18.03.10 WEINLEUTE 18 Einem Freund senden

Winzer: Ein Lob dem Quereinsteiger

Es geht nichts gegen eine gute Aussicht...Es geht nichts gegen eine gute Aussicht...

Auch Günter Schönberger hatte irgendwann genug. Genug Geld hatte er sowieso, denn er war Saxophonist bei der erfolgreichen Band EAV, dem Hitmonster aus der Steiermark, das unsere Ohren mit Liedern wie „Banküberfall" oder „Märchenprinz" traktierte. Dass die Erste Allgemeine Verunsicherung nicht nur Geldmaschine sondern auch eine angesehene und politisch nicht unbeleckte Kabarettgruppe war, tangierte Schönberger nicht länger als er Anfang der Neunziger Jahre im Nebenerwerb mit dem Weinbau begann. Endlose Tourneen hatten ihn ausgelaugt, das Kollegiale der Band war längst wie weggefegt, die Nerven lagen blank: Zeit auszusteigen. Schönberger war damals Anfang Vierzig.

Die langen Haare hat er auch als Weinbauer behalten, zwischenzeitlich sind sie weiß geworden. Und ab und zu kramt er auch noch das Saxophon hervor und spielt für ein paar Fotos den Wilden am Feld. Doch diese Ablenkungsmanöver können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schönberger langsam, aber nachhaltig, in die Liga der besten burgenländischen Winzer aufgestiegen ist. Und dass er vom Weinbau genau so gut leben kann, wie von den Konzerten und Tantiemen der Band. Besser sogar, die Lebensqualität ist unvergleichlich.

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Aus ähnlichen Gründen, wenngleich in einer anderen Dimension, entschloss sich Hans Schmid Weinmacher zu werden. Schmid war einst der erfolgreichste Werbefachmann Österreichs, seine Agentur GGK setzte Unsummen um, ihre Rendite würde heute jeden Londoner Fondsmanager vor Neid erblassen lassen. Als abzusehen war, dass die Kreativität der Branche dem neuen Ökonomismus zum Opfer fallen würde, verkaufte Schmid seine Agentur an ein angloamerikanisches Konsortium. Rechtzeitig, sagt man.

Das gute Geld ließ Schmid an der Börse arbeiten. Besser noch: Er ließ jemanden mit dem Geld an der Börse arbeiten. Wie auch immer, die Barschaft mehrte sich und Schmid stellte sich alsbald die Frage, was nun wirklich Relevantes er mit diesem Geld anfangen sollte. So stieß er auf den Wein.

Von einem befreundeten Wiener Heurigenwirt erwarb er das „Rote Haus", eines der schönsten Anwesen der Stadt, hoch oben am Nussberg, mit einem unvergleichlichen Blick über Wien. Es ist die ultimative Freizeit-Immobilie. Um das Haus herum befinden sich ein paar Weingärten, die Schmid eigentlich nicht vorrangig kaufen wollte. Doch da diese Hektare fruchtbar waren und gepflegt werden wollten, fand Schmid schnell die richtigen Leute, an die diese Aufgabe zu delegieren war.

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Schmid ist kein Winzer wie Schönberger, der mit seinen Händen im Erdreich wühlt und aus den Krumen Analysen zieht. Doch wie Schönberger drängt es Schmid zur Nische. Schönberger will einer der besten Bio-Winzer Österreichs sein, Schmid will sein Rotes Haus zur ersten Marke der Wiener Weine machen. Das ist allen Quereinsteigern eigen: Sie versuchen sich im Außergewöhnlichen, sie haben keinen Sinn für das Alltägliche alleine, das viele, selbst prominente, Winzer prägt. Der Weg der Quereinsteiger ist ein anderer, folglich muss er ein wahrnehmbar anderer sein.

So denkt, so agiert auch Peter Veyder-Malberg, neuer Winzer der renommierten Wachau. Veyder-Malberg, ehemals Etat-Direktor einer internationalen Werbeagentur, hat es am Beginn seiner önologischen Karriere mit einem Weinberg im ungarischen Tokaj versucht, doch dieses Projekt kam über die Projektierung nicht hinaus.

Bei seinem früheren Arbeitgeber, dem gräflichen Weingut Hardegg in Niederösterreich, hat Malberg die Freiheit gehabt, neben einer stattlichen Anzahl von gängigen Weinen auch eine Premiumlinie zu keltern, eine Reihe außergewöhnlicher Kreszenzen, die in der österreichischen Weinlandschaft eine angesehene Außenseiterrolle spielen.

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Etwa einen Viognier aus der gleichnamigen französischen Traube, die ein Einheimischer im Weinviertel wohl nie anbauen würde. Oder einen Portwein, der aus rechtlichen Gründen leider nicht so heißen darf. Mit diesen scheinbar irrationalen Kreationen hat sich Malberg im Extremen positioniert. Manch ein Freund der neu entdeckten Regionalität wird hier vorurteilsbehaftet ein vernichtendes Urteil fällen.

Malberg jedoch geht es um das Experiment, das auch sein Können bestätigt. Und es geht ihm um die Nische für schmackhaften Wein, der anders sein soll, als der ewiggleiche Grüne Veltliner, den man im Überschwang des Erfolges zur primären nationalen Sorte verklärt.

Roland Velich geht den umgekehrten Weg. Der ehemalige Croupier kommt aus einer angesehenen burgenländischen Weinbaufamilie. Im Zuge des Generationenwechsels erfand Roland gemeinsam mit seinem Bruder Heinz den Chardonnay „Tiglat", eine burgundische Kreation, die schnell die höchsten Weihen erfuhr. Velich bewies, dass man in Österreich Weine internationaler Qualität machen kann. Der Tiglat wurde zum Markenzeichen des österreichischen Weinwunders, ein Phönix aus der Asche.

Doch ist der Tiglat immer ein Fremder geblieben. Im Seewinkel hat diese Traube keine Tradition, in der Region um Neckenmarkt, vom Seewinkel nur durch den schmalen Soproner Korridor getrennt, gibt es sie fast gar nicht. Hier dominiert der Blaufränkische die Rebgärten, neben dem Zweigelt die traditionellste aller heimischen Sorten. Und Roland Velich, mittlerweile aus dem familiären Weingut ausgeschieden, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Blaufränkischen an die Spitze der weltweit wichtigsten Wertungen zu führen.

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Das ist ihm gelungen, seine Kreation Moric wurde vom einflussreichsten Weinbewerter der Welt, dem umstrittenen amerikanischen Rechtsanwalt Robert Parker, knapp an die Höchstwertung geführt. Diese Auszeichnung ist ein Garant internationalen Interesses, der Moric steht nun auch auf prominenten Weinkarten in Los Angeles und Sydney. Roland Velich zwängt die Sorte in ein gewagtes Korsett, er zitiert das Burgundische. Diese Verschlankung, ganz gegen die Mode der fetten und marmeladigen Weine, wurde nach der Rückkehr des Autochthonen zum Inbegriff des modernen und zeitgemäßen Weinbaus. Velich hatte den Finger am Drücker als diese Welle losging. Und so sehr er gegenwärtig hinter seinem Konzept steht, so sehr ist es auch sicher, dass Velich den nächsten Trend vor den anderen entdecken und ausarbeiten wird - bei Tiglat und Moric hat er das schon bewiesen.

Wie andere Quereinsteiger macht sich Velich mit seiner fordernden und oft selbstbezogenen Art nicht nur Freunde. Doch mögen die alteingesessenen Winzer auch die Nase rümpfen, für die Zweit- und Drittkreationen der einst Branchenfremden verpachten sie gerne jene Felder, die sie nicht mehr zu bewirtschaften imstande sind.

Heribert Bayer ist einer der eifrigsten Zukäufer. Der ehemalige Partnerschaftsvermittler, ein Heiratsstifter traditionellen Zuschnitts, begann seine zweite Karriere nach dem Vorbild großer Handelshäuser, die jedes Jahr Tonnen von Trauben kaufen und daraus mit Hilfe erfahrener Önologen eigene Kreationen keltern. Bayer hat sich in der Nähe von Neckenmarkt ein schickes und sehr funktionelles Wirtschaftsgebäude hingestellt, das nun gar nichts mehr mit alter Winzerromantik zu tun hat. Hier feilt er partnerschaftlich mit seinem Sohn an den gemeinsamen Weinen. Neue Kreationen kommen zuhauf hinzu, denn Bayer versprüht Ideen und realisiert sie auch. Seine bedeutendsten Kreationen sind auch seine besten Weine: „In Signo Leonis" und „In Signo Tauris" - wie hat man anfangs über diese anmaßende Namensgebung gespottet.

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Doch Bayer war das Gerede Dritter egal. Als Beweis der Richtigkeit seiner Ignoranz findet er seinen reinsortigen Pinot Noir unter den besten Weinen des Landes gelistet und auf jeder bedeutenden Speisekarte des Landes angeführt. Bayer hätte es sich gewiss einfacher machen können, denn diese Sorte zählt zu den kompliziertesten Trauben, die man anbauen kann. Gerade diese Herausforderung aber stachelt den Quereinsteiger an, hier Großes zu leisten. Großes, das der gewöhnliche Winzer nicht leisten will, da er in seinem traditionellen Bild gefangen bleibt. Zudem haben Quereinsteiger wie Bayer mit ihren Spitzenkreationen nicht nur ökonomische Interessen. Es geht auch darum, das Prestige zu festigen, das Können zu beweisen, das man den einst Außenstehenden nicht zutraut.

Von allen Quereinsteigern hat Hans Schmid wohl die meisten Möglichkeiten. Er muss sich bei keiner Bank um Fremdfinanzierung anstellen, er muss nicht lange nachdenken, wenn er Flächen pachten oder kaufen will. Diese Freiheit hat es ihm ermöglicht, bislang 30 Hektar in Wien zu erwerben, darunter einige der besten Lagen. Schmid verfügt mit dem in die Firmenfamilie einverleibten Heurigenlokal „Mayer am Pfarrplatz" über eine boomende Gastronomie, die diese Weine sonder Zahl verwerten kann. Längst jedoch finden sich Schmids Flaschen in vielen Restaurants, denn Wiener Wein ist in Mode. Nicht nur bei Wiener Gastronomen.

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Jutta Ambrositsch hat in Wien ganz klein begonnen. Und ist klein geblieben. Die Grafikerin hat eine sichere Anstellung aufgegeben, nur um auf gepachteten Gründen Riesling und einen bemerkenswerten Gemischten Satz zu keltern. Aus einigen wenigen Parzellen Rebstöcke sind nach zwei Jahren fast zwei Hektar Anbaufläche geworden. Zu wenig, um daraus eine goldene Nase zu lukrieren, aber genug, um damit ein  Auslangen zu finden. Ambrositsch ist die wagemutigste der Berufsumsteiger. Und auch die späteste der an prominenter Stelle platzierten.

Ihr Riesling unterscheidet sich von den gängigen Weinen gleicher Sorte durch seine deutsche Note, durch die geschliffenen Säure und die einschmeichelnden Restsüße. Etikett und Vermarktung geschehen in Eigenregie. Ambrositsch wird noch persönlich bei den Gastronomen vorstellig und holt sich ab und an auch eine Abfuhr. Dennoch kann Qualität keiner aufhalten, Einzigartiges noch weniger. Restaurantbesitzer, wie etwa Peter Friese vom Schwarzen Kameel in der Wiener Innenstadt, ordern Ambrositschs Wein gleich kistenweise. Es gilt: Wer in einem guten Lokal über Jahre gelistet bleibt, kann auf die Order anderer Restaurants hoffen. Die Wirte belauern sich gegenseitig, keiner will eine neue Entwicklung verpassen. Und bei allen Quereinsteigern darf der Sommelier auch eine gute Geschichte erzählen. Etwas, das den Wein noch schmackhafter macht.

Bei Günter Schönberger ließen sich viele Anekdoten finden und wenn er nicht so mundfaul wäre, könnte er diese bei den zahlreichen Verkostungen selber erzählen. Ein Besuch bei diesem Individualisten macht klar, dass man auch ohne elaborierte Kellertechnik und architektonisch angeberischem Keller hervorragende Weine keltern kann. Das bisschen Unordnung im Hof ficht den glücklichen Winzer nicht an. Das Besondere, egal wie es entsteht, wird in Zeiten gnadenloser Nivellierung immer interessanter. Ohne die Quereinsteiger wäre der Weinbau mäßig innovativ geblieben. Langweilig wird uns nie.



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Kommentare 18

Kommentare

Doris Holler-Bruckner (via facebook)

Eine wirklich gute Geschichte- bin nicht ausgestiegen!!

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Susanne Hofbauer (via facebook)

Gar nicht zu lang! Und fein zu lesen. Und der Malberg, find ich, wird mit dem Alter immer fescher...

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Peter Mayr (via facebook)

ich mag diesen captaincork immer mehr, politisch ist er auch. die bestandsaufnahme kärnten ist so einfach und echt. schön aber kacke. ich versteh nur vom wein leider nix. weiss nur obs mir schmeckt, so wie dieser captain...

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Georg Biron (via facebook)

feine story - und gut ding braucht zeile!

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Stefan Lappas (via facebook)

Super Story, danke!
Kenne die Weine von Roland Velich und sie sind sehr, sehr gut! Ich liebe den Moric!
Von Heribert Bayer habe ich bisher nur Gutes gehört. Seine Weine werde ich definitiv probieren.

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Brigitte (via facebook)

Mit dem Günter Schönberger hatte ich unlängst beim Max einen langen Abend lang das Vergnügen.
Erstens sind seine Weine wirklich ziemlich sehr gut. und zweitens ist der Mann ein absolut cooler Typ. Gelassen, unprätentiös und Besitzer eines ganz feinen Humors.
Ich hoffe auf Wiederholung.

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Rachel Wirth (via facebook)

hhmh, der sieht cool aus, der typ mit den weissen laaangen haaren.
dem würde ich sofort ein flascherl abkaufen

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Kunstguerilla

Nicht zu lang, nicht zum Ausstieg nötigend, sondern super interessant! Wer will schon immer das selbe über immer die selben bekannten Weinmenschen lesen? Danke!

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Helmut Knall ...schnupfig.

der Korrekturleser in mir meldet sich: Vigonnier in der Zeile unterm Foto. Bittschön ausbessern.
Und: Ja - die Leute lesen lange Texte - auch im Netz.

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Der Captain

Danke..

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Michael Pronay als Oberkorrektor

Und jetzt schreiben wir's, bitteschön, ganz korrekt: Viognier, nicht Vigonier.

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Der Captain

Hab ich ausgebessert, Herr Proany..

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pivu

Schöner Artikel, mit einigen meiner Lieblingswinzern. (Könnte fast von mir sein ;-) .) Und mindestens 3 davon werd' ich morgen bei "Joly & Co" in Düsseldorf treffen. Geht der Captain dort auch von Board?

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Erster Offizier

Das Schiff segelt bereits Richtung Düsseldorf.

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pivu

Ergänzend sei erwähnt, dass Jutta Ambrositsch mittlerweile Jutta Kalchbrenner heißt, das "Weingut" firmiert weiter unter Jutta Ambrositsch.

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weinfidél ...besserwisserisch ;-)

zu Bayer:
Heri's Karriere begann entschieden früher, und zwar schon ab Mitte der 80er, als er u.a. Umathum, Pöckl u. Feiler-Artinger beraten und unterstützt hat.
zu Roland V. (MORIC):
Ganz zu Beginn des Projekts war da auch noch Erich Krutzler (ex Weingut Krutzler, Deutsch-Schützen) aus dem Südburgenland mit im Boot..., der heute aber, verheiratet mit der Tochter von F.X., in der Wachau lebt (Weingut Pichler-Krutzler, Oberloiben)

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weinfidél ...zur Frage des Tages

wer steht wohl hinter Atzberg Wein GmbH (pivu ist von der Antwortgebung ausgeschlossen!)?

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pivu nur leicht verstimmt

Schad', einmal weiß ich was, dann darf' ich's nicht sagen.

In die Range der Genannten würden wohl auch Dorli Muhr (PR Agency) oder Uwe Schiefer ("Sommelier", Kaffeehausbesitzer) passen. (Und sicher noch manch anderer, den ich vergessen hab'.) Und deren Weine sind ebenfalls mit das beste im Lande.

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