21.11.09 WEINLEUTE 15 Einem Freund senden

Go East: Sloweniens Rothschild

Frau Kristancic öffnet den Sekt noch mit der BrechstangeFrau Kristancic öffnet den Sekt noch mit der Brechstange

Collio, ein Wort, das dem Captain glänzende Augen und eine trocken Zunge verursacht. Nur wenige Weinbaugebiete sind schöner, keines kurioser, als das Collio, denn hier zieht sich die Staatsgrenze zwischen Slowenien und Italien durch manchen Weingarten. Und das Kilometer lang. Manchmal fragt sich der Captain, wie das Winzern hier zwischen Stacheldraht und Wachtürmen möglich war. Damals, vor 1991, dem Jahr, in dem der Bürgerkrieg alles änderte.

Movia ist das bekannteste Weingut Sloweniens. Die Familie Kristančič zählte immer zur Elite des Landes. Im und nach dem Kommunismus. Das macht generell verdächtig. Ihr Betrieb wurde während des Kommunismus nicht verstaatlicht. Auf welche Art Beziehung zu Tito und Partei das zurückzuführen ist, bleibt ein Geheimnis.

Im Privatbesitz konnte Aleš Kristiančič, jung und motiviert, schneller starten, als seine Mitbewerber. Im ehemaligen Jugoslawien zählte Movia zu den fünf Vorzeigeweingütern. Da war schon ein Markt bereitet, der Movia einen gewissen Umsatz sicherte.

Doch anstatt sich auf Erreichtem auszuruhen, definierte Aleš Kristančič die Weine seines Vaters Mirko, des privaten Kommunisten, neu. Sein Vorbild, ohne Zweifel, war der piemonteser Edelwinzer Angelo Gaja. Um die Weine Movias herum entwickelte Kristančič eine Ideologie der Perfektion. Bis hin zu den eigenen Gläsern. Der Betrieb wird zudem seit Jahren biodynamisch geführt. Dem alternativen Öko-Anschein konternd, lässt Kristančič im Keller die bekanntesten slowenischen Künstler der kontemporären Moderne ausstellen. Movia, ohne Zweifel, ist ein Musterbetrieb, der wie ein Phoenix aus planwirtschaftlicher Asche entstieg. Verdächtig. Oder nicht.

Vesna Kristančič öffnet mit einer kompliziert wirkenden Apparatur zuerst eine Flasche Rosé-Sekt (12,4 % Alkohol, Jahrgang 2000), die kopfüber in einem befüllten Wasserbecken entkorkt wird. Die Sedimente der Hefe entweichen in das Nass. Sinn dieser Methode ist es, den Sekt länger lagerfähig zu machen. Tatsächlich überrascht die Frische und Eleganz des 2004 abgefüllten Weins.

Dem Sprudel folgt der Rebula Lunar 2007 (13 % Alkohol und knochentrocken), der kurz im neuen Holz lag und unfiltriert abgefüllt wurde. Er riecht nach Safran, Kardamom, Kalk und Tonerde. Ein außergewöhnlicher Weißwein, der in die Kategorie gelungenes Experiment passt, wie alles bei Movia.

Experiment auch die Cuvée Veliko („Groß") 2000 aus der Magnumflasche (13,8 % Alkohol, 1,3 Gramm Zucker). 50 % Rebula, dann noch Sauvignon, Chardonnay und Grauburgunder. Dieser Wein ist schlicht sensationell, cremig wie ein fetter Viognier, elegant wie ein Meursault. Die Nase füllt sich mit den Aromen von Datteln und Zitrusfrüchten, auch ein opulenter Kräutergarten sticht in das Riechorgan. Am Gaumen dann eine zurückhaltende Opulenz, ein langer Nachhall ruft ihn auch noch nach Minuten in Erinnerung. Erstaunlich frisch für sein Alter, zweifellos große Ware, die man nicht zu kalt trinken sollte (ja, diesmal nicht zu kalt!!).

Etwas kühler trinken darf man hingegen die gleichnamige rote Cuvée aus Merlot, Cabernet und Pinot Noir aus dem Jahrgang 2001 (Alkohol 13,7 %), ein Saft mit einer einzigartig schlanken und kühlen Stilistik, der so gar nicht in die Region passt, die gerne warmen und kräftigeren Stoff keltert.

Auf Movia zieht man den eigenen Stil recht unbeeindruckt vom Weltmarkt und Weltweingeschmack durch. Das klingt fast autistisch individuell. Und gut. Doch bei manchen Rotweinen von Movia stellt der Captain die Frage, ob das Gegenteil des gewollten Gegenteils nicht besser wäre.

Weine von Movia gibt es bei slowenien-weine.de

Auf den Geschmack gekommen? Hier gibt es alle Folgen der Serie "Go East".



DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 15

Kommentare

Der Captain Wilkommen..

..zum Quotenkiller..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Mister Spuck ... ohne Mitleid

Nicht so wehleidig, Captain. Sie eitler Geck...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Daniel

interessant ist auch, dass der sekt keine zweite gärung durchmacht, da er ansonsten zu viel alkohol hätte.
fast wäre ich an der matheaufgabe gescheitert;-)

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Mister Spuck ... kofschüttelnd

Ja, wohl in Norddeutschland Abitur gemacht...? Aber in Sachen Alkohol zumindest bestens informiert.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Alice müde

aber eh noch brav gelesen. schöne geschichte, nix da quotenkiller ... mit 3 gläsern schnödem shiraz im leib ist die vermaledeite matheaufgabe aber schon eine herausforderung... zum glück stammt mein abi aus sachsen

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Mister Spuck ... reuevoll

Aha, Sachsen. Wahrlich ein treffliches Land. Ich nehme meine brüske Unterstellung zurück, Frau Alice. Aber es überkam mich die alte Wut aufs nordische Bildungsniveau der unter 35jährigen, das ich als Ausbilder vieler Jungprofis zu verachten lernte.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Jill Mercedes angeregt

Eine feinsinnige, untadelige Geschichte, mir ganz nach dem Gemüte... |bemerkenswerte Duftspiele erklimmen meine geistige Nasescheidewand, ebenso remarkabel die doch sehr unterschiedlichlichen Temperamente, des aus selbigem Boden und unter geschwisterlichen Wolken Gewachsenen... erzählt von Wein mit Puls und Temperatur| Zudem wer käme denn schon an diese gottvergessenen Ostfronten ohne die Umtriebigkeit des Captains, also eigentlich alles klar auf der Andrea Doria...wäre da nicht den gefühlsfuseligen Fatalismus auf der Brücke...|Tolstoi hatte doch auch nicht die Auflage eines Groschenromans| und mich tät's eh wundern, lauerte der nächste Gassenhauer nicht schon abschußbereit im Kanonenlauf...in diesem Sinne: sie genießt und dankt.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Erster Offizier

Welch prosaische Talente hier schlummern. Und auch remarkabel ist remarkabel

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Mister Spuck ... hochachtungsvoll

Wie lange dichten Sie, Frau Mercedes, an so einem 10-Zeiler? Über Christoph Ransmayr (Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Ransmayr ) hörte ich mal, dass er durchschnittlich einen Tag lang an einem Satz feilt. Großartig: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_letzte_Welt

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Jill Mercedes ausführlich

Mister Spuck,
_ungefähr eine gute Stunde brauche ich zuweilen schon, denn ich bin extrem legastenisch veranlagt. Ich brauche manches Mal meherer Anläufe um vorerst den Beitrag im Detail zu vereinnahmen und dann eine kleinen Ewigkeit um auf diversen Webseiten, ebenso wie in schwergewichtigen Nachschlagewerken die Rechtschreibung einigermaßen zusammenzusuchen...daher rührt auch der Umstand, daß ein Kommentar meinerseits oft erst einen oder zwei Tage dem Ersterscheinen des Artikels folgt.
lächelnde Gedanken. Salve
(17 min/15 Korrekturen)

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Jill Mercedes nachtragend

_habe ich in der Aufregung gänzlich versäumt: danke sehr für die erbaulichen Anregungen zur Lektüre. Ich werde mich sehr gerne, wenn auch sehr langsam, in ihr versinken lassen...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Alice Lieber Hr. Spuck

ich fühlte mich gar nicht angegriffen, dem Herrn Daniel haben Sie norddeutsches Bildungsniveau unterstellt. Mangelnde Bildung hab ich sowohl bei über als auch unter 35 häufiger angetroffen als mir lieb ist.

Halte meine für ziemlich gut, wenn auch nicht in Bezug auf Wein, weshalb ich hier (fast) jeden Tag interessiert lese und lerne..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Dieter

Lieber Captn Cork,

besten Dank für den Artikel, den ich mit Interesse gelesen haben. So weit ist auch alles gut. Aber kleine Hinweise möchte ich Ihnen doch noch geben.

Wir waren das erste Mal Ende der 70er Jahr in Goriska Brda. Damals zumindest gab es keine Wachtürme und keinen Stacheldraht mehr. Jugoslawien war ein blockfreies Land und unterschied sich in dieser Beziehung sehr stark vom "Ostblock", zu dem es nur bis 1948 gehörte. Viele Winzer im Collio und in Brda haben schon seit 1945 ihre Weinberge auf der jeweils anderen Seite der sehr willkürlich gezogenen Grenze. Deshalb gab es schon jahrzehntelang kleine Grenzübergänge an denen sie direkt mit dem Traktor rüber fahren konnten.

Und die Bauern und damit auch die Winzer in Slowenien durften bis zu 10 Hektar Grund besitzen und bewirtschaften. Allerdings mussten Sie früher die Trauben an die örtliche Winzergenossenschaft abliefern. Eine Ausnahme war Movia, das basierte aus der Partisanenzeit von Großvater Anton, der sich beharrlich weigerte und tatsächlich von Tito die Genehmigung erhielt, selber Wein zu machen.

Aber das war auch schon in den 70er Jahren in anderen Weinbaugebieten Sloweniens üblich, Das älteste bei uns vorhandene Etikett eines selbstvermarktenden Winzers ist vom Jahrgang 1976.

Wir haben eine große Zahl von Winzeretiketten. Die Weine wurden damals schon in Vinoteken verkauft.

Unbestritten ist aber, das der richtige Aufschwung in der Winzerszene erst Ende der 80er Jahre begann. Movias erster etikettierter Jahrgang war der 1986er. Da war die Zeit, als Ales Kristancic seine jeweils halbjährigen Praktika bei Petrus und Romanée Conti beendet hatte.

Ich hätte noch viel zu berichten, aber jetzt soll es erst einmal gut sein.

Herzliche Grüße

Dieter

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Vielen Dank für diese professionellen Ergänzungen..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Mister Spuck ... hoch erfreut

Das ist ja wirklich mal eine lehrreiche Ergänzung aus dem Dreiländereck. Bin begeistert und werde die Informationen an die Verwandtschaft diesseits der julischen Alpen weiterreichen - auf dass sie sich mal zu einem Halbtagesausflug hinreissen lässt.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld