zuhause aufführen. Deshalb bin ich auch der Meinung, das es bleiben wird, wenn wir endlich sehen, was es wirklich ist.

Mit regionalem Gruße aus Bayern

Martin

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Gast

Diese Konsolidierung schrumpft den Zauber auf ein gesundes Normalmaß.
Möglicherweise in einer Nische überlebend um später als technologisches Versatzstück einer neuen Mode abgewandelt wieder zu erscheinen?

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Sebastian

"Die Molekularküche wird uns nichts mitgeben, außer den Schokokuchen, der innen heiße Schokolade trägt, die auf Anstich dekorativ herausrinnt." <--- hat nichts mit Molekularküche zu tun ^^

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Der Captain

Doch, sogar sehr..

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Alex

"Nur selber machen will das keiner. Zu viel Aufwand."

Ich will das selber machen - mach ich sogar von Zeit zu Zeit und sei es nur um des Effekts willen. Ich versteh die Aufregung nicht.

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Oliver Hess

So ist es warum wir den Captain so lieben. Er überspitzt in der Schrift so gerne wie manche Köche es beim experimentieren getan haben. Fakt ist aber das zum Beispiel Redzepti nie ohne die Erkenntnisse der "Molekularküche" heute so auftrumpfen könnte, weil der Kern der Molekularküche ging immer um Textur, Geschmack und exakte Temperatur und dank dieser Erkenntnisse wird nie wieder so gekocht werden wie vor Adria, Blumenthal oder Amador, der bei aller Liebe vieles auch aus Spanien mitgebracht, kopiert oder so ähnlich...hat. Speziell beim Juan Amador waren gerade nicht die "Spielereien die Stärke" sondern die Gänge zwischen Tapas und Dessert.

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sanchopanza ein bisserl grantig

"Molekularküchen"bashing ist blöd. Was ist der Punkt? Herve-This und Kurti gings ja um die Erforschung der chemischen Prozesse beim Kochen und die Erkenntnisse der beiden und anderer werden ganz bestimmt bleiben und kein ernsthafter Koch kann das ignorieren. Dass der Begriff "Molekularküche" eher saublöd ist, steht auf einem anderen Blatt. Und nur weil Juan Amador ein Restaurant zusperrt, wird die Experimentierfreude in der Küche nicht den Bach runtergehen. Gute Leute setzen die Erkenntnisse halt auch richtig ein. Die Rocas in Girona und Jordi Vila in Barcelona sind zwei herausragende Beispiele dafür.

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Sebastian

Und warum @ Captain?
Der Schokokuchen wird einfach nicht ganz fertig gebacken, deswegen ist er in der Mitte noch flüßig. Kein agar, calcic etc... nichts das die textur verändert, keine chemikalien, nix..
Den flüßigen Schokokuchen gibts schon ewig, wo noch nicht mal ansatzweise jemand an die molekulare Küche zu denken wagte ;)

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