Was macht einen guten, unauffällig auffälligen Winzer aus? Er arbeitet gegen den Mainstream, bleibt aber trotzdem für den Konsumenten verständlich, erreichbar und erschwinglich. Italien hat die meisten Winzer, die gegen den Strich bürsten. Das ist schon der dramatisch verankerten Regionalität dieses eigentlich niemals geeinten Landes zuzuschreiben. Jeder hier beruft sich auf die ihn umgebende Scholle. Ohne dabei jedoch mit Blut- und Boden-Argumenten zu arbeiten. Ganz im Gegenteil: Regoinalität ist in Italien eher im linken Weltbild verankert, elaborierte Regionalität ist Teil der Avantgarde.
Dabei geht auch vieles schief. Der einst großartige, heute leider nur mehr halsstarrige Friaul-Winzer Josko Gravner hat sich mit seinen oxidativen und archaischen Amphoren-Weinen aus dem Markt geworfen. Und eher geht er pleite, als diesen Kult-Kurs wieder zu verlassen. Positive Beispiele regionaler Avantgardisten sind beispielsweise das Chianti-Kollektiv um Castello di Ama (die vor 20 Jahren mit ihrem Merlot La Apparita den eigentlichen Supertuscan-Boom eingeläutet haben), oder die friulaischen Winzer um Vie di Romans, die seit Jahren mit Aufsehen erregenden Weißweinen die Geschichte des friulanischen Weinbaus umschreiben.
Der Captain will heute den Grauburgunder "Dessimis" von Vie die Romans, den er am Montag in unglaublich schöner und kluger Begleitung getrunken hat, als zweiten Wein der Woche einschieben. Den Dessimis 2006, der in großen Holzfässern und gebrauchten Barriques leicht oxidativ ausgebaut wird. Ein Sonderweg.
Ein Sonderweg, weil der deutschsprachige Weintrinker (und nicht nur der), mit dem "Pino Gritscho" immer noch einen leichten und unkomplizierten Sommerwein verbindet. Doch wenn er den "Dessimis" bestellt, wird dieser Klient zuerst massiv enttäuscht sein.
Und es kann geschehen, dass die falschen Leute den Dissimis bestellen, denn er ist nicht dramatisch teuer (wie alle Vie di Romans Weine). Gianfranco Gallo, der Winzer von Vie di Romans, pflegt eine andere Politik, als viele Kultwinzer der Region: Er will im mittleren Segment erschwinglich bleiben. Er beweist damit eine schon selten gewordene Volksnähe. Und für die wird er mit anhaltend guten Absatzzahlen belohnt. Gianfranco Gallo wäre auch ein gute Kandidat für des Captains Winzer des Monats gewesen, selten passt einer besser zu dieser Auszeichnung als der gute Gallo.
Der Grauburgunder des Dessimis wird auf den kieselhältigen Schwemmböden des Isonzo gezogen. In unromantischer Fläche. Ganz gerade, bis zum Horizont der Berge. Langweiliger aber guter Boden. Gallo lässt die Mineralität deutlich durch, das kühle Frische, stoppt aber nicht die Wucht des Weines, der offenbar lange auf der Maische liegen darf.
Im Glas wartet ein dunkler Weißwein, dessen Farbe an einen Weißherbst erinnert, eine verstörende Farbe, einer Urinprobe ähnlich. Und deswegen auch nicht augenblicklich einladend. In der Nase dann Töne von Aprikose, Orangenzeste, Mandel, ein wenig Tabak sogar, Rauke, Löwenzahn. Und erstaunlicherweise heißer Autoreifen und auch ein ganz klein wenig Anis (nein, nicht Anus. Anis!!).
Im Mund dann Schmelz, trotz geringer Säure etwas Drops, ein klein wenig Restsüße und auch (meint der Captain) ein Anteil Botrytis. Dann roter Apfel und etwas dunkelgrüne Kräuter. Hintennach sehr elegant und lang anhaltend. Ein fetter, eleganter und außergewöhnlicher Wein, den man auch gut zu hellem Fleisch trinken kann. Hier ein Universalist.
Auffällig nur, dass der Wein nach knapp einer Stunde sein Leben aushaucht, also tatsächlich dafür gemacht ist, ein Essen zu begleiten. Das sollte man bedenken, wenn man die Flasche öffnet: Lang hält die nicht durch.
Doch während seiner Präsenz ist der Dessimis ein Prachtwein, eine Botschaft eines außergewöhnlichen Weinverständnis. Das Sonderbare konsumierbar machen, das zeichnet den großen Winzer aus. Gianfranco Gallo ist ein solcher großer Winzer, auch seine anderen Kreationen verdienen nähere Beleuchtung. Gut möglich, dass er doch noch Captains Winzer des Monats wird.
Pinot Grigio Dessimis von Vie die Romans für 19,80 Euro bei lavinotheca aus Wetzlar (nur telefonische Bestellungen über die Kontaktnummer möglich).
Der Captain empfiehlt seinen Matrosen auch noch weitere köstliche Weine aus Italien.







Tschanfranko auf Öl gemalt. Von Captain Editore 





Sehr schön wieder, lieber Captain, erneut ein spannender Tipp!
Aber ist denn der Friaul tatsächlich eine "immer noch völlig unterschätzten Weinregion"? Wäre mir neu bzw. bisher gar nicht bewusst gewesen. Ich habe schon lange reihenweise Weißweine des Friaul im Keller (aktuell mein Liebling: Volpe Pasini aus Togliano) und möchte die nicht missen!