So. Irgendwann muss Ende sein, meint der Erste Offizier, der gerade aus Schweden zurückgekehrt ist, wo er in einem einsamen Landhaus an einem mückenverseuchten See herbstlichen Regen genoss. Seiner Ansicht nach ein wunderbarer Rotweinurlaub. Er ist der erste, der in Berlin wieder das Schiff betritt. Und es ist noch niemand an Bord. Deswegen die große Rückrufaktion an die Mannschaft: Zeit zurückzukehren.
Auch der Captain hat seine Zelte in Italien abgebrochen. Und ist auf dem Weg nach Berlin. Doch er ist den Umweg über Wien gefahren, seine alte Heimat, die er monatlich heimsucht, um alte Bekanntschaften aufzufrischen. Der Captain war früher gerne ab und zu im Restaurant des Palais Coburg zu Gast, ein irrer Trip eines in Deutschland reich gewordenen österreichischen Milliardärs. Hier gab es internationale Küche auf höchstem Niveau. Und eine sensationelle Weinkarte, denn der Milliardär ist auch Weinfanatiker.
Doch Milliardäre ticken oft anders, als investmentgetriebene Aktiengesellschaften. Und so wurde dem Milliardär wohl das Privatvergnügen eines teueren Restaurants im teuren Hotel zu anstrengend. Schwupps, schon war die Hütte zu. Und Wien hatte einen place-to-go weniger. Wie die Gastronomie der Stadt überhaupt nur mehr mit gelangweilten und teuren Standards glänzen kann (mittlerweile isst man in Berlin, München oder Mailand billiger und besser).
Weinbistro statt Spitzengastronomie
Nun stand das Hotel einige Tage ohne Gastronomie da. Das kann aber bei einem Haus dieses Standards (5 Sterne Luxus) nicht die Regel werden. Und weil dann auch die Rückstufung in eine andere Kategorie drohte (4 Sterne Luxus) ließ der Milliardär ein Bistro offen, das zum Weinbistro umfunktioniert wurde. Funktionieren tut es aber nicht.
Denn nur sechs Tische waren an diesem Abend besetzt, einer vom Captain mit Gefolge. Und das, obwohl das Essen im Coburg-Bistro zu den unaufgeregt besten Essen zählte, die der Captain seit Monaten in Wien genossen hat. Erstklassiger marinierter Kalbskopf, ein gebackenes Perlhuhn mit rohen Radieschen und gekochten Kartoffeln (als Salat, mit einer Spur Senf perfekt angemacht), ein Saibling auf Champagnerkraut. Und eine Linzer Schnitte (alte österreichische Traditionsbäckerei aus Mürbteig und Marmelade).
Normale Küche. Ideal für große Weine
Festgehalten also, dass hier sehr gut, aber auch sehr normal gekocht wird. Und genau diese Art Küche ist ideal für die Weinkarte, die einen hier erwartet. Es gibt alles. Wirklich alles, was man sich
wünscht. Nun gut. Einige Ausnahmen. Aber das fällt nicht ins Gewicht.
60.000 Flaschen hat der Milliardär in den Keller schaffen lassen. Und noch immer kauft er bei Auktionen altes Material zu. Gern gesehene Gäste im Coburg sind reiche Russen, die sich hier Weinkenntnisse aneignen. Und diese Gäste sind nicht mehr die gleiche Klientel, wie unter Jelzins Zeiten. Heute nehmen Russen die Kultur auch ernst.
Dem Captain fehlt die Brieftasche für die vielen 1961er Bordeaux (das Jahrhundertjahr), die man hier trinken kann. Und auch für die etwa 1.500 (!) anderen Premier Crus, die auf der Karte angeführt sind. Auszüge des Irrsinns lassen sich unter diesem Link nachlesen (ohne Preise). Der einfache Matrose wird jetzt zu Recht die Frage stellen, warum er, wenn er in Wien ankert, dieses Weinbistro der Sonderklasse aufsuchen soll. Gibt es hier etwa auch eine große Auswahl glasweiser Raritäten, wie bei Willi in Paris?

Da muss der Milliardär enttäuschen, die glasweise Auswahl ist eher durchschnittlich und wenig originell. Offenbar kam man nicht auf die Idee, den Keller in der Offenausschank zu spiegeln. Warum auch immer. Aber das ist nicht unser Bier.
Glasweise eher Durchschnitt
Unser Bier aber ist es, hier ein paar der besseren Weine zu trinken, die man sonst nicht findet. Etwa einige Mersaults und Montrachets (Durchschnittspreis 150,00 Euro), die man auf deutschen Weinkarten in Deutschland vergeblich sucht. Man merkt: Der Milliardär kann einkaufen, wo er will. Und muss sich keinem Händler unterordnen, der ihm die Weinkarte gestaltet. Deswegen werden auch originelle Weinkarten immer rarer in Deutschland. Weil man sich keinen Sommelier leisten will. Und keine Experimente.
Viele aus den Cotes du Rhone, aus dem Languedoc, aus der Burgund, aus dem Piemont und der Toskana. Aber auch aus Kalifornien und Australien findet man im Coburg zu erträglichen Preisen gelistet. Der Captain empfiehlt das Weinbistro im Coburg für einer Gruppe von Leuten, die an einem oder zwei Abenden einen gewissen Betrag ausgeben will, um in eine exaltierte Weinwelt einzutreten. Wenn z.B. acht Leute je 500 Euro hinlegen, lässt sich hier Großartiges verkosten. Das scheint auf den ersten Blick viel Geld zu sein. Ist aber für ernsthaft angetrunkenes Wissen ein geringer Betrag.
Der Captain hat übrigens eine exzellente Flasche Weißburgunder getrunken. Aus Deutschland. Aber dazu (und zum Gelben Orelans) nächste Woche mehr. Wenn die Berichte wieder am Schiff geschrieben werden. Und nicht auf den Booten.
Weinbistro im Palais Coburg und Weinkarte des Palais Coburg (Auszüge)







Geil. Mit zwei Tausendern ist man dabei... 





will nicht an details rummosern, aber: das weinbistro gabs immer schon, teil der etwas verqueren gastronomie-politik des hauses, vor allem aber, weil die restaurant-küche die hotelgäste nicht bekochen konnte und wollte (und sich der 24 stunden-clubsandwich-dienst mit zweistern-küche nur schwer vereinbaren lässt).
und bei genauerer betrachtung kann man in wien derzeit so lustig und günstig essen wie noch nie zuvor und wie sonst in keiner stadt, die mir jetzt einfallen will (zb. badeschiff, zb freyenstein).