Grauer Himmel über Hamburg. Der Captain hat die Anker früh lichten lassen, denn es geht an den Zürichsee. Donnerstag wird das Schiff dort eintreffen. Dementsprechend ist die Stimmung an Bord. Lange, trübe Tage in Flüssen und Kanälen stehen bevor. Am Frühstückstisch des Captain sitzt der unvermeidliche Erste Offizer, der den Überblick behalten muss, wenn der Captain wieder einmal zu tief ins Glas geschaut hat. Wie gestern Abend etwa. Der Süßwein von der Loire (Chenin Blanc mit 500 Gramm Zucker!) war auch ein echter Hammer. Da kann man nicht genug von kriegen.
Erster Offizier: Wir sind pleite und du holst 30 Flaschen Mersault an Bord?
Captain: Was denn sonst? Leichten Sommerwein?
Erster Offizier: Aber muss es denn immer gleich Coche-Dury, Jobard, Comtes Lafon und Leflaive sein?
Captain: Was denn sonst? Faiveley etwa? Der Overoaker?
Erster Offizier: Ich dachte, du stehst auf diese Holzweine.
Captain: Im Winter trinke ich gerne was aus dem Fass. Vor allem zu Geflügel, Rebhuhn, Fasan, zu allem, was geschossen wird. Herrlich.
Erster Offizier: Du hättest gut in den vorrevolutionären französischen Adel gepasst, man hätte dich sicher enthauptet.
Captain: Jetzt geht das Genöle wieder los. Was ist das Problem?
Erster Offizier: Dein Hang zu teuren Fassweinen. Selbst im Sommer trinkst du die fetten Ottos. Ich erinnere nur an hunderte Flaschen Tatschler, die du dieses Jahr alleine versoffen hast.
Captain: Stimmt nicht, meistens war eine Frau mit am Tisch.
Erster Offizier: Das ist doch nicht das Thema. Das Thema ist, dass du neben Rotweinen aus dem Barrique jetzt auch nur noch Weißweine aus dem Fass trinkst. Du bist richtiggehend fasssüchtig, man muss dich auf Entzug schicken.
Captain: Kein Wort weiter, sonst lasse ich dich auspeitschen.
Erster Offizier: Vieles geht auch ohne Fass, diese überholzten Weine will doch keiner mehr trinken. Mir schmecken inzwischen Weine besser, die nur einen gewissen Anteil Holz haben, oder nur kurz in großen Fässern lagen. Oder in gebrauchten Fässern ausgebaut wurden. Mehr Frucht. Und meistens auch mehr Eleganz.
Captain: Mehr Eleganz als Mersault geht nicht (schreit), es kann nichts besseres geben!
Erster Offizier: Natürlich. Zum Beispiel der Tocaj alte Reben von Le Vigne di Zamo aus dem Friaul. Ein Musterbeispiel an Eleganz. Ganz ohne Fass.
Captain: Der heißt jetzt Saufnase, oder so, der Tocaj.
Erster Offizier: Sauvigonasse.
Captain: Sagte ich ja.
Erster Offizier: Egal, Ich wollte sagen, es gibt genug Weine, die auch im großen Holzfass Kraft und Eleganz vereinen können. Und nicht immer ins kleine Barrique gesteckt werden müssen.
Captain: Finde ich nicht. Ich hasse zwar auch das Überholzen und leider machen das einige Produzenten im Mersault, weil sie dem Parker hörig sind, aber sonst kenne ich keine Region der Welt, in der man Holz so kräftig, so genau und so elegant einzusetzen vermag, wie im Burgund. Sag mir nichts gegen das kleine Fass.
Erster Offizier: Dir könnte man auch getoastete Holzchips in den Tank reinwerfen und du würdest das trinken.
Captain: Warum denn nicht?
Erster Offizier: Weil es Barbarei ist.
Captain: Barbarei? Barbarei ist es, dass ich mir jeden Morgen solchen Stuss anhören muss.
Erster Offizier: Holzchips verwendet vor allem die verhasste Weinindustrie.
Captain: Träum weiter, mein Lieber. Holzchips nehmen inzwischen auch renommierte Winzer. Sie posaunen es halt nicht groß raus. Und haben Recht damit. Es schadet auch nicht.
Erster Offizier: Renommierte Winzer?
Captain: Freilich. Trink doch mal den Rossj-Bass von Gaja. Der ist inzwischen zehn Monate nach der Ernte am Markt, weil sich der alte Gaja das Sommergeschäft nicht entgehen lassen will. Und dann schmeckt der Saft so nach Holz? Wenn du mich fragst, dann wirft er ein paar Chips in den Stahltank. Und ab die Post.
Erster Offizier: Das ist jetzt wieder reine Verschwörungstheorie.
Captain: Welche Verschwörung? Wem schadet es, wenn ein paar Chips im Wein herumschwimmen und ihm jenes Aroma geben, das die Leute mögen? So lange der Wein anständig gemacht ist? Sauber. Und oftmals sogar biodynamisch. Mich stört diese Hysterie. Auch Zuchthefe macht keinen Krebs. Und Holzchips noch weniger. Böse ist es, die Trauben mit Pilzgiften totzuspritzen. Das finde ich viel schlimmer.
Erster Offizier: Und dass alle Weine gleich schmecken - das stört dich nicht?
Captain: Die Wahrheit ist doch, dass der enorme Siegeszug des Weins eben jener Vereinheitlichung zuzuschreiben ist. Und mit der Vereinheitlichung kommt auch wieder die Nische hervor. Deswegen trinken wir in letzter Zeit so viele elegante Weine. Und so viel Autochthones. Weil der Einheitsbrei eben Lust auf Vielfalt weckt. Ich bin da Kulturoptimist.
Erster Offizier: Ich nicht.
Captain: Weiß ich, du bist ein Nörgler.
Erster Offizier: Schau in den Supermarkt: überall Holz.
Captain: Lass mich in Ruhe mit deinem Pessimismus und stell eine Flasche Roederer Cristal kalt. Für Mittag.
Erster Offizier: Es ist die letzte Flasche.
Captain: Ich weiß, hier an Bord ist immer oft die letzte Flasche. Auch das kann ich nicht mehr hören.
Mersault La Barre 200 von Comtes Lafon für 115,00 Euro bei c-und-d
Chardonnay Rossj-Bass 200 von Gaja für 48,89 Euro bei Vinexus
Champagner Roederer Cristal 200 für 219,00 Euro bei Ebrosia
Günstigere Weine gibt es morgen!
Der Captain hört das passende Lied. Holz kommt von Bäumen, Pulp singen von den Trees.







Das Fass, der Stolz des Winzers. Im Bild der großartige Johann Topf 





Ist der Captain am Ende doch ein Banause? Es mag sein, daß ein kleines, kleines Holzscheitlein im großen Fass nicht der Verlust des gesamten Weltkulturerbes bedeutet. Aber wenn man es nicht ächtet, dann ebnet man den Weg für allerlei Manipulationen. Hier ein Chip, da ein Arom, noch eine Prise Diesunddas, umrühren, fertig. Wer will denn das?