Täglich eine Flasche Wein - das hält gesund. Das ist natürlich Quatsch, aber so kommt man wenigstens zu einer stattlichen Anzahl Weine, die man am Ende der Tage getrunken haben wird. Nun ist der Captain auch kein junger Seemann mehr und die Wellen der Meere machen ihm zunehmend zu schaffen. In dieser Melancholie blickt er zurück auf sensationelle Weine, die er getrunken hat.
Die meisten dieser Weine nippt auch der Captain nur mehr bei geführten und teuren Verkostungen. Aber immerhin gibt es sie dort noch. Und es sind fast immer Weine, die nicht nur den Captain in Erstaunen versetzen. Denn es sind sehr alte Weine, teilweise über hundert Jahre alt. Es sind Zeitzeugen, die gegen die schnelle Konsumierbarkeit der heutigen Önologie sprechen.
5: Chateau Margaux 1900, Magnum, Chateau-Füllung
Bei derart alten Weinen ist vor allem auf die Schulter des Füllmenge zu achten (also wie hoch der Wein noch in der Flasche steht und wie viel schon verdunstet ist). Dann noch auf den Zustand des Korken und auf den Abfüllort, denn früher war es üblich, dass die Chateaus ihre Weine auch in Fässern verkauft haben, die dann in anderen Ländern (meistens England) abgefüllt wurde. Eine Chateau-Füllung, also eine Füllung vor Ort, ist vorzuziehen (der Captain weiß, auch hier gibt es Ausnahmen).
Dieser 1900er Margaux ist eine Sensation. Die Farbe in der Mitte noch frisch, am Rand verhalten ziegelrot bis bräunlich. Er riecht nach Tabak, Zedernholz, nach frischen Steinpilzen und reifer Feige. Dabei ist dieser Wein 109 (!!!!!!) Jahre alt. Unglaublich. Und auch nach dem ersten Schluck bleibt klar, dass dieser Wein tatsächlich noch lange überleben wird. Gut gelagert, bei idealen Bedingungen, bleiben dem Saft noch mehr Jahre, als dem Captain. Schluck! Preis: 5.500,00 - 8.000,00 Euro, erschwinglicher bei Verkostungen.
4: Chateau Mouton 1945, Doppelmagnum, Chateau-Füllung
"Das Jahr der Befreiung" steht auf dem Etikett. Es ist erste Jahr nach der deutschen Besatzung. Und die Geschichte bestraft Deutschland mit einem Hungerwinter und belohnt Frankreich mit einem Supersommer, in dem die Trauben für diesen Wein reiften. Auch dieser Trank ist quasi unerreichbar, nur erschwinglich, wenn jemand von ihm Kosten lässt oder ein reicher, russischer Reeder (wie im Fall des Captains) eine Flasche spendiert.
Ein Gigant, voll Stoff, rund, geschmeidig und ein starker Nachhall am Gaumen. Präsente Tannine stärken seine herrliche Eleganz. Der 45er Mouton riecht nach einem Teller etwas überreifer Beeren, nach Cassis, aber auch nach nasser Erde und Teer (nicht jedermanns Sache). Ein extremer Langstreckenläufer, der (wie etwa auch der 1986 Gruaud Larose) noch viele Jahre vor sich hat. Deswegen gibt es auch wenige Flaschen am Markt, denn selbst der notleidende Investmentbanker (gibts den überhaupt?) hält diese Flasche bis zum Bankrott zurück, um sie dann unter der Brücke auszutrinken. Preis: 6.000,00 - 11.000,00 Euro, erschwinglicher bei Verkostungen.
3: Chateau d´Yquem 1967
Die Beatles veröffenlichten "Sgt. Peppers", Hendrix schrammte "Hey Joe", die ganze Welt nahm LSD, nur der Kellermeister bei Yquem blieb bei klarem Verstand und kelterte diesen Superwein, wie man ihn nur im Sauternes finden kann. Ein Musterbeispiel eines perfekten Süßweins.
Die Farbe erstaunt den Captain, sie ist weniger dunkel ist, als erwartet . Nur ein helles Goldgelb mit einigen Kupferreflexen schimmert aus dem Glas. Doch dann die Explosion der Eindrücke. Einmal den Zinken zwischen die Glaswände geschoben und schon springen ihm die Gerüche entgegen: Honig, Lindenblüte, Aprikose (Marille für die Ösis hier), Bienenwachs und noch vieles Undefinierbares mehr. Diese Gerüche werden im Mund anhaltend präsent und vereinigen sich mit dem Vanille des Holz zu einem Gesamtkunstwerk (welch blödes Wort, aber es stimmt) aus Aromen und Geschmäckern. Der 67er Yquem fällt unter das Suchtmittelgesetz. Handschellen, verhaften, trinken. Preis: 1.400,00 - 3.500,00 Euro.
2: Port Colheita 1924, Niepoort
Unten in Portugal wussten die Briten immer schon, was sie tun. Sie beherrschen auch heute noch große Teile des Weinbaus der Region (die großen Firmen gehören inzwischen internationalen Konsortien). Die Niepoort´s sind aber Auswanderer aus Holland, die hier seit Jahrzehnten Wein keltern. Colheita ist der Begriff für Weine einer oder verschiedener Sorten, die mindesten sieben Jahre im Fass gelagert waren und bei Abfüllung meistens schon trinkreif sind. Also nicht immer Langstreckenläufer.
Um so erstaunlicher dieser 24er Port. Im Glas präsente Alterstöne, die den Verdacht nähren, der Wein befinde sich auf seinem Weg zum Grab. Doch Irrtum: In der Nase dann noch deutliche alkoholische Anklänge, die auf ein stabiles Gerüst verweisen. Bitterschokolade, Blaubeere, Tabak, wieder Cassis (das kriegt man selbst mit Fleckenmittel nicht raus) und auch ein bisschen welkes Laub. Im Mund dann herrlich rund und elegant. Im Nachklang schon ein ganz klein wenig eindruckslos - hier machen sich die Jahre bemerkbar. Preis: 860,00 - 2.200,00 Euro.
1: Chateau Cheval Blanc 1961 Magnum
Der Klassiker aus dem Jahrhundertjahr. In dem Film Sideways leert ihn der Hauptdarsteller zum Schluss in einen Plastikbecher und kippt die Flasche in einem Schnellimbiss. Da der Captain derartige Lebenskrisen nicht kennt, trank er den Cheval in einem anständigen Glas eines namhaften Produzenten und sah schwarz.
Denn das dichte Rubinrot ließ kaum einen Durchblick zu, so dunkel ist die Farbe dieses fast fünfzig Jahre alten Weins.
In der Nase dann die Bestätigung: ein Wein in Bestverfassung, der noch viele Jahre vor sich hat. Auch er wird den Captain überleben. Brombeere, Cassis (jaja, Cassis) salzige Lakritze, Pflaume, dunkle Schokolade und auch frische Minze - der Captain wird zum Schnüffler.
Dann trinkt er einen Wein, wie er besser nicht sein kann. Klar von den reifen Cabernet Franc dominiert, der den Cheval rund und würzig erscheinen lässt. Viel Pfeffer. Viel, viel Pfeffer. Dann etwas Zimt auf der Zunge. Und Trüffel. Schlichtweg genial. Preis: 6.000,00 - 11.000,00 Euro, erschwinglicher bei Verkostungen.
Jetzt kommt die Belohnung für diese Provokation: Der Captain trinkt am Ende dieses Jahres 2009 mit dem eifrigsten Poster an Bord gemeinsam eine Flasche 1900er Colheita Port von Niepoort. Ein Jahrhundertjahrgang wohlgemerkt. Also ran an die Kommentarfunktion. Und nicht müde werden.







Alte Weine. So sollten sie auf jeden Fall nicht gelagert werden. 





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