Christian Wulff ist unschuldig. So wird es wahrscheinlich auch die Staatsanwaltschaft sehen. Christian Wulff ist das Opfer einer Medienhatz. So sieht es Christian Wulff selber. Die Medien, die aufgeblähte Öffentlichkeit, tragen Schuld. Nicht wenige Bundesbürger, die ihm in dieser Annahme folgen.
Wulff stürzte über Gefälligkeiten, die in meinem Heimatland Österreich zum Alltag gehören. Gerade eben deckt ein Untersuchungsausschuss auf, wie dreist österreichische Politiker und Hofschranzen in der gut aufgestellten Alpenrepublik die Hand aufhielten. Das kommt nicht von ungefähr: Österreich war schon vor dreißig Jahren ein zutiefst korruptes und in Gefälligkeiten gefangenes Land. Andererseits sind diese Verwebungen auch ein Teil des österreichischen Erfolgs. Und die meisten Gefälligkeiten geschehen inzwischen, ohne dass man sie einfordern muss.
In Wulffs Umfeld wurde das alltäglich, was in Österreich seit jeher herrscht: Das Verteilen und Annnehmen kleiner Aufmerksamkeiten. Hier eine Ferienwohnung, dort ein billiger Kredit: All das, was Herr und Frau Normalbürger nicht bekommen. All das, was einem Teil einer privilegierten Gesellschaft werden lässt. Das fühlt sich gut an.
Sein Auftreten, seine Haltung, verrät den Schwachen
Bei Wulff sieht man den Minderwertigkeitskomplex sofort. Sein Auftreten, seine Haltung, verrät den Schwachen, den Zerbrechlichen, der einen Haltegriff sucht. Das hat viel mit seiner Kindheit und Jugend zu tun, was jetzt keine Ausrede sein soll. Aber schon ein bisschen Erklärung. Wulff suchte die Mächtigen und Erfolgreichen, weil Wulff die Starken suchte. Hätte er sich an moralisch starken Persönlichkeiten orientiert, wäre er heute wohl anderswo. Leider hat die CDU so wenig Sprecher in Sachen Moral, keinen Brandt, keinen Schmidt. Nicht mal einen Schröder - wobei die Moral hier schon schnell baden ging.
Brandt und Schmidt lebten und leben in nahezu bescheidenen Verhältnissen. Aus heutiger Sicht. Auch Christian Wulff zuerst privatkreditfinanziertes Eigenheim scheint eher schlicht zu sein. Kein Palazzo Prozzo, vielmehr das Haus eines Gutbetuchten, der seine Schäfchen im Trockenen hat. So sah sich Wulff auch; er sah sich nicht als Wichtigtuer. Und er dachte, das reiche, durchzukommen. Reichte nicht.
Auf den Weg dorthin hat er sein Selbst verloren
Wulff, der Schwache, er lebte in einer Welt der Durchboxer. Wulff, der wenig Brillante, er lebte in einer Welt der Zyniker. Und wollte selber einer werden. Auf den Weg dorthin hat er sein Selbst verloren, das früher wohl nicht unsympathisch war. Vor der Spitzenpolitik. Wulff kann nichts dafür, sein Revier war vollgestellt mit schwarzen Limousinen; hinter getönten Scheiben warten Einsager.
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Die kämpfende Truppe. Wulff hat einen Moment zu lange um sein Amt gekämpft (Fotos: DPA) 




In welchem politischen Blog oder welchem politischen Printmedium fände sich wohl eine derartige Einschätzung? Zitat: „Sein Auftreten, seine Haltung, verrät den Schwachen, den Zerbrechlichen, der einen Haltegriff sucht. Das hat viel mit seiner Kindheit und Jugend zu tun…“ Entschuldigen Sie die deutlichen Worte, Captain, aber diese Mischung aus Anmaßungen, Spekulationen, Generalisierungen, Trivialisierungen, die - wie so viele im Netz - nicht davor zurückschreckt, mit vulgärsprachlichem Vokabular der eigenen Position Nachdruck zu verleihen, ist unerträglich. Nicht weil sie nicht richtig sein mag, sondern weil sie argumentativ dem Thema nicht gerecht wird, und weil sie sich sprachlich selbst diskreditiert. Und brauchen wir Weininteressierte hier die Einschätzungen politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen anderer Weininteressierter?