Um das östlichste Weinbaugebiet der Slowakei zu erreichen, fährt man durch den Norden Ungarns. Auf der Autobahn. Alle machen das so, denn die kleine Parzelle des slowakischen Tokaj erreicht man von Bratislava auf direktem Wege nur über die Bundesstrasse. Früher, als die Schlagbäume der Grenze geschlossen blieben, da ging so eine Reise schon mal einen Tag lang, der sich mit vielen Zigarettenpausen über schlaglochübersäte Landstrassen zog. Nicht wenige trauern dieser langsamen Zeit nach. Vieles war sicher, man hatte Abgeschiedenheit, Alkohol und Ruhe.
Einer der sicher nicht trauert ist Jaroslav Macik. Er wird dieses Jahr dreißig, hat eine Zeit lang in Amerika gelebt und ist in das Tokaj zurückgekehrt, nach Malá Trna in die Medzipivnicna Nummer 174, um in einem ehemaligen staatlichen Weingut, das sein Vater 1995 gekauft hat, Wein zu machen. Wein, wie er ihn sich vorstellt. Wein, um Geld zu verdienen.
Es ist etwas trostlos hier. Das Tokaj wird auf beiden Seiten der Grenze (der viel größere und bekanntere Abschnitt liegt in Ungarn) von den Weiten der ukrainischen Ebene bedrängt, die sich vor den kleinen vulkanischen Hügeln breit macht. Es ist das fahle Licht des Ostens, das ein wenig Süden verspricht, dieses Versprechen doch nur bedingt halten kann. Denn auch im Herbst ist hier Osten, wie er als Osten im Buche steht: kalt, trübe, grau.
Jaroslav Macik steht in seinem größten Weingarten und zeigt die Gegend. Die Gärten sind keine Sensation, sagt er. Und hat Recht. Denn hier im Tokaj ist der Keller die Attraktion, das Unsichtbare des Weinbaus. Die Keller sind mitunter über 700 Jahre alt, geschlagen, um sich vor Feinden zu verstecken, um später dann das Kostbare, den Wein, vor Feinden zu verbergen. Der Tokajer galt jedem Eroberer als sinnliche Beute. Deswegen durchziehen auch heute noch enge Gänge die Hügel. Gänge, die man nur kriechend benutzen kann.
In Maciks Keller kann man aufrecht stehen. Aber nicht in jedem Raum. Doch in jedem der Räume macht sich der regionstypische Schimmel breit, penetriert mitunter die Atemluft. Er lässt selbst junge Flaschen alt aussehen. Ihr Inhalt bleibt davon unberührt. Hier lässt sich das Archaische des Weinbaus noch fühlen, die Romantik vorindustrieller Zeiten, das Handgemachte, Fußgestampfte. Aber auch das Unsaubere, das Brachiale, das man heute nicht mehr akzeptieren würde. In dieser Kulisse lagert Macik seine Kelterungen in Fass und Flasche. Und hierher führt er seine Gäste zur Verkostung.
Die Stahltanks und die neuen Barriques zeigt er nur auf Anfrage. Doch dann, außerhalb des Kellers, sieht man auch die Großgebinde aus Plastik, an Ölkanister erinnernd, die Macik an die umgebende Gastronomie liefert, liefern muss, denn noch kann er auf den regionalen, meist anspruchslosen Markt schlecht verzichten. In dieser Zwickmühle steckten einst auch viele deutsche Winzer.
Macik ist kein Bioweinbauer, er holt sich Hilfe von der Firma Eno-France, deren junger Mitarbeiter jetzt in einer North-Face-Jacke frierend vom Furmint kostet und von neuen, kombinierenden Zuchthefen berichtet. Macik holt auch Grafiker, die sich an amerikanischen und Italienischen Etiketten moderner Machart orientieren. Und er nennt seinen Betrieb „Macik Winery“, eine Überhebung, die die große Vision erklärt, die dieser Jaro Macik im Kopf trägt. Dafür ist er bereit früh aufzustehen, hart zu schuften und viele tausend Kilometer zu fahren. Täglich, monatlich. Über Jahre.
Im Keller entkorkt Macik die Flaschen, die er aus acht Hektar eigener Fläche und den Zukäufen keltert. Auf Wunsch auch die einfachen Weine, die stets ein gutes Bild abgeben, wie sehr sich der Winzer einer Gesamtstrategie verpflichtet fühlt. Die Furmint Spätlese 2007 ist so ein modernes Getränk, das dank kontemporären Designs in den Szenerestaurants Bratislavas und Prags gut Platz findet. Ein mineralischer, Wein ohne Restüße, zurzeit noch mit Hefe von der Mosel vergoren. Deswegen schmeckt er auch nach Riesling, eine nicht unangenehme Groteske, ein frischer, fruchtiger und auch anspruchsvoller Sommerwein.
Die autochthone Sorte Lipovina (Lindenblättriger) ist elegant oxidiert und trägt das Salz des Bodens in das Glas, eine Type der Region. Für Jaro Macik hat sich der Wein aber zu schnell entwickelt, er ist enttäuscht. Der Captain nicht.
Die Sprache kippt ins Blumige wenn Macik über seine Süßweine berichtet. Über die klassischen Tokajer, die er mit dem „Samarod“ betritt und mit dem „Sechsbüttigen“ verlässt. Beide Enden der Fahnenstange sind ausgeprägte Bringer. Der Samarod 1996 glänzt mit einer präsenten aber gut verdauten Säure und einer Eleganz, die vorzüglich im komplexen Körper eingebaut ist – großartig. Der Sechsbüttige (6 Azu), ebenfalls aus 1996, erinnert an Eukalyptus und Minze und zeigt erste Spuren von Petrol, ist aber auch nach Stunden noch ein eleganter, etwas zu süßer Süßwein.
Maciks experimenteller Tokaj „Forditas“, bei dem die Zibeben ein zweites Mal im Jungwein vergoren werden, bleibt hingegen auch nach dem dritten Schluck sehr eigenwillig, schmeckt brutal nach der sonst so perfekt verarbeiteten Botrytis, auch nach feuchtem Brot, und hinterlässt so einen etwas plumpen Eindruck. Diese Art schmeckt den Einheimischen, sagt Macik und meint mit Einheimischen die Slowaken und Tschechen, die einst seine gemeinsame Heimat waren. Und die kaufen 90 % seiner Flaschen. Der Rest landet in Ungarn. Alles Europa, sagt Macik, den die offenen Schlagbäume nicht wundern.
Weine direkt im Weingut, wohnen kann man dort auch.
Auf den Geschmack gekommen? Hier gibt es alle Folgen der Serie "Go East"







Alte Flaschen von Macik. Der Schimmel macht die Etiketten erst richtig schön 





ist der Typ jetzt ein Chemiebruder, oder nicht? Spontanvergärung is nich, ey