02.08.12 MEINUNG 8 Einem Freund senden

Trennt, was nicht zusammengehört!

Zwei Verschlüsse, zwei Kulturen...Zwei Verschlüsse, zwei Kulturen...

Schon wieder, zum gefühlt dreimillionsten mal, tobt an Bord die blöde Verschlussdebatte. Und wie immer, wenn man auf das leidige Thema „Stelvin kontra Naturkork" (und auf diese beiden Verschlussarten lässt sich die gesamte Diskussion leider reduzieren) zu sprechen kommt, kochen die Emotionen hoch - nicht nur unter den Maaten. Auch die Matrosen fühlen sich bemüßigt, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen und trommeln wie die Irren gegen den Schiffsbauch.

Den Captain - seit jeher daran gewöhnt sich drohender Enterhaken alsbald zu entledigen - kümmert das wenig, er hockt in seiner Kajüte und zwitschert sich einen mit seiner neuen dunkelhaarigen Bekanntschaft. Mittlerweile dürften die beiden jeden anständigen Riesling aus 2011 durch haben.

Mir dagegen fehlt dieses Gleichgültigkeitsgen. Zwar stehe ich der Verschlussdebatte aufgeschlossen gegenüber, einen klaren Sieger kann ich jedoch nicht erkennen. Wie auch? Was da diskutiert wird, ist ziemlich arm an Argumenten und vielfach von dem Wunsch getragen, dass die eigene Meinung doch schlicht die richtige sein muss. Und so entlarvt sich vieles von dem, was da so ins Feld geführt wird, schnell als self fulfilling prophecy. Dabei gibt es sie doch längst, die Lösung, mit der jeder zufrieden sein kann - sie ist nur etwas wenig skandalträchtig: Beide Seiten haben Recht, weil beide Unrecht haben. Zumindest im Hinblick auf die Argumente des Gegners.

Jeder im Recht und Unrecht

Was in der hitzigen Gemütslage gerne übersehen wird, ist nämlich, dass Anhänger des Korklagers ganz andere Dinge von ihrem Wein erwarten, als die Stelvinjünger. Während man mit dem Naturkork gleichsam eine ganze Flasche voll liebgewonnener Tradition und die Erinnerung an so manches großartige Trinkerlebnis entkorkt, für die man auch mal riskiert, das eine oder andere ekelerregende Müffelwasser im Glas zu haben, sucht man unterm Schrauber in erster Linie dicht und sauber verschlossenes mit niedriger Ausfallrate und riskiert dafür, die Weinkultur in ihrer bisher gekannten Art aufzugeben.

Das sind zwei so vollkommen unterschiedliche Philosphien zum Thema Weingenuss, dass man sich bei genauerer Betrachtung fragt, was die beiden Parteien eigentlich geritten haben muss, als sie sich irgendwann überlegten, den jeweils anderen von seiner Ansicht überzeugen zu können. Zu müssen, bisweilen.

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Kommentare 8

Kommentare

Florian Jaeger (via facebook)

auf den Punkt! ABER: wollen die beiden Lager überhaupt den Streit beilegen oder liegt nicht darin für viele gerade der Spaß? :-)

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Thomas

Genau so! Schließlich soll jeder nach seiner Façon selig werden, wie schon Friedrich II. sagte.

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Wolfgang Faßbender (via facebook)

Da hat der verehrte Maat aber wohl nicht meinen Artikel gelesen, denn sonst wüsste er nun, dass es nicht um Anhänger und Abneiger geht, sondern darum, den bestmöglichen Verschluss zu finden. Und natürlich kann man Kork gegen Schrauber austauschen! Selbstverständlich reifen die Weine dann weiter! Ich versichere hoch und heilig, dass unter Geschraubtem & Co. zehn oder 20 Jahre gealterte Weine ganz anders schmecken als Selbige im Jugendzustand. Nur die blöden Phenole und Sauerstoffeinträge, die manche Traditionalisten als gottgegeben ansehen, sind nicht vorhanden. Aber bitte: Wer gern oxidiert-phenolische Weine kippt und sich einbildet, es handele sich um Anzeichen von Reife, darf das gern weiterhin tun. (Maat K.: Ich gebe gern Gratis-Privat-Nachhilfe zum Thema Wein. Im Austausch gegen einen Tipp zum Zusammenspiel von Manschetten- und Jackenknöpfen.)

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Maat Küblbeck

Zum Thema "nicht gelesen": Ich bin ja eben gerade der Meinung, dass es nicht den einen optimalen Verschluss gibt — gab es ja in der Geschichte der Weinabfüllung nie. Und da das, was heute "optimal" sein mag, in fünf Jahren schon wieder von vorgestern ist, ist die Diskussion ohnehin müßig. Das ist dann wirklich ein Bisschen wie mit den Manschettenknöpfen. Die einseitigen mit Bügel sind praktisch, aber unbequem, die doppelseitigen mit Kettchen vice versa. So ist es und niemand kann es ändern. Beide Varianten haben ihre Fans — warum also missionieren?

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charlie

"auf diese beiden Verschlussarten lässt sich die gesamte Diskussion leider reduzieren"
Genau hier weitermachen! An diesem "leider"!

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Moineau

Wieso nur zwei?

Ich persönlich mag ja den Glasverschluss (vinolok). Korkt nicht, sieht edel aus, ist wiederverschließbar - findet sich gerade bei den mittel- bis hochpreisigen Weißen sehr häufig.

Die ganze Diskussion ist außerdem sowieso müßig. Der Winzer wirds entscheiden, wieviel Reklamationen aufgrund von Korkschmeckern er sich leisten kann und will. Weine, die innerhalb von 5 Jahren getrunken sein wollen, haben bestimmt nichts gegen einen Drehverschluss. Und auch den kann man stilvoll öffnen.

Und die schweren Roten, die Flaschenreife brauchen können ja mittlerweile auf qualitativ hochwertige Naturkorken zurückgreifen...

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Patrick belustigt...

Ich finde diese Gegenüberstellung extrem schön... diese Reduktion auf Ausfallsicherheit vs. liebgewonnener Tradition...

Nur wieviel Prozent dieser Tradition bezieht sich nun auf den Kork? und deren Öffnungszeremonie?

Ein großartiges Trinkerlebnis habe ich wenn ich einen genialen Wein im Glas habe...

Habt Ihr eigentlich schon mal einen Le Montrachet oder einen La Tache aus dem Fass probiert?

Dagegen ist dieses doofe Wein aus Flaschen zelebrieren voll langweilig :-)

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Der Captain

Klar haben wir..

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