20.08.09 WEINLEUTE 3 Einem Freund senden

Go East: Müllers slowakischer Riesling

Miroslav Petrech, ausnahmsweise mal gut draufMiroslav Petrech, ausnahmsweise mal gut drauf

Egon Müllers Rieslinge beginnen dort, wo der deutsche Konsument gewöhnlich abzuwinken beginnt: in der Preisklasse nahe zwanzig Euro. Keine Schnäppchen. Meisterwerke.

Über seine slowakisch-deutsche Verwandtschaft hat der deutsche Spitzenwinzer nahe der Donau im Gebiet der ungarischen Minderheit der Slowakei eine Produktionsfläche gefunden, das Chateau Béla. Ein Weinbaubetrieb in einem perfekt renoviertem Schloss, das zu einem Fünf-Sterne-Hotel umgebaut wurde. Der Captain ist also gut untergebracht, während die Mannschaft den Kahn bewacht.

Müller hat einen eigenwilligen Mann als Vorstand und Winzer verpflichtet, Miroslav Petrech, Önologe und zugleich auch Traubenlieferant. Petrech hat 1968, während der kurzen Zeit des Prager Frühlings, in Österreich gearbeitet, in Krems und in der Wachau. Doch er ist nach der Niederschlagung der Freiheitsbewegung in die Tschechoslowakei zurückgekehrt, die seine Fähigkeiten lange Jahre in einem staatlichen Weingut vergammeln ließ.

Nach dem Fall des Kommunismus erwarb Petrech sofort dutzende Hektar Weingarten in Béla, Musla und Umgebung. Die meisten Trauben dieser Anlagen (vor allem Riesling) verkauft er seinem Arbeitgeber Egon Müller. Und macht ihm den Wein. Eine kuriose Symbiose.

Müller lässt Petrech so gut wie freie Hand. Und Petrech fertigt selbstredend einen Riesling, wie Müller sich einen Riesling vorstellt. Einen perfekten Wein, wie von der Mosel. Ein Match zwischen Süße und Säure.

Petrechs Umgangsformen sind gelinde gesagt hemdsärmelig. Er flegelt herum und pfeift die Leute zu sich wie ein Bierkutscher seine Gäule. Er hält sich auch nicht viel mit Umgangsformen auf. Doch das macht den Mittsechziger authentisch cool, ein Clint Eastwood des Weinbaus. Wenn man erkennt, wie genial er ist - und davon ist er selbst am meisten überzeugt - wird er fast ein sanftes Lamm, ein pflegeleichter Begleiter durch seine und Egon Müllers Welt.

Chateau Béla wurde berühmt, weil Robert Parker (der manchmal auch richtig liegt) eine Flasche vom 2001er trank und begeistert 94 Punkte vergab. Müller und Petrech waren damit von Beginn an auf dem Weltmarkt vertreten, der Béla geht heute fast zu 100 % in den Export. Der Wein sollte auch nie der Stolz der slowakischen Nation sein, dazu denken die beiden Macher zu sehr in ökonomischen Kriterien. Chateau Béla ist ein Fremdkörper im Slowakischen Weinbau.

Im alten und sehr kurzen Kellergewölbe stehen kaum Fässer, sondern viele moderne Edelstahltanks neuester Bauart. Petrech köpft nacheinander alle verfügbaren Jahrgänge. Die 2005er Auslese beispielsweise, oder die 2006er Trockenbeere: beide stark jahrgangsbetonte und herrliche Rieslinge für einen breiten internationalen Qualitätsmarkt. 

Dann öffnet Petrech eine der letzten verfügbaren Flaschen der Legende von 2001. Er ist sichtbar stolz auf diesen Kraftausdruck von Wein, diese Trockenbeerenauslese mit 110g Zucker, die erst durch einen hohen Säurewert zum Trinkvergnügen gerät - schon merkt man erste Spuren von Petrol.

Und dann die Überraschung der Verkostung, einen Eiswein vom Grünen Veltliner, Jahrgang 2006. gelesen im Januar 2007. 220g Zucker, wieder eine hohe Säure. Eine Bombe, eine Wucht.

Trotz seiner ausgesprochenen und gelebten Liebe zu allen edelsüßen Kreationen versucht Petrech zunehmend trockene Weine zu keltern, denn trocken verkauft sich besser. Er kennt jeden Stock in den Weinbergen, er ist über die Jahre knorrig geworden, wie sie. Jetzt, am Ende seiner Kariere, hat sich Petrech noch mal aufgerafft, den Ruhm zu holen, der ihm immer schon zustand: der beste und berühmteste Kellermeister der Slowakei zu sein. Egon Müller sei Dank, Petech wird auch seinen Siebziger im Weingarten verbringen. Kein Pensionsschock in Sicht. Was für ein Vorbild für deutsche Rentner.

Chateau Bela bei VIF

Der Captain weiß außerdem noch weiteres über Weine aus Osteuropa zu berichten.



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Kommentare 3

Kommentare

Gast erstaunt

Schade, dass dieser Artikel so unkommentiert bleibt, denn Müllers Wein in der Slowakei ist eine wirklich interessante und vergleichsweise presigünstige Alternative zu teuren Schartzhofberger-Rieslingen. Ich hoffe doch, dass Käptän Cork nicht auf Quoten schauen muss und solche Artikel zukünftig rausfallen. Die ganze Ost-Serie ist bisher hervorragend und einzigartig. So etwas kriege ich weder bei anderen sehr selbstverliebten Blogs zu lesen, noch in den Zeitungen. Bitte weitermachen.

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Der Captain leicht bewölkt

Nein, der Captain hat keine Quotendruck. Tatsache aber ist, dass der Captain der Mannschaft jedes Monat eine Heuer zahlen muss, sonst geht er auf der Planke von Bord und Mr. Fletcher übernimmt das Kommando und segelt ins Nirgendwo. Soll heißen: diese Seite muss sich finanzieren. Die Ost-Serie aber liegt dem Captain besonders am Herzen, denn da kann man Geschichten erzählen, die kaum einer kennt..

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Klos

Den Wein kenne ich, den habe ich in Ungarn im Restaurant Gundel getrunken. Hervorragend, saubere Arbeit, ein angenehmes Gletscherbonbon auf der Zunge und feine Nuancen von Kräutergarten beim Reinriechen. Im Weinhandel gar nicht teuer.

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