11.11.09 RESTAURANTS 15 Einem Freund senden

Michelin 2010: Vom Westen nichts Neues

So sehen Deutschlands Superköche aus: Andree Köthe und Yves Ollech vom Essigbrätlein in NürnbergSo sehen Deutschlands Superköche aus: Andree Köthe und Yves Ollech vom Essigbrätlein in Nürnberg

Kurz mal weg vom Wein, hin zur schönsten Nebensache, neben der Nebensache Sex, hin zum Essen, ohne das der beste Wein nicht schmeckt. Essen kann man sich und Freunden kochen, Essen kann man im Restaurant verzehren. Um nicht in der miesesten Spelunke zu landen, werden Restaurants bewertet. Für den Konsumenten gibt es seit Jahren zwei wesentliche internationale Führer, den Guide Michelin (er bewertet mit Gabeln und Sternen) und den Gault-Millau (er bewertet mit Punkten und Kochmützen, in Österreich Hauben genannt).

Neben den beiden großen, gibt es in fast jedem Land auch einige kleine nationale und regionale Guides, die aber meistens nicht zu den Platzhirschen, vor allem nicht zum Guide Michelin aufschließen können. Dieser gilt zu Recht als wichtigster Restaurantführer der Welt, weil er knapp und sachlich zusammenfasst. Und weil Köche über Köche urteilen, Gastronomen über Gastronomen. Der Gault Millau ist ein vergnüglich zu lesendes, journalistisches Werk, das mitunter Sachkenntnis vermissen lässt und zwiespältiger Polemik den Vortritt gibt. Aber er macht mehr Spaß - auch dem Captain.

Mit der intelligenten und welterfahrenen Juliane Caspar leitet seit diesem Jahr eine Deutsche die weltweite Chefredaktion des Guide Michelin. Da haben sich einige deutsche Gastronomen Hoffnung gemacht, das deutsche Fresswunder (neun Lokale mit der Höchstwertung von drei Sternen) werde sich dieses Jahr rasant fortsetzen. Ein Zeichen gegen die Krise. Doch mitnichten. Immerhin ist kein Dreisterner abgewertet worden. Wiewohl mancher, vor allem einer bei Frankfurt, es verdient hätte. Meint der Captain.

Doch nichts hat sich groß getan. Ein Zweisterner hat einen Stern verloren, ein Einsterner hat diesen Stern gewonnen. Sonst? Das große Gääähhhnen.

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Es muss sich auch nichts tun, sagt die mahnende Stimme. Es muss sich nichts tun, wenn sich nichts tut. Doch tut sich nichts? Für die Leute bei Michelin und Millau tut sich sicher nichts, denn sie bekommen das, was sich tut, nur am Rande mit. Beide Guides sind träge Organisationen, traditionell in der alten, behäbigen, westgebundenen Feinschmeckerei verankert. Und die hat ja viel getan für Deutschland, diese Feinschmeckerei.

Signifikant für die Ignoranz der Bewerter sind die andauernden Fehlbeurteilungen in der Bundeshauptstadt Berlin. Die alten Tester aus dem Westen hassen Berlin. Sie hassen den lässigen Umgang mit Küche und Küchenkultur, sie verachten Lokale wie das Grill-Royal, das Borchardt oder das Bandol. Doch gerade hier entsteht die neue deutsche Esskultur. Eine unangestrengte deutsche Esskultur. Gerade hier entsteht ein frankophiles, ein italophiles Deutschland, ohne sich dessen noch bewusst zu sein, ohne diese Tendenz auf irgendwelche Fahnen schreiben zu wollen. In Berlin lebt der Wertewandel, denn hier sind die Lokale auch voll, wenn sie von den beiden großen Führern schlecht bewertet werden. Keiner da, den das interessiert. Das müssen sie hassen, die alten Kritiker aus dem Westen der Republik.

Das Restaurant Fischers Fritz im Hotel Regent am Gendarmenmarkt, die wichtigsten Mitte der Stadt, hat zwei Sterne. Völlig zu Recht, sagt der Captain. Trotzdem ist es dauernd leer, weil es steif wirkt und ein Fremdkörper in Berlin ist, ein altbackenes Stuttgarter Hotelrestaurant, so unnötig, wie die ordnungsstaatliche Schwabenbrigarde, die gerade am Prenzlauer Berg Stellung bezieht. Sie haben Berlin nicht kapiert und Berlin wird sie nicht kapieren wollen.

Das gilt leider auch für Michael Hoffmann im Margaux, einer der besten Köche Deutschlands in einem der besten Restaurants der Stadt. Auch er ist in Berlin nie angekommen, denn auch die von ihm vereinnahmte internationale Klientel genießt eher die Leichtigkeit, mit der in Berlin Essen und Wein in unkomplizierter Umgebung zusammenkommen, als dass sie in staatstragenden Rahmen speisen will. Man mag das für proletoides Gehabe halten (was es ja auch ist), aber es zählt, dass es bei den Leuten ankommt, dass die Menschen genau das suchen.

Am Gendarmenmarkt kocht auch Kolja Kleeberg im Vau. Und sein Restaurant ist voll, weil es dort gut, modern und witzig ist. Weil die Stimmung ins Schwarze trifft. Ebenso im neuen Restaurant Reinstoff, das gottlob vom Michelin bemerkt wurde und einen Stern bekam. Das Experiment junger Gastronomen glänzt vor allem mit einer überbordenden und mit preiswerten Raritäten gut bestückten spanischen Weinkarte.

Aber was die Berliner Gastronomie ausmacht, sind die unzähligen kleinen Lokale, wie das Themroc, das Le Gavroche, das Zum dritten Mann, das Weinstein und viele mehr, wo man gut und günstig auf hohem Niveau Essen kann. In jeder anderen Stadt würden diese Lokale von den alten deutschen Gastronomieführern lobend erwähnt werden. Nicht in Berlin. Hier zählt das nicht, denn hier hält man sich nicht an die Regel, hier findet man sich selber gut genug.

Und weil sie nicht kapiert haben, was abgeht, die alten deutschen Fressführer, werden sie mit ihrer Klientel irgendwann aussterben. Das gleiche gilt auch für Zeitschriften wie den Feinschmecker. Kein Junger liest das mehr.

Bei den Weinzeitschriften, bei den Weinführern ist diese Entwicklung schon dramatisch bemerkbar. Nirgendwo sonst sinken die Auflagen so rapide. Das hat selten mit der Qualität des Journalismus zu tun. Es kommt vor allem daher, dass sich die neuen Weintrinker dem salbadernden Geschwätz der Weinpriester nicht mehr öffnen. Wein verliert seine Wichtigkeit. Weingenuss wird alltäglich. Man liest gerne über Wein, liest aber nichts, das an eine Sekte erinnert, der man früher noch hätte beitreten wollen.

Und Ähnliches, nur etwas verspätet, droht den Regelwerken der Genusskonsumenten, den Fressführern. Ein Wertewandel findet statt. Genuss ist selbstverständlich. Doch man will verständliche Information, die sich einer einfachen und unterhaltsamen Sprache bedient. Diese Alltäglichwerdung ist manchem "Fachjournalisten" noch ein Gräuel. Der Michelin wiederum, immer kurz und knapp mit Signalen arbeitend, liefert zu wenig Randinformation, um bei der Generation Internet ernst genommen zu werden.

Eben diese Unverständlichkeit, dieses im eigenen Saft kochen, ist es, das die meisten Weinblogs nach wie vor nach Lesern und Konsumenten suchen lässt. Sie können die Auflagenverluste der Weinmedien bislang nicht genügend für sich verbuchen. So bleibt nicht abgeholt, was abgeholt werden könnte.

Endloses Geschwafel über einen Chateau Dripsdrü aus 2005 interessiert nur mehr eine Kaste Introvertierter. Endloses Geschwafel über die Textur eines Hirschrückenfilets bei Starkoch Franz Fronz nur mehr die Anhänger des großartigen Jürgen Dollase. Die große Langeweile der Gourmetführer, die Auflagenerosion der Weinpresse, ist der neuen Normalität geschuldet, die diese Finanzkrise (in Wirklichkeit eine Sinnkrise) hinterlässt. Und diese Normalität wird bleiben. Zeit, darauf angemessen zu reagieren.

P.s: In Österreich hat der Guide Michelin heuer sein Erscheinen aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben und derart starke Betroffenheit ausgelöst. Das Wettrennen um den dritten Stern ist beendet, dieser kann nur mehr im internationalen Guide der großen Städte errungen werden. Die Luft ist raus, auch im Land der Fressverliebten, an dem sich Deutschland lange ein Bespiel nahm.

P.p.s: Hier ein Link zu Nikos Weinwelten, der Deutschlands Sterne auflistet und die Wertung des Michelins kommentiert.

 



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Kommentare 15

Kommentare

Luis Steinkellner (via facebook)

ehr guter artikel -danke !

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Gast die segel gerafft

danke für diesen tollen artikel! trifft m.E. den apfel im kern. und schon vor 20 jahren verursachte "feinschmecker" und co. bei mir unangenehme gefühle..sozusagen einen kloss im hals.
aber wie hier beschrieben, gibt es eine andere kultur, die lebt! und schmeckt.

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Paul Verocai (via facebook)

du schreibst mir aus der seele. frag mal heino huber und die anderen, warum sie beim sternderl-hauberl-spiel nicht mehr mit tun

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Peter Zöhrer (via facebook)

na ja dieses büchlein interessiert ja wirklich keinen mehr überholt wie torte mit buttercreme

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Albert (via facebook)

Hervorragend analysiert, Mr. Captain Kork! Ich stimme Dir 100%ig zu und stelle diesen Trend auch bei mir fest. Ich will das nicht lesen; ich will behaubte Lokale nicht mehr besuchen, wo ich mich nicht wohl fühle.

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Harry Prandstätter (via facebook)

Gut und richtig, leider kenn ich die Lokale in Berlin nicht, du warst uns noch immer nicht besuchen, schade würde ganz gerne mit die a bisserl Schmäh führen

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Mister Spuck ... amüsiert

Diese Österreicher - müssen auch bei jeder Gelegenheit und sogar digital sich private und herzliche Grüße ausrichten. Und daheim rammen sie sich dann gegenseitig das Messer in den Buckel...

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Der Captain

In die Buckel, mein Lieber, Mehrzahl. Ein Buckel reicht nicht aus.

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S.N. (via mail)

ein guter und wohl sehr wahrer Beitrag, vielen Dank!

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Alice (via facebook)

kann meinen vorkommentatoren nur zustimmen, @peter zöhrer: so ne altmodische fiese buttercremetorte kann aber schon was, finde ich ....

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pyro verwirrt

Na Captain, mal wieder schnell 3 bis 6 Themen in einem Artikekel bewältigt;
zurück zur Überschrift: wenn`s im Michelin nur um Sterne ginge wäre er nahezu überflüsig, aber was ist seine Grundlage? dem örtlich mehr oder weniger unkundigen Reisenden nach Wahl (Preis/Qualität) Hinweise und Adressen zu vermitteln; ich nutze in Frankreich sehr gerne die Bewertung "bib gourmand" das in aller Kürze und Unvollkomenheit.

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Der Captain (unterwegs)

Hmm, der Artikel ist fast ein Jahr alt. Und was spricht gegen 3-6 Themen in einem Artikel?

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Der Captain (unterwegs)

Und in der Überschrift steht nichts über Sterne..

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pyro doch, echt gut

Ay, der neue Matrose hat die Stimme des Chefs vernommen und seine Fehler erkannt;
bin einfach durch die Themen gestrolcht und hatte den Bedarf den Michelin aus eigener Erfahrung zu loben, denn bei der Kritik versch. Berliner Restaurants und der Weinpublikationen wurde er m.E. (ganz ganz subjektiv) etwas mitruntergeschrieben (darf ja auch sein).
Gelobe zukünftig nicht auf ältere Themen zu antworten und zwischen Überschrift und "Unterüberschrift" (oder wie sagt man?) zu differenzieren. Anfängerfehler!

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Der Captain (unterwegs)

Ältere Themen sind nicht tabu, dieses hier jedoch ist schon etwas abgestanden..

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