21.03.10 WEINLEUTE 6 Einem Freund senden

Slow Food: Biojause statt Gameboy

Van Melle mit einem ihrer seltenen Äpfel...Van Melle mit einem ihrer seltenen Äpfel...

Wien, 22. Bezirk. Donaustadt. Wirklich weit weg von allem. Hier, in einer Einfamilienhausumgebung, wohnt Barbara van Melle. Sie ist aus der Stadt weggezogen, um der Natur näher zu sein.

Ringsum nur Wasser und Wiese, in der Nähe der Auwald. Van Melle fährt viel mit dem Rad und kocht auf der Terrasse. Ein Leben draußen. So wollte sie das. Van Melle hat hier einen Garten, der sie mit dem Notwendigsten versorgt.

Barbara von Melle ist Obfrau von Slowfood Wien, dem Verein des genialen Italieners Carlo Petrini, der unserer Nahrung wieder Wert geben will. Petrini leitet mit Slowfood heute ein weltumspannendes Unternehmen, das von Idealisten gestaltet wird, die sich jeder alten Kulturpflanze annehmen und jede regionale Käsesorte verteidigen. Slowfood stellt sich gegen die industrielle Vereinheitlichung des Massengeschmacks und will Vielfalt statt Einfalt.

Petrini weiß, dass er diese Vielfalt zuerst bei den gebildeten und wohlhabenden Schichten durchsetzen muss, bevor die Avantgarde die Massen beeinflussen kann. Auch Melle weiß das, sie weiß, dass der Kampf in ihrem sozialen Umfeld nicht mehr geführt werden muss. Hier i(s)st man schon auf ihrer Seite. Den Kampf aber gewinnt man nur mit jenen, die für einen Käseauflauf mit frischer Wurst und Nüssen von der Tiefkühlpizza aus der Mikrowelle lassen. Das ist ein hartes Stück Arbeit.

Guten Morgen Frau van Melle. Kann man vom Garten leben?

Ja und ob. Sehr gut sogar. Es ist zwar eine Heidenarbeit, die sich keiner mehr antun will, doch man kann seine eigenen Pflanzen anbauen, Sorten, die keiner mehr kennt.

Zum Beispiel?

Ich habe mir vor zwei Jahren einmal kurz eingebildet, Bäuerin werden zu müssen. Ich habe dann auf einem Feld in Wien zwanzig Kartoffelsorten angebaut, darunter ganz alte, die ich aus dem Waldviertel (kalte Region nordwestlich von Wien, Anm. des Captain) geholt habe. Die Furchen habe ich mit Schnüren gezogen, geerntet habe ich mit drei Schwarzafrikanern. Am Ende sind 250 Kilo in den Körben gelegen...

Und verkauft?

Nein, verschenkt. Verkaufen kannst du das nicht, da steckt zu viel Arbeit drin.

Was war das spezielle an diesen Kartoffeln?

Der Geschmack. Und die Verwertung. Nicht alle alten Sorten sind gut, es gibt auch welche, die zu Recht nicht weiter angepflanzt werden. Aber Pinki und Ciclame...

Zwei Hauptdarsteller im Kinderfernsehen?

Nein, zwei alte ungarische Kartoffelsorten. Also, Pinki und Ciclame eignen sich hervorragend für Kartoffelteig, die fest kochende Linzer Gelbe für Salat, Muresan und Violetta für Beilagen. Wir haben diese Kartoffel gemeinsam mit den "Gärten der Stadt Wien" (Agrarfirma der Gemeinde Wien, Anm. des Captain) verstärkt angebaut und es gibt sie heute in einer großen und sehr günstig operierenden Supermarktkette zu kaufen. Alles Bio natürlich. Und die Kartoffel werden uns förmlich aus den Händen gerissen.

Also sucht der Konsument die Vielfalt?

Da bin ich sicher. Er sucht vor allem zunehmend das Regionale, das, was in seiner Nähe wächst. Die Nahrungsmittelindustrie hat leider dafür gesorgt, dass die Vielfalt verloren gegangen ist. Es gibt zum Beispiel insgesamt etwa 5.000 Apfelsorten, alleine 400 wachsen in unseren Breiten. Im Supermarkt finde ich aber nur fünf. Das klingt absurd, hat aber einen Grund. Die Apfelsorten werden nach Ertrag, Transport- und Lagerfähigkeit ausgewählt. Und nicht nach dem Geschmack. Denn dann müssten andere Sorten den Ton angeben.

Aber ist das nicht wieder die Schuld des Konsumenten?

Na ja, man kann nicht alles auf die Industrie schieben. Vielen Leuten ist das Essen eben enorm unwichtig geworden. Ich finde es absurd, dass Leute nur das beste Motoröl in ihre Autos schütten, ihren eigenen Motor aber mit dem qualitativ Geringsten füttern. Die Spiele für den Gameboy sind Eltern oft mehr Wert, als das Essen für ihre Kinder. Ich hatte einen Versuch mit einer Biojause (für deutsche Leser: Bio-Brotzeit) in Wien laufen. In einer Schule. Die Jause kostete eineinhalb Euro. Da gab es viel Widerstand. Viel zu teuer.

Kann das daran liegen, dass die meisten Menschen den Eindruck haben, gut versorgt zu sein? Die Lebenserwartung steigt ja ständig.

Ja, stimmt, die Lebenserwartung steigt. Aber auch die Zahl der ernährungsbedingten Krankheiten. Wir werden zwar älter, aber gesundheitlich immer anfälliger. Das muss alles vom Gesundheitssystem repariert werden. Sehen sie sich nur einmal an, wie die Diabeteserkrankungen von Kindern ansteigen. Das hat inzwischen besorgniserregende Ausmaße erreicht. Oder die Diäten. Es ist absurd, wie viel Geld die Leute zahlen, nur um nichts zu essen. Die Menschen werden älter. Aber der Preis den sie dafür zahlen wird immer höher. Und das muss nicht sein.

Sie sind dann vor einigen Jahren der Slowfood Bewegung beigetreten...

Ja, ich habe mit dem Regisseur Peter Sellars an einem Flüchtlingsprojekt gearbeitet und dabei viel gekocht. Sellars hat mich der amerikanischen Grünbewegungs-Ikone Alice Waters vorgestellt, die mich wieder mit Carlo Petrini zusammengebracht hat. Und der hat mich in den Verein eingeführt. Slowfood sieht die Zukunft der globalisierten Landwirtschaft in der Regionalität. Wir organisieren Förderkreise, die sich regionaler Lebensmittel annehmen. Slowfood sucht weltweit Identitätsstiftende Lebensmittel und Produkte. In Österreich ist das zum Beispiel der Tauernroggen aus dem Lungau, der Wachauer Safran, die Elsbeere aus dem Wienerwald oder das Grubenkraut...

Das Grubenkraut?

Ja. Das ist ein Aha-Erlebnis.

Warum?

Das Grubenkraut zeigt, wie natürliche Konservierung mit geringen Mitteln möglich ist. Die Krautköpfe werden noch auf dem Feld mit heißem Wasser überbrüht und dann in einer Grube, die mit Lerchenholz ausgekleidet ist, eingegraben. Dort fermentiert das Kraut, wird aber nicht sauer. Und es ist bis zu sechs Monaten haltbar. Ohne künstliche Konservierung.

Das klingt schon sehr nach rückwärtsgewandtem und technikfeindlichem Denken. Nach Blut und Boden..

Oh Gott, Blut und Boden sind mir zuwider wie nur sonst was. Slowfood hat ja vor allem internationale Anliegen. Es geht um die Stärkung des Südens, um Verteilungsgerechtigkeit. Konzerne wie Monsanto beherrschen das Saatgut und damit die Menschen. Solche Konzerne müssen zerschlagen werden. Die landwirtschaftliche Gentechnologie, die gerade auf uns zurollt, muss kontrolliert und eingeschränkt werden. Patente auf Saatgut gehören verboten. Das ist eine Riesensauerei. Dagegen muss man was machen.

Barbara van Melle, die grüne Revolutionärin? Verzeihung, ist das nicht die Revolution einer bürgerlichen Elite?

Nein. Die Bewegung kommt von der Basis her. Um die Missstände zu erkennen muss man ein gewisses Bewusstsein entwickelt haben, Wohlstand alleine reicht nicht. Schauen sie mal, wie viele kritische Agrarstudenten wir in unseren Reihen finden. Wenn wir eine elitäre bürgerliche Bewegung wären, würden die sich uns nicht anschließen.

Aber Slowfood ist doch ein Verein von betuchten Genießern, Leute, die gerne gut essen und trinken.

Stimmt, Slowfood war ein Verein der jahrelang nur nach guten Restaurants gesucht hat, dann die regionale Küche stärken wollte, dann regionale Lebensmittel fördern wollte. Doch seit etwa 2004 ist Slowfood auch eine politische Bewegung. Der Weg dorthin war unumgänglich.

Links oder rechts?

Links denke ich, weil antielitär, antiindustriell und auf Basisarbeit vertrauend.

Tradition und Werte, das ist doch eher rechts?

Genau. Und eben deswegen darf man diese Werte nicht nur den Rechten oder Konservativen überlassen. Es ist halt leider so, dass Begriffe wie Heimat in Italien oder Frankreich nicht durch den Nationalsozialismus belastet sind und auch von Linken problemfrei verwendet werden können.

Muss die Welt im Kleinen gerettet werden?

Das wäre ein guter Ansatz. Wenn sich die Leute wieder auf Regionalität besinnen und zu ihrem Fleischer oder Bäcker gehen, dann muss dieser Fleischer oder Bäcker seinen Beruf auch nicht aufgeben, muss nicht zusperren und kann auch Nachfolger ausbilden. Das ist den Leuten in den Kleinstädten noch wenig bewusst. Ich ziehe durch das Land und halte Brandreden, die auf viel Interesse stoßen. Dann sagen mir aber die Leute, dass es eben auch viele andere Interessen gibt. Ansiedelungspolitik und Arbeitsmarktpolitik. Deswegen werden diese Einkaufszentren am Stadtrand hingeklotzt und die Innenstädte veröden. So verschwindet aber auch das Lebensmittelhandwerk und die Lebensmittel schmecken überall gleich, weil überall die gleichen Rezepturen verwendet werden. Und die gleichen Aromastoffe, die ja immer besser werden.

Ein Kampf gegen Windmühlen?

Ja, manchmal scheint es mir so. Aber es werden immer mehr Leute, die sich uns anschließen. Man darf nicht pessimistisch sein.

 



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Kommentare 6

Kommentare

Karl Kraft (via facebook)

natürlich ist es eine elitäre, bürgerliche geschichte. und das € 150 top von 'göttin des glücks' passt da ganz fair dazu.

ist nix schlechtes, aber auch nix mehrheitsfähiges.

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Syl (via facebook)

die elitären bürgerlichen sind eben in der lage, mehr geld für nahrung aus kleinbäuerlichen strukturen auszugeben und diese zu stützen. barbara van melle arbeitet im übrigen ehrenamtlich für slow food und reißt sich hier ziemlich den a.... auf. und warum sollte sie nicht geld für qualitativ hochwertige kleidung ausgeben? mein göttin-des-glücks-keid hat übrigens nicht mehr als 80 euro gekostet.

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Florian Holzer (via facebook)

karl, du verstehst es nicht. dein gutes, altes feind-geprägtes kader-denken hindert dich daran. befass dich mit der materie, erkenne, dass slow food von kommunisten gegründet wurde (und nach wie vor betrieben wird) und primär auf dem prinzip der solidarität fußt, der umverteilung, der ressourcen-erhaltung, der unterstützung kleiner strukturen. und genau mit diesem scheiß-altlinken neidkomplex aufräumt, dass nur die bourgeoisie genießen darf. und was ist an einem € 150-kleidungsstück elitär oder bürgerlich?

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Karl Kraft (via facebook)

ich frag mich grad: wozu schreib ich den satz 'ist nichts schlechtes ...', wenn er dann eh überlesen wird.

lieber florian, möglicherweise versteh ich es nicht - aber auch nicht schlechter als du (prinzip elite, etc.). die geschichte der slow-food bewegung ist mir auch seit langem bekannt.

ich bin kein kader-linker, ich bin parteilos. ich bin grüner unterstützer und links-sympathisant.

ich lebe ja selbst zwischen slowfood-führer, maßgefertigtem designersofa, göttin des glücks fetzen (freundin) und bio-kaffee (klar, von molinari). und das weingut in der maremma ist auch schon gebucht.

allerdings bin ich halt jeden 2 tag auch mit der gegenwelt konfrontiert. mit den leuten, die bei kik einkaufen und für die zuchtlachs mit fertigkren-sauce ein besonderes essen darstellt.

ich glaube fest daran, dass diese leute weder dumm noch geschmacklos sind. und ich glaube auch daran, dass man sich ethik nicht durch die konsumation von fairtrade-produkten erkaufen kann (loha-prinzip).

soweit meine position. über den alt-linken bin ich empört, mit neu-linken könnt ich noch leben (stimmt aber auch nicht).

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Florian Holzer (via facebook)

lieber karl, da ist nichts unrichtig, was du da sagst. was slow food aber mit elitär und vor allem "bürgerlich" (wtf is "bürgerlich" ...???) zu tun haben soll, will mir trotz deines offenbarungseides nicht so recht klar werden, und was das leiberl von barbara van melle da zu sagen hat, erst recht nicht.
mag sein, dass du’s ja ganz anders gemeint hast, aber dieser reflex erinnert mich so sehr an diese anti-bürgerliche pseudo-empörung der linken, wie sie immer auch schön festzustellen ist, wenn etwa ein sozialdemokratischer bundeskanzler öffentlich riesling zu spargel empfiehlt.

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Karl Kraft (via facebook)

der offenbarungseid sollte den vorwurf des nicht genussfähigen kaderALTlinken entkräften. dafür bin ich eindeutig zu jung. aber wurscht, für dich bin ich ein kader-linker - für die kaderlinken ein bobo. dass die sache differenzierter zu betrachten ist, wird oft übersehen.

deine obige argumentation bez. slow food ist im übrigen exakt baugleich mit meiner - und zwar wenn ich mit hochidealisierten linken, katholerern, gewerkschaftern oder grünen diskutiere. wahrscheinlich hat´s mich deshalb geärgert (... befass dich mal mit der materie ...). und ich halte slow food auch nicht für elitär.

ein 150 € top aber schon, ebenso einen waldviertler um 220 - sogar die camper, die ich trage. ich steh aber auch dazu.
der durchschnittswiener verdient 1750 brutto - da sind solche sachen einfach nicht drin. da kann unten bis mittel den oberen einfach nicht mehr nachhüpfen.

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