11.07.12 MEINUNG 20 Einem Freund senden

Schmeckt! Schmeckt nicht! Reicht nicht!

Beliebiges bitte einsetzen. Und ruhig schwätzen!Beliebiges bitte einsetzen. Und ruhig schwätzen!

Trends in der Weinszene - ein ewiges Reizthema. Besonders in Deutschland. Was dem einen zu progressiv, ist dem anderen zu altbacken. Was diesem zu populär, ist jenem zu intellektuell. Neben der leidigen Korkstreiterei (hier an Bord komischerweise immer noch Stahl gegen Beton) ist momentan unter Weinenthusiasten das Thema „Kopf gegen Bauch" sehr beliebt. Unter Weintrinkern - das angemerkt - eher selten.

Die meisten werden mittlerweile wissen, worauf ich hinaus will. Es geht um die Weinsprache. Zu altbacken, zu versnobt, übercodiert und zudem realitätsfern - so lautet der mehrheitsfähige Tenor zum Weinsprech im deutschsprachigen Raum. Weinsprache sei überflüssig, schließlich könne man wesentlich einfacher sagen, was Sache ist: Schmeckt mir oder schmeckt mir nicht soll das Kriterium der Sekunde sein, in der die Entscheidung fällt, ob der Wein gut oder schlecht ist. Dabei wird allerdings eine ganze Reihe Faktoren untergewichtet, werden jede Menge Ideale über Bord geworfen.

Zuerst wäre da die Kommunikativität. Natürlich ist Weinsprache ein Code, den nicht jeder versteht. So wie jede andere Fach- oder Gruppensprache auch. Der Sinn solcher „Sprachen" liegt eben in der Abschirmung nach außen und Vergemeinschaftung nach innen. Warum muss man nun plötzlich Gruppenzusammenhalt und Kommunikationspotential schwächen, indem man die Sprecher seiner eigenen Sprache anfeindet?

Binär ist Mist

Nun kann man einwenden, auch die „neue" Weinsprache, die binäre Beurteilung „schmeckt/schmeckt nicht", sei eine Gruppensprache. Richtig. Nur ist diese gegenüber des bisherigen Codes defizient, weil sie nicht jene Feinheiten symbolisieren kann, wie es für das verhasste „Weinsprech" ein leichtes war.

Ein gern vorgebrachtes Argument der neuen, simpel ausführenden „Weinschmecker" ist, dass ihre Sprache (sie sagen ja nicht nur schmeckt oder schmeckt nicht) massentauglich sei, weil ihre Art zu urteilen allgemein verständlich wäre. Das ist bei genauer Betrachtung natürlich haarsträubender Unfug.

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Kommentare 20

Kommentare

Peter Reichard

Man muss dabei unterscheiden, ob der Konsument für sich feststellt »Schmeckt/Schmeckt nicht« oder ob man einen Wein nachvollziehbar für andere beschreiben möchte.

Wenn ein Gast in der Verkostung sagt: »Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll ... darf ich sagen, er schmeckt mir?« (klar darf er das sagen) So ist es etwas anderes, wenn z.B. der Händler auf Nachfrage des Kunden sagt »Kaufen sie den ruhig, der schmeckt gut.« Dann ist absolut kontraproduktiv. Geschmack ist einerseits subjektiv und abhängig von unterschiedlichen Geschmackserfahrungen, aber man kann ihn auch heraus- und weiterbilden.

Doch gleichzeitig muss man dabei den Menschen vor einem sehen, was bringt es von Sandelholz-Nuacen zu reden, wenn der Gast/Kunde nicht den Unterschied von Sandelholz und anderen Hölzern kennt. Nicht auf das Niveau herunter gehen, sondern dort abholen und den Kunden/Gast weiterbringen, das denke ist die Aufgabe von Händlern und Sommeliers in dieser Frage.

Wenn viele Weintrinker sich davor scheuen, zu sagen, dass der Wein Ihnen schmeckt oder vor allem nicht schmeckt, dann ist doch auch was falsch gelaufen.

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Michael Liebert angetan...

Endlich mal einer, der sagt, dass Sprache Sinn macht! Die Sprache dient der Kommunikation und auch eine Weinbeschreibung sollte zu einer Diskussion anregen. So sehe ich es wenigstens...

Und ob nun einer oder 10 sagen "schmeckt mir", hilft mir nicht weiter. Wenn nur 3 der 10 den Wein beschreiben und sei es in einfachen Worten, dann können wir uns darüber unterhalten, wer den Wein am besten charakterisiert hat. Daraus kann ein interessanter Abend entstehen...

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Pierbattista Tognini so weit - so gut

Weinaromen entstehen nicht zufällig, jede Traubensorte hat typische Aromen die man nicht wegreden kann. Die Vergärung von Wein lässt weitere Aromen entstehen, auch nicht zufällig und schlussendlich der Ausbau, auch da kommen weitere Aromen hinzu, auch nicht zufällig. Von der Flaschenreife ganz zu schweigen. Mineralität spreche ich beswusst nicht an, da es immer noch nicht bewiesen ist, dass der Boden Aromen abgibt, die als mineralische Komponente wahrgenommen werden.
Ist jemand in der Lage Weine blind zu erkennen, muss er zwangsläufig auf sortentypische, sowie Vergärungs- und Ausbauaromen zurückgreifen oder er hat so ein unendliches Speichervolumen, dass er sich jeden Wein merken kann, was ich eher bezweifle.
Dagen ist die legitimste Weinauswahl immer noch - er scmeckt mir oder er schmeckt mir nicht. Für einen Sommelier ist es enorm wichtig zu wissen, was seine Gäste mögen und entscheidend die Weinsprache der Gäste zu verstehen. Ganz gewagt gesagt: "Wenn jemand einen leichten Wein will, will er einen günstigen Wein oder einen Rotwein mit wenig Tanninen oder bei Weissweinen einen ohne Holzeinsatz, mit dem Alkoholgehalt hat das wenig zu tun. Florale Weine werden als fruchtig wahrgenommen, auch wenn in der Profisprache das nicht stimmt."
Ich stimme zu es gibt mehr zu sagen als schmeckt oder schmeckt mir nicht, jedoch möchten die meisten Weintrinker sich nicht näher damit beschäftigen.

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Marco Giovanni Zanetti (via facebook)

Schön ist es doch wenn Menschen durch die verschiedenen, auch einfacheren, simpleren, je nennen wir es "banaleren" Ansprachen ihre Angst verlieren sich mit dem "komplexen" Thema Wein auseinander zu setzen. Man sollte auch nicht vergessen dass man sich auch durchaus "nach oben" schwätzen kann. Wie die Qualitäten des Weines kann sich auch die Sprache und sein Wissen drum herum verbessern, mit mehr Interesse und Routine. Mann muss den Menschen die Möglichkeit lassen, sich aus sämtlichen Schichten, Richtungen und Beweggründen an das Thema Wein heran zu trauen. Ohne Angst davor haben zu müssen sich evtl falsch aus zu drücken. Daß ist für mich das einzig Wichtige daran!

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Robin Dutta (via facebook)

‎"neue"? Simplifizierung? Im Einzelhandel wird zu 99% verkauft mit "der ist sooo lecker und bekömmlich". Nicht erst seit gestern. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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Pierbattista Tognini

Ja richtig. Es sind meistens die sogenannten "Weinprofis" die sich zu weit aus dem Fenster lehnen und einen richtigen Mist erzählen. Die darunter leiden sind die Weinliebhaber, die etwas mehr über Wein lernen möchten und das fängt bei der Sprache an. Wie schon erwähnt, "normale" Weintrinker können sich nicht blamieren, denn sie sind ja der Weinsprache nicht mächtig, sondern drücken nur aus was sie in dem Moment empfinden. Hingegen arbeiten viel zu viele in der Weinbranche, die gerde so gut Traubensaft verkaufen könnten.
Mir ist lieber jemand der nichts von Wein versteht alls einer der glaubt etwas etwas über Wein zu verstehen.
Jeder noch so komplexe Wein kann einem Laien erklärt werden und er wird es auch verstehen, mit der Zeit.

Alle Weinprofis sollten sich mehr Mühe geben, mindestens dem Wein zuliebe.

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Robin Dutta (via facebook)

und als Anregung, frei und verdreht nach Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Weinwelt sind die Grenzen meiner Weinsprache." ergo: Schlauch- bzw. BiB-Kunden genügt billig, sauber und praktisch. weinnerds nicht. wobei ockham´s rasiermesser bei weinnerdbeschreibungen öfter schneiden könnte...

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Wolfgang Jung (via facebook)

Der ALDI-Kunde sagt: Der süddalmatinische Wein von denen, der schmeckt wirklich. Die anderen ... bah... die kannste inne Tonne kloppen". Das müsste doch ausführlich genug sein.

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Jan Kiegeland (via facebook)

...was mir die Lust an manch einer "neuartigen" Weinansprache vergällt ist die zunehmende fäkalisierung ("Parkerpisse" durfte ich schon lesen) und verpimmelung in der Weinansprache. Ob jeder versteht, was die Länge manch vorderseitigen Wurmfortsatzes mit Geschmack zu tun hat...? Mir erschliessen sich derartige Zusammenhänge nicht.

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Pierbattista Tognini

Diese Art von Weinsprache versteht hingegen wieder jeder, weil sie nichts mit Wein zu tun hat.

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Werner Elflein zustimmend

Wo der Küblböck Recht hat, hat er Recht!

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Gast

Genau , W. Elflein, es muss ja nicht Ihre oberlehrerhaft-besserwisserische "auto-motor und sport"-Sprache sein, die einem jede Ihrer Weinbeschreibungen vergällen kann ....

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Maat Küblbeck

Rechtschreibfehler, Herr Elferlein...

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mywineportal.com (via facebook)

Unser Kommentar ist jetzt doch etwas länger geworden, daher nicht als Post sondern hier: http://mywineportal.com/blog/2012/07/schmeckt-schmeckt-nicht-reicht-nich...

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Ümlaut Digitaluhr

"Ah, dieser Wein schmeckt etwas rhombenförmig. Seine Aussaht ist gut. Schaut, wie er sich neigt! Ein edler Tropfen, etwas hart im Ansatz, aber er ragt weit in den Hals hinein." (Helge Schneider)

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Michael Liebert nochmals nachgedacht...

Eine Frage blieb bisher völlig außen vor. Kann man einen Wein aus seinem Zusammenhang reißen? Den Mouton Rothschild 1989 finde ich lecker, aber beim Picknick am See, vielleicht noch aus dem Pappbecher schmeckt er fad und langweilig...

Angeregt durch diesen Artikel, hab ich mal die Weine der letzten Wochen sortiert. Was passt zum Grillen, was passt auf die Terrasse oder doch lieber eine Meditationswein? http://michael-liebert.de/weintipps/der-richtige-wein-zum/

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Charlie

Gelobt sei das Fach, die Disziplin, in diesem Fall die Linguistik.

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Maat Küblbeck

Die Militarisierung der Weinsprech-Gegner ist das Problem, nicht die Dualität der Weinsprache(n) an sich. Es ist OK, Wein nur mit "schmeckt/schmeckt nicht" zu beurteilen (und ja, es gibt für diese Ansicht reichlich Vertreter) — für bestimmte Nutzerkreise. Es ist aber Unsinn, diese Vereinfachung jedem aufzwingen zu wollen, der mehr über Wein sagen will.

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Michael Rosenthal

Geschmack zu beschreiben ist ganz sicher eine linguistische Herausforderung. Wobei es in der Sensorik generell gilt, reproduzierbare Ergebnisse zu liefern (nicht nur beim Wein).
In der Schweiz wird seit einigen Jahren ein interessantes Projekt zu diesem Thema an verschiedenen Hochschulen durchgeführt. Infos hier:
http://sensorysemantics.ch/

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Moineau

Mir persönlich ist eine gestelzte Beschreibung eines Weines jedenfalls tausendmal lieber als ein nichtssagendes "lecker". Da rollen sich bei mir die Fußnägel auf. "Lecker" passt zum Wein ungefähr so gut wie zu Malerfarbe. Dann lieber noch "schmeckt mir"...

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