Ich kann es nicht mehr hören. Und es nervt mich seit Jahren. Dauernd erzählen mir Leute, dass sie heute Abend zum Essen oder beim Ausspannen ein „schönes Glas Wein trinken". Oder - viel verwegener noch - eine ganze Flasche schönen Weins. So viel Schönheit ist kaum zu ertragen, mir verschlägt es jedes Mal den Atem. Am liebsten würde ich der Person an die Gurgel gehen. Schöner Wein? So ein Quatsch!
Trinkt man in Frankreich schönen Wein? Nein! In Italien? Auch selten. In Österreich? Selbstredend kaum. Warum also trinken die Deutschen andauernd schönen Wein? Ist ihr Leben so grau? Wie heißt das eigentlich das Gegenteil vom schönen Wein? Hässlicher Wein?
Warum trinken sich die Deutschen den Wein schön?
Die Deutschen trinken „schönen Wein", weil Wein nicht zu ihrer Alltagskultur gehört. Wein ist eine Belohnung, etwas Besonderes, das in gehobenem Umfeld genossen und zelebriert werden soll. Und da muss es ein schöner Wein sein. So redet man sich selbst die Plörre vom Discounter interessant. Drei Euro und neunzig Cent. Aber ein schöner Wein. Absurd.
Selten gibt es in einem Land dämlichere Begriffe und Kategorien für Wein, als in Deutschland. Da gibt es zum Beispiel den „Terrassenwein". Der soll möglichst jung, unauffällig, dafür aber fruchtig und spritzig sein, sodass man ihn im Sommer auf Balkonien trinken kann.
Schlaffe Weine gleich Terrassenwein?
Ich trinke auf Balkonien aber gerne einen Meursault oder einen ähnlich fetten Burgunder. Auch zu Fleisch vom Grill. Der ist besser, als die ausdruckslosen Terrassenweine, die sich nur verkaufen lassen, weil man dem Konsumenten einredet, er müsse sich an die Regel halten, im Freien und bei Sonnenschein eine gewisse Art ausdruckslosen Wein zu trinken.
Oder der „Kaminwein", wieder so eine idiotische Zuordnung. Mit Kaminwein sind schwere Rotweine gemeint, die man nicht zum Essen trinkt, sondern nach Vorschrift vor loderndem Feuer oder in ähnlich entspannter Atmosphäre wie eine Art Medizin einzunehmen hat. So ein Wein muss vorher mehrere Stunden atmen, bevor er dann lauwarm getrunken wird. Dann nicken die Weinexperten: Ja ja, ein echter Kaminwein. Wie ausdrucksstark.
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Hach, und jetzt einen schönen, dünnen Terrassenwein. (Foto:Julija Sapic - Fotolia.com) 




Naja, ganz so lax würde ich das nicht sehen. Sicher ist Kaminwein, Terrassenwein oder Altagswein sehr weit gegriffen (vor allem abgegriffen), aber eine Wein-zu-Event Beschreibung tut manchmal Not. Im Zug auf dem Weg zum 1.FC Randale vs. Eintracht Nasenbluten würde ich ungern einen tanninlastigen Tannat aus der Flasche ansetzen. Hier wäre mein "Freizeitwein" eher zB der knackige Silvaner vom Hutmann Krauß. Wobei man beide mit Sicherheit als "guten Wein" bezeichnen darf.