Es ist eine Welt voll unendlicher Vielfalt. Hunderte Traubensorten ergeben hunderttausende Weine. Und jede Woche kommt etwas Neues auf den Markt. Dabei will man ja eigentlich nur eine anständige Flasche Wein zum Essen trinken. Mehr nicht.
Aber natürlich ist es verlockend, die Tür zu dieser Welt aufzustoßen. Kein anderes Nahrungsmittel hat diese Vielfalt zu bieten. Der Käse nicht. Die Wurst nicht. Obst und Gemüse nicht. Säfte nicht. Der Wein ist eine Bereicherung, die man sich auch leisten kann. Das macht ihn massentauglich. Jeder Winzer bringt Opium zum Volk, Beglückendes, Tröstendes, Beruhigendes. Eine schöne Aufgabe.
Doch der Konsument hat Angst, in dieser Vielfalt zu verrecken. Wein ist im Zuge der Erweiterung der Lebenskultur von einem alltäglichen Speisenbegleiter zu einem Kulturgetränk gewachsen, dessen Konsumriten man kennen muss, wenn man nicht als Banause dastehen will. Wein soll nicht einfach sein. Wein muss heilig und kompliziert sein. Nur dann braucht es Ratgeber.
Und es braucht Bewerter. Jemand muss die Vielfalt ordnen. Und diesen Bewertern muss man glauben. Der weltweit wichtigste Bewerter heißt Robert Parker. Ihm muss man glauben.
Jetzt ist eingetreten, was der Captain in seinem Manifest immer festgehalten hat: der Beweis, dass Wertungen den Geschmack beeinflussen. Etliche Male stand der Captain bei Weinverkostungen herum und sah die ratlosen Blicke der Menschen, die mit der Frucht- und Tanninbombe im Glas nichts anfangen konnten. Der Wein schmeckte nicht.
Doch dann kam die Rede auf die Wertung, die dieser Wein bekommen hat: 95 Punkte bei Parker. Da hellten sich die Mienen auf. Jetzt ist klar: das ist ein guter Wein. Und auf einmal schmeckte er allen im Raum, ein einziges bejahendes Nicken. Fazit: So einen guten Wein haben wir selten getrunken. Zehn Minuten nach der allgemeinen Ratlosigkeit. Und nur nach der Verkündung der Parker-Punkte. So geht Weinmachen: nicht am Feld, nicht im Keller, erst nach der Parker-Wertung wird der Wein ein großer Wein. Grotesk.
Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich belegt nun wissenschaftlich, was der Captain über Jahre beobachtet: eine bessere Wertung kann den Geschmack nachhaltig beeinflussen. Die Forscher der ETH kredenzten 163 Personen mehrere Proben des argentinischen Rotweins Clos de Los Siete aus Mendoza, ein voller und kräftiger Saft aus Malbec, Merlot und Cabernet Sauvignon. Ein klassischer Parker-Wein, beerig, fruchtig, würzig, tanninreich, gewaltig. Der Captain trinkt so etwas gerne zur Abwechslung etwas kühler spätabends oder nachts nach dem Essen.
Der Clos de los Siete hat von Parkers südamerikanischen Schergen 92 Punkte bekommen. Eine beachtliche Wertung, die inzwischen aber auch schon billige spanischen Weine bei Parker einfahren.
Die Schweizer Forscher teilten die Testpersonen in vier Gruppen. Der ersten Gruppe wurde die Parker-Wertung vor dem Verkosten bekannt gegeben. Der zweiten Gruppe wurde vor dem Trinken eine falsche Wertung von 72 Punkten mitgeteilt, die den Wein in eine schlechte Kategorie einordnet. Der dritten Gruppe wurde die richtige Parker-Wertung erst nach dem Probeschluck gesagt. Und Gruppe vier erfuhr nach dem Trinken die falschen Parker-Punkte. Was war das Ergebnis?
Wie erwartet: Gruppe 1 bewertete den Wein wesentlich höher als Gruppe 2. Die Wertung hatte auch unmittelbaren Einfluss auf das Geschmacksempfinden und das Kaufverhalten. Während viele Personen der ersten Gruppe angaben, diesen Wein auch kaufen zu wollen, hielten die meisten Probanden der zweiten Gruppe Abstand von einem Einkauf.
Die beiden anderen Gruppen, die von der richtigen und der falschen Wertung erst später erfuhren, die beiden unbehelligten Gruppen bewerteten den Wein übrigens sehr ähnlich. Was heißt das?
Das heißt schlicht, dass man den Konsumenten mit einer besseren Bewertung täuschen kann. Dass auch weiterhin jeder Weinverkäufer die Wertungen von Parker und Konsorten (wobei viele Konsorten durchaus richtig und neutral bewerten) zum Maßstab ihres Einkaufs machen werden, denn gut bewertete Weine schmecken den Konsumenten besser, weil sie gut bewertet worden sind. So einfach funktioniert es. Die Winzer werden dem System folgen: alle Macht den Testern. Das System lebt.







So ein Tester hat es schwer. Der Konsument hat es leichter: sein Unterbewusstsein folgt der Wertung 






Was jeder Händler seit Jahren weiß.