08.07.09 MEINUNG 3 Einem Freund senden

Muss das sein? Jetzt kommt der Krisenwein

Was von den teuren Weinen bleibtWas von den teuren Weinen bleibt

Die Welt steckt in der Krise. Das ist nun hinlänglich bekannt, doch gerade Deutschland, die Exportnation schlechthin, trifft die Krise besonders hart. Nun muss gespart werden. An allen Ecken und Enden. Wenn der Staat schon nicht spart, dann sparen wir.

Guter Wein ist Luxus. Man kann auch gute Cola trinken. Die ist billiger. Oder Wasser, das kostet fast nix. Weil Wein in den letzten Jahren aber immer teurer geworden ist (bis weit über 100%), muss er jetzt wieder etwas billiger werden. Noch haben das nicht alle mitgekriegt, vor allem die Winzer nicht, die sich von den Gewinnerträgen der letzten Jahre feudale Keller hingestellt haben. Freilich nur die guten Winzer, jene, die Qualität liefern. Die durchschnittlichen Winzer, wenn sie nicht zur Industrie gehören oder ein vergreistes Stammpublikum bedienen, sind arm geblieben. Ihnen bleibt die blödsinnige Volksromantik sogenannten "ehrlichen" Wein zu keltern.

Da die Deutschen aber auch in Zeiten erhöhter Sparsamkeit nicht mit dem Weintrinken aufhören, suchen die Händler und Wirte nun billigere Flaschen besseren Weins. Sie nennen diese Weine dann "Krisenweine", als hätte der Wein die Krise. Hat er aber nicht.

Günstige gute Weine hat es immer schon gegeben, auch vor der Krise. Nur wollte da keiner richtig ran, denn wenn man überteuerte und von den Weinpäpsten hochgeschriebene Markenweine wie Tignanello (Toskana) wie geschnitten Brot an den Kunden verkauft (Spanne bis zu 250%), dann gibt man sich mit einem Chateau Montus (Madrian, Südfrankreich, Spanne zwischen 30 und 60%) erst gar nicht ab. Und noch weniger mit einem jungen Moselwinzer, der gerade am Beginn einer erfolgreichen Karriere steht. Lange hieß die Devise: Hände weg, wenn einem der Name am Etikett nichts sagt!

Diese Devise haben die etwa hundert guten Sommeliers und Weinhändler in Deutschland nie ernst genommen, sie waren auch in Zeiten der Hemmungslosigkeit stets auf der Suche nach unbekannten Ausnahmewinzern. Heute besitzen sie einen Informationsvorsprung, den ihnen die Masse der Wichtigtuer nicht nehmen kann. Doch sind jetzt auch jene Einkäufer aufgebrochen, die jahrelang nichts von individuellen Winzern jenseits der Moden wissen wollten. Sie müssen heuer auf Sylt und Sansibar die Leute mit mittleren Gewächsen für kleines Geld versorgen. Der Herr Vorstandsvorsitzende im verschwitzten Urlaubs-T-Shirt darf zu Mittag keinen Chevalier-Montrachet mehr trinken. Da könnte doch einer von der Bildzeitung zusehen. Da wäre dann was los im Neidhammel-Land.

Die Händler und Wirte - und auch viele unbedarften Hobby-Weinjournalisten - dringen nun also in Welten vor, die ihnen zuvor ein fremdes Universum waren. Auf der Suche nach dem "Krisenwein", dem Schnäppchen, das nun das Schnäppchen des Schnäppchens sein soll, auf jedem Fall unter zehn Euro besser noch unter fünf. Das kann den Konsumenten schon Recht sein, denn sie kriegen endlich Neues zu kosten und nicht immer die gleichen Verdächtigen vorgesetzt. Und auch den Winzern dieser Weine, denn diese werden nächstes Jahr dem Gebot von Angebot und Nachfrage folgen und ihre Ab-Hof-Preise erhöhen.

Die Suche nach dem Krisenwein verschärft die Krise der teuren ausländischen Markenweine in Deutschland, die außerhalb der beste Namen (Sassicaia, Ornellaia, Masseto, Margaux, Mouton, Petrus, Yquem, Le Pin, etc..) nur mehr schwer zu verkaufen sind. Kein Mitleid, sie haben jahrelang vom System ungerechter Bewertungen und einer nachplappernden Journaille gelebt.

Doch was kommt, wenn diese Krise wieder vorbei ist? Dann gibt es neue Stars unter den Winzern und Weinmachern, in Deutschland vor allem Deutsche. Wer wird diese Stars relativieren? Das erhöhte Interesse des Konsumenten? Händler und Wirte, die sich auf den Weg machen, originelle und unkonventionelle Winzer zu suchen? Nein, alle werden wieder in den Büchern der Weinpäpste blättern, die zwar alles aufzeichnen aber wenig richtig bewerten. Und sie werden nach diesen Wertungen einkaufen. Bis die nächste Krise kommt. Und man wieder nach dem Krisenwein sucht, den keiner kennt.



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Kommentare 3

Kommentare

Gast nüchtern

was sind denn nun Krisenweine und wo kann ich die kaufen?

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Der Captain Krisenweine

..sind meistens Weine unter € 10. Sie sollten von renommierten Winzern kommen. Einige "Krisenweine" finden sie in unserer Rubrik "Unter 10 €"

http://www.captaincork.com/Unter-10-Euro

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Mister Spuck ...zustimmend

Ja, ich will jetzt auch wissen, was denn so typische Krisenweine sind. "Unter 10 Euro" kann ja nicht das einzige Kriterium sein, oder?

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