Am 27. September ist Bundestagswahl. Frank-Walter Steinmeier will Kanzler werden. Bei Umfragewerten um die 22 Prozent ein bislang fast aussichtslos erscheinendes Unterfangen. Man soll nicht immer an Umfragewerte glauben. Frank-Walter Steinmeier tut so, als würde er.
Harald Christ ist 37 Jahre alt, Sozialdemokrat und Unternehmer. Er leitet eine Kapitalanlagegesellschaft in Berlin und ist vielfacher Millionär. Er ist der Sohn eines Opel-Arbeiters und hat sich nach oben gearbeitet. Er ist bekennend homosexuell, was in Berlin bei einem bekennend homosexuellen Bürgermeister erfrischend alltäglich ist. Er ist Buchutor und glühender Verteidiger der Reformpolitik Gerhard Schröders.
Harald Christ spielt also die Rolle des erfolgreichen Roten, des Sozi, der mit Geld umgehen kann. Mehrfach wurde er als Nachfolger des eloquenten und brillant sarkastischen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin genannt. Doch Christ entschied sich anders.
Seit knapp zwei Wochen ist Harald Christ der wirtschaftliche Berater im Wahlkampfteam von Frank-Walter Steinmeier. Soll heißen: Wenn Steinmeier Kanzler wird, kann Christ Finanz- oder Wirtschaftsminister werden - ein wichtiger Mann also.
So einer steht unter Dauerfeuer. Alles wird beleuchtet. Die linke Presse vergleicht ihn mit den neoliberalen "Heuschrecken", die ausgerechnet Parteichef Franz Müntefering zu seinen Feindbildern erklärt hat. Die konservative Presse sucht verzweifelt nach belastendem Material, das den Widersacher des derzeitigen Wirtschaftsministers und Polit-Shootingstars Karl-Theodor zu Guttenberg zu Fall bringen könnte. Harald Christ hat ein aufregendes Leben.
Doch der Captain weiß mehr von Harald Christ. Er weiß, dass Harald Christ in Bechtheim in Rheinhessen, nahe seiner Heimatgemeinde, ein Weingut errichtet hat. Er weiß, dass Harald Christ dort einen Riesling der Spitzenklasse keltert. Er weiß, dass dieser Wein in den nächsten Tagen in Berlin präsentiert wird. Und der Captain hat Christs Riesling bei einem exklusiven Termin in Berlin schon getrunken.

Das Weingut von Harald Christ verwaltet Chrstian Gebranzig, ein bekannter Sommelier, der in der Hauptstadt mit Wein handelt und sich auf Marketing und Verkauf des Weins konzentriert. Den Wein macht Christ mit Jochen Dreissigacker, der in der Gegend ein vielfach ausgezeichnetes Familienweingut leitet. Bei Bechtheim besitzt Christ derzeit etwa eineinhalb Hektar hervorragende Lagen. Die Reben stehen auf Kalkstein, Kalkmergel und Tonmergel und sind durchschnittlich 25-35 Jahre alt.
Wegen der geringen Fläche und der ungewöhnlich hohen Ertragsreduktion wird es vom Riesling des Weinguts Christ im ersten Jahr, dem Jahrgang 2007, nur 3.800 Flaschen geben. Und die auch nur in der Weinhandlung des Hotels Adlon in Berlin. Dort kann man sie freilich republikweit ordern. So lange Flaschen vorhanden sind.
Das Weingut Christ ist also ein typisches Garagenweingut, ein kleines Projekt mit hohen Ansprüchen. Und Jochen Dreissigacker hat den Wein von Harald Christ gleich in der Weltklasse deutscher Rieslinge platziert.
Der "Christ Riesling", so der offizielle Name, um Verwechslungen mit einem zweiten Weingut der Region auszuschließen, ist ein herrlich fetter Vertreter dieser Sorte, also burgundisch und untypisch für Rheinhessen oder den Rheingau, sehr mineralisch, sehr terroirbetont, verhaltene, aber präsente Zitrustöne in der Nase, langer Nachklang auf der Zunge und am Gaumen trotz seiner Konzentration und Eleganz schon jetzt herrlich trinkfreudig und mit 13 % Alkohol auch lange lagerfähig - ein Kandidat für internationale Spitzenwertungen. Und ein weiteres Beispiel, dass Quereinsteiger oft die interessantesten Projekte machen, weil sie alle Gepflogenheiten negieren und frei denken dürfen.
Selbstredend ist Christs Riesling ein teuer Riesling, der Endverbraucherpreis wird um die 40 Euro liegen. Im Vergleich mit anderen Weinen der Spitzenklasse ist dies aber geringes Geld. Und Wenn man von Christs Wein auf Christs politische Fähigkeiten leiten will, dann sagt der Saft nur das Allerbeste über den Mann. Alles richtig gemacht.
Ob Christs Wein ein ökonomischer Erfolg sein wird, bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht notwendig, denn Christ hat dem Captain bei der Verkostung erklärt, dass dieser Wein Teil einer Dankbarkeit sei, die er für seinen Erfolg empfinde. Christ will seiner Region etwas zurückgeben.
Und natürlich ist ein Weingut das klassische landwirtschaftliche Projekt eines Linken, die Versöhnung des Arbeiters mit dem Bauern, beide aussterbende Stände. Harald Christ kauft jetzt noch Land zu, baut ein Haus mit Wirtschaftsgebäuden und wird seine Wochenenden zukünftig wohl zwischen jungen und alten Reben verbringen. Wirtschaftsminister, oder nicht, Harald Christ wird uns jedes Jahr an sich erinnern. Mit einem großen, guten deutschen Riesling.







Harald Christ: Der Winzer als Sozi und Millionär 





Was für eine Überraschung :-o. Da kann er sich dann nach der Wahlniederlage ordentlich einen antrinken.