Erstmal die Fakten: In argentinischen und auch in südafrikanischen Probeflaschen hat das deutsche Landesuntersuchungsamt Spuren des verbotenen, bzw. eingeschränkten Wirkstoffes Natamycin gefunden. Nach Rücksprache mit der Berliner Anstalt für Risikobewertung hat man sich auf eine Deklarierung als Antibiotikum geeinigt - ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte.
Denn Natamycin ist ein Antimykotikum das man gelegentlich auch als polyenes, fungistatisches Antibiotikum bezeichnet hat. Und was macht dieses Natamycin eigentlich? Die Antwort: Natamycin ist eine gegen Pilze und Hefen wirkende Substanz, die auch als Konservierungsstoff auf der Oberfläche bestimmter Käsesorten und getrockneter Würste zugelassen ist und auch als Medikamentenwirkstoff gegen Pilzbefall auf Schleimhäuten und den Augen zum Einsatz kommt. Das Verbot, bzw. die Beschränkung von Natamycin beruht nicht auf einer möglichen toxischen Wirkung sondern auf einer befürchteten Resistenzbildung bei zu häufigen und unkontrollierten Anwendungen. (Quelle: Drinktank).
Die Medien haben aber den Wortlaut der Presseaussendung übernommen. Und schon stand überall von einem Antibiotikum zu lesen. Im Wein!!! Himmelherrgottnochmal!! Jessasmarantjosef!! Umgotteswillen!!! Kreisch!!! Schrei!!!!!!!
Ein neuer Weinskandal!
Freilich aus jenen Ländern importiert, die es mit den Vorschriften und der Hygiene nicht so genau nehmen. Aus Argentinien (typisch Lateinamerika) und aus Südafrika (wie wollen die nächstes Jahr eine WM abhalten, wenn sie nicht mal ihren Wein sauber produzieren?).
Spiegel, Stern, Bild: Ganz Deutschland liest vom Weinskandal. Und wie zum Beweis zog heute im Supermarkt am Prenzlauer Berg ein besorgter Mann den Arm seiner Frau von einer Flasche Malbec. "Du Schatz, der ist aus Argentinien. Hast du nicht gelesen, dass da Gift drin ist?"
Komisch nur, dass dieser "Skandal" in anderen Ländern kaum Aufmerksamkeit erregt. Kein Wort davon in Österreich (auch dort gibt es viele Weine aus Südafrika), wenig in der Schweiz, Schweden, Holland, oder Dänemark. Ein bisschen was in der englischen Presse. Viel in Deutschland. Viel mehr, nachgerade Hysterie.
Es muss einem schon wundern, dass gerade in Deutschland Lebensmittelskandale (Gammelfleisch, etc.) immer aufs Neue das immer gleiche, große Grauen erregen. Und oftmals macht es den Eindruck, als würde man solche Skandale sehnsüchtig herbeisehnen, ja sogar herbeischreiben. Im gegenständlichen Fall kann man sich zudem des Verdachtes nicht erwehren, dass man mit den etwas verdrehten und aufgeblasenen Fakten (die festgestellten Mengen Natamycin sind überaus gering) aus Übersee importierten Weinen schaden will. Diese haben im deutschen Weinmarkt ja inzwischen einen zweistelligen Prozentbereich erobert. Und gleichzeitig verkommen an der Mosel Millionen Liter Wein zu Essig.
Doch es geht tiefer. Die deutsche Seele will offenbar bestraft werden. Sie sehnt sich nach Beweisen, dass die Lebensmittelindustrie ihrer Bitte nach extrem billiger Nahrung mit der Produktion von Dreck nachkommt. Und das ist ja auch wahr, vieles ist Dreck, auch der meiste Wein ist Dreck. Immer noch.
So schaukelt man das Boot hoch. Der Konsument verlangt - laut plärrend - immer neue Preisreduktionen und läuft Kilometer, nur um bei einem Laib Brot 50 Cent zu sparen. Die Diskounter drangsalieren eine bereitwillig liefernde Industrie, die den verlangten Preis nur mit der Ingredienzen aus Dreck beantworten kann, die sie mit Aromastoffen und ähnlichem Zeugs genießbar macht. In geringerem Maß, aber dennoch, geschieht dies auch beim Wein.
Man mag sich jetzt um die Begriffe streiten: ist Natamycin ein Antibiotikum oder ein Antimykotikum? Aber wen interessiert das wirklich? Letztendlich ist wieder ein neuer Schadstoff gefunden. Der deutsche Michel nickt ihn ab, er hat sowieso immer schon gewusst, wie fahrlässig man mit seiner Gesundheit umgeht. Im nächsten Moment aber schreit er wieder nach Schnäppchen. So jemandem ist kaum zu helfen.
Und auch die Bloggergemeinde tut fleißig mit. Sie macht das Nicht-Thema eine Woche zur Hauptnachricht. Vor allem deswegen, weil sie - im Gegensatz zu den Kollegen in den Print-Redaktionen - den Unterschied zwischen Antibiotikum und Antimykotikum festgestellt hat. Gut recherchiert, Chapeau. Aber am eigentlichen Thema vorbei.
Das eigentliche Thema ist, dass sich die Deutschen an einen etwas teureren Korb Lebensmittel gewöhnen müssen. Etwa so teuer wie in Österreich oder in der Schweiz. Man muss nur in diesen beiden Ländern die Supermärkte besuchen, um den Unterscheid festzustellen. Bessere Grundprodukte, höhere Preise. Basta.
Das gilt auch für Wein. Eine Flasche guten Weins muss mindestens vier Euro kosten. Ein deutscher Winzer muss für eine anständig produzierte Flasche Weißwein mindestens 2,50 Euro bekommen. Dann kommt er - wenn er Menge hat - damit zurecht.
Ein Konsument aber, der für eine Flasche Wein "einsneunzig" zahlen will, der soll einfach die Fresse halten und sein "Mehr zahl ich nicht, ich bin ja nicht blöd" in seinen Hut murmeln. Er ist der Schuldige, er hat das Natamycin in den Wein getan.
All die anderen betrifft es nicht. Deswegen ist dieser "Skandal" nur wieder ein Skandal der Masse, der Masse will. Denn Masse macht es billiger, will es billiger. Wohl bekommt´s.







Der lächelnde Tod. Etwas unscharf formuliert 



hat man das Antidingsbums in einer 1,90 Flasche gefunden oder in einer teuren? Ein hoher Preis muss nicht zwangsweise vor Dreck schützen.