Es ist traurig zu sehen, dennoch herrscht in der Belegschaft keine schlechte Laune. Noch einmal werden im schönen Lokal die Gläser poliert und korrekt aufgedeckt. Die Tische sind restlos reserviert; Freunde, Winzer und Stammgäste haben sich angesagt, denn heute schließt eines der besten Restaurants Österreichs, das Meinl am Graben in Wien.
Besser ist wohl nie eine Restaurant gelegen, das in Wien die Szene beherrschte. Der Speisesaal thronte über dem Graben, der fantastisch herausgeputzten Luxusmeile nahe des Stephansdoms. Das Meinl am Graben hat Wien zur wirklichen Weltstadt gemacht - auch wenn es nur das Anhängsel des berühmtesten Feinkostladens der Stadt war.
Zwei Köche haben dort gekocht: Christian Petz und nach ihm Joachim Gradwohl. Beide Köche habe Standards für die österreichische Küche gesetzt, die nun eventuell für immer verloren gehen. Denn es kann auch sein, dass Gradwohl zukünftig - wie Petz heute schon - eher berät, als kocht. Damit geht Wien das Internationale verloren, das nur mehr im Palais des Steirereck seine Entsprechung findet. Wien kehrt zum Beisl (wienerisch für Kneipe mit warmem Essen) zurück. Das scheint niemandem groß zu stören (Der Captain berichtete über die Wiener Krise).

Neben den herrlichen Kochkünsten wurden im Meinl auch großartige Flaschen aufgerissen. Das war die Angelegenheit eines der besten Weinexperten Europas, Hermann Botolen, bis zuletzt Sommelier im Meinl. Ein gutaussehender aber stets introvertierter Dauerverkoster mit dramatisch aktuellem Wissen. Dieses Wissen wird nun nicht mehr abgerufen werden, da es in Österreich offenbar keinen interessiert.
Der Captain hat im Meinl so manchen bemerkenswerten Tag verbracht; er hat von Petz und Gradwohl ein paar der aufregendsten Kreationen moderner österreichischer Küche vorgesetzt und von Botolen die spannendsten Weine seines Lebens aufgetischt bekommen; er hat eine der besten Brigaden gesehen, die es in Europa geben kann.
Natürlich war das Restaurant stets ein Zuschussbetrieb des enorm prominenten gleichnamigen Feinkostladens. Doch so wahnsinnig viel wird die Angelegenheit nicht gekostet haben. Der Besitzer Julius Meinl der Fünfte (Stammhalter eines alten österreichischen Familinenclans) schließt das Restaurant wohl auch aus Verachtung und Hass auf Land und Justiz. Meinl der Fünfte (das österreichische Mediengesetz zwingt uns dazu, hier erneut und nachdrücklich auf die Unschuldsvermutung aufmerksam zu machen) ist Hauptperson einiger strafrechtlicher Ermittlungen.
Der Filius ehrenwerter Kolonialwarenhändler hat den Lebensmittelkonzern nach und nach zu einer Bank umgewandelt. Mehrere Fonds, die von dem guten Namen der Familie profitierten, haben etlichen Anlegern, darunter ganz einfaches Bürgertum, Millionenverluste beschert. Meinl der Fünfte beteuert jedoch, mit diesen auf steuerschonenden Inseln geparkten Firmen wenig bis nichts zu tun zu haben. Nach seiner ersten Verhaftung konnte er eine Kaution über 200 Millionen Euro binnen Stunden auf den Tisch legen. Liquide Mittel scheinen also zur Genüge vorhanden zu sein.
Seit längerem - so hört man - verhandelt Meinl mit anderen Lebensmittelhändlern über die Übernahme des letzten Standortes der alten, längst verkauften Supermarktkette. Da diese Verhandlungen offenbar aber nur schleppend vorankommen, beschloss Meinl den Zuschussbetrieb Restaurant zu schließen. Und er gönnte Wien wohl diesen Standort nicht mehr. Der Lebensmittelpunkt des Anfangsfünfzigers ist längst London; dort, wo sich die Finanzwelt wohl fühlt. Meinl ist zudem britischer Staatsbürger.
Wäre die Familie Jagdfeld und die Adlon-Investgruppe alert und klug, so würden sie die gesamte Brigade das Meinl nach Berlin holen. Die Hauptstadt hätte einen spannenden kulinarischen Mittelpunkt, der genau das liefern würde, was auch die Berliner mögen: einfache, leichte, produktgenaue und regional geerdete Küche mit mediterranen Einschlägen. Dazu die besten und aussergewöhnlichsten Weine der Welt, von einem ebenso aussergewöhnlichen Sommelier entkorkt. Mensch, was willst du mehr?
Man wird sich wohl noch was wünschen dürfen...?
Der Captain bedankt sich bei Küche und Brigade des Meinl am Graben und wünscht jedem Einzelnen, der ihn über die kurzen Jahre glücklich machte, das Beste auf dem nun kommenden Wegen. Man sieht sich. Hoffentlich.







Joachim Gradwohl. Hoffentlich bald wieder hinterm Herd 





Wirklich sehr schade!