Nein, ich möchte mich hier nicht noch einmal über den Niedergang der Weinmedien auslassen, da ich glaube, dass zu diesem Thema genug gesagt ist. Wenigstens nicht ausführlich und nicht vorrangig! Und das, obwohl mir das (im Übrigen sehr nette und gute) Abendessen, zu dem die Mannschaft der österreichischen Zeitschrift "Fallstaff" am Sonntagabend anlässlich des geplanten Einstiegs in den deutschen Markt geladen hat, noch einmal deutlich vor Augen führte, dass in der Wein- und Gourmetpublizistik im Moment sehr viele Protagonisten schlichtweg im Trüben fischen, dass von wirklichen Marketingstrategien oder auch nur präzisen Vorstellungen, was man denn anders zu machen gedenke als die (zum Teil gescheiterte) Konkurrenz, keine Rede sein kann.
Nein, diese ProWein war in ganz andere Hinsicht aufschlussreich, und lehrte mich letztendlich, dass die derzeitige Krise - ich rede hier nicht von der Finanzkrise der vergangenen zwei Jahre, sondern von der, die latent bereits seit dem Jahrtausendwechsel schwelt, nicht nur eine Krise der Weinmedien, sondern eine der Weinbranche ganz generell ist.
Kein Dolce Vita
Ein ausgedehnter Besuch bei alten Freunden in Halle 3, ein halbes Dutzend intensiver, ehrlicher Gespräche mit italienischen Ausstellern, und ich verstand plötzlich nicht nur deren miese Stimmung, sondern begann, mir weit über die italienischen Probleme hinaus Gedanken zu machen.
Ein paar Fakten, wie man sie an allen Ecken und Enden hören konnte, waren der Ausgangspunkt: Der Literpreis von Chianti Classico liegt derzeit, wie schon auf ENO WorldWine kürzlich berichtet, bei einem Euro, auch wenn mancher Optimist von 1,50 Euro, die ganz Mutigen sogar von 1,80 Euro sprechen. Der für "normalen" Chianti liegt bei 0,60 bis 0,70 Euro, der für Brunello, jawohl, für den Mythos Brunello, bei 2,50 Euro.
Im Piemont kostet der Liter Barolo, dessen Preis noch vor zwei Jahren bei 8 - 9 Euro lag, im Fass nur noch 2,80 - 3,50 Euro, ein schwedischer Einkäufer berichtete, man habe ihm für in die Flasche gefüllten (!) Barbaresco 4,50 angeboten.
Die eine oder andere Appellation wirkt in diesem Szenario - ungeachtet all der offiziellen Jubelzahlen, die gerade wieder vom Italienischen Außenhandelsinstitut veröffentlicht wurden - wie ein wandelnder Leichnam: klinisch schon tot, ohne dass die Betroffenen es wahrhaben wollen.
Wer weiß, dass beispielsweise Brunello in den letzten Jahren fast nur in den USA ohne Probleme zu den geforderten hohen Preisen abgesetzt werden konnte, dass aber genau dieser Markt seit einem Jahr keine Flasche über 10 Dollar mehr einkauft; wer gleichzeitig weiß, wie problematisch - in qualitativer Hinsicht - die beiden aktuell angebotenen Jahrgänge 2004 und 2005 sind, der kann auch aus der Distanz abschätzen, wie viel Leben noch in dieser Appellation steckt: Wenig bis gar keines!
Ist Italiens Weinbau tot?
Vor allem kleineren Betrieben, die während des Höhenflugs der letzten Jahre geglaubt hatten, Millionen in Kellerneubauten investieren und sich dafür massiv verschulden zu müssen, steht das Wasser bis zum Hals. Das betrifft nicht nur Chianti und Barolo, sondern auch und vor allem die peripheren Gebiete, in denen in den letzten zehn Jahren gigantische Summen investiert wurden: Maremma Toscana, Apulien, Sizilien und wie sie alle heißen.
Im Piemont ist der eine oder andere Winzer derzeit froh, wenn er überhaupt ohne Neuverschuldung über die Runden kommt, und von einem oder zwei Kellerneubauten sehr renommierter Namen wird gemunkelt, dass sie im letzten Jahr von potenteren Kollegen aufgekauft werden mussten.
Ein drohender Skandal
In dieses Szenario droht, wie könnte es in Italien anders sein, der nächste Skandal zu platzen. Mit unübersehbaren Sorgenfalten warten derzeit nicht nur die Toskaner auf den Beginn der kommenden Vinitaly, für den man die Veröffentlichung einer Untersuchung der Staatsanwaltschaft befürchtet, die sich gegen einer der renommiertesten (toskanischen) Önologen und dessen Rattenschwanz von "beratenen" Weingütern richtet.
Der gute Mann soll sich, einer Reihe von Quellen zufolge, von der Finanzpolizei dabei erwischen haben lassen, dass er in (abgehörten) Telefonaten "seinen" Weingütern das Idealrezept für guten Chianti Classico verriet. In dem kamen, dem Hörensagen nach, neben 70 (!) Prozent Montepulciano eine Reihe weiterer, in der Toskana nicht erlaubter und nicht kultivierter (!) Rebsorten, aber dafür nur sehr wenig Sangiovese vor.
Aber die Tatsache, dass ich mir hier so ausführlich über Italien auslasse, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den meisten anderen Ländern mindestens ebenso desaströs aussieht. Australien verschleudert derzeit seinen Chardonnay an andere Neue-Welt-Länder und kämpft um die Existenz der gesamten Branche der Traubenerzeuger. Die USA exportieren ein Viertel mehr als in der Vergangenheit, in Spanien und Frankreich sind die Exporte eingebrochen, und mit Ausnahme Südafrikas (hier profitiert man von der Sonderkonjunktur der Fußball-WM und vom nicht allzu starken Rand), Österreichs, wo man die Früchte eines seit 20 Jahren mit Akribie und Talent betriebenen Gemeinschaftsmarketings genießt, und vielleicht bis zu einem gewissen Punkt auch Deutschlands, scheint kaum ein Land von der Misere ausgenommen.
Und das, obwohl - oh Wunder! - der weltweite Weinkonsum mitnichten eingebrochen ist. Obwohl beispielsweise in den USA mehr Wein als früher getrunken wird. Obwohl China und Indien als neue Absatzmärkte auf den Plan getreten sind. Obwohl, obwohl, obwohl ...
Mehr Wein denn je, mehr Konsumenten denn je. Und trotzdem miese Stimmung
Woran liegt es dann also, dass die Stimmung so mies ist, die Probleme manchem so unüberwindlich scheinen. An der Tatsache allein, dass die eine oder andere Region die falsche Strategie hatte, mit den Preisen Schindluder trieb oder sich - satt geworden - schlichtweg nicht mehr um ihre Märkte kümmerte, kann es nicht liegen. Ich glaube, und hier wird jetzt auch die Parallele zur Weinpublizistik deutlich, dass die Weinbranche ihren Elan, ihre Emotionen, ihre Begeisterung der 80er und 90er Jahre verloren hat.
Natürlich sind die Weine um ein Vielfaches besser geworden. Natürlich müssen wir nicht mehr die vielen offen fehlerhaften Muster verkosten, an die ich mich aus den Anfangsjahren beispielsweise des Gambero Rosso erinnere.
Keine Gesichter, keine Emotionen
Aber, je besser die Weine in "technischer" Hinsicht wurden, desto mehr verloren sie an Identität und Charakter. Sie wurden, wie es auch Jancis Robinson gerade verschiedentlich geschrieben hat, einander immer ähnlicher, verwechselbarer.
Nicht nur das! Nachdem in den Anfangsjahren noch hinter jedem Wein ein Gesicht, ein Typ, ein Mensch zu identifizieren war, mit seinen Launen, seiner Geschichte, seinen Emotionen und Fehlern, gewöhnten wir uns daran, dass immer mehr glatte, austauschbare und de facto international in zunehmendem Rhythmus ausgetauschte Exportmanager, PR-Damen oder schlichtweg die Sekrätärin des Chefs uns die Weine präsentierten.
Selbst wenn es der Nachwuchs der Winzer selbst war, den wir zu sehen bekam, dann war der schon seit frühestem Alter durch "große Auslandserfahrung" glattgeschliffen und weichgespült, identitätslos und bar all jener Ecken und Kanten, die uns die vorhergehende Generation so sympatisch, so menschlich, so nahe hatte erscheinen lassen.
Vergessen war, dass Wein - ich rede hier nicht von Supermarktware aus Großkellereien, sondern von den imagebildenden Produkten, ohne die sich auch die Supermarktware letztlich nicht gut verkaufen lässt - ein extrem emotionsbesetztes und ein extrem personalisiertes Produkt ist.
Ohne Emotionen und ohne Authentizität gibt es keine lebendige, florierende Weinwirtschaft. Vielleicht gibt es dann noch ein, zwei Handvoll "big labels", darunter aber nur noch Massenware, nur noch gesichtslose Produkte, die sich nicht mehr über Charakter und Qualität, sondern ausschließlich über den Preis mitinander messen.
Dass dies dem einen oder anderen Händler, der im Grund schon jubilierte, in der Krise endlich die Einkaufspreise auf das Niveau drücken zu können, von dem er seit Jahren träumte, gerade Recht war, ist klar. Aber Vorsicht, liebe Händler! Was sagt Ihr denn Eurem Kunden, dem ihr einen Brunello noch im letzten Jahr für 30, 40 oder 50 Euro verkauft habt, warum ihr den Wein des neuen Jahrgangs für 15 oder 20 Euro anbietet? Nichts werdet Ihr sagen, aber der Kunde wird seine Schlüsse ziehen! Entweder wird er glauben, dass Ihr ihn in der Vergangenheit über's Ohr gehauen hab, oder er ist überzeugt, dass er für den neuen, niedrigen Preis nur minderwertigen Schrott bekommt. Beim Verkaufen wird Euch das alles ganz gewiss nicht helfen!
Nein, nicht billigere Weine brauchen wir - und es ist mir vollkommen sch... egal, ob Ihr diese billigeren Weine unter dem Label des "Schnäppchens" oder des besonderes guten "Preis-Genuss-Verhältnisses" anbietet, sondern mehr Engagement, mehr Identität und mehr "Gesicht" hinter den Weinen.
Weinzeitungen: Langweilig wie eh und je
Wie sehr es an Emotionen und an Authentizität mangelt, und damit schließt sich der Kreis zur Weinpublizistik dann doch wieder, das stellte auf dieser ProWein auch und vor allem das neu gestylte und großmundig unter die Leute gebrachte "Vinum" unter Beweis. Vielleicht muss man nicht so weit gehen, wie der Zyniker, der meinte, wenn man das neue Heft am Kiosk kaufe, müsse man die Bild-Zeitung dazu verlangen, um es darin einschlagen und verstecken zu können.
Aber es ist eine Tatsache, dass das "neue" Vinum Langeweile und Emotionslosigkeit in Reinkultur darstellt - sieht man einmal von den mehr oder weniger gravierenden sachlichen-fachlichen Schwächen ab oder von der Tatsache, dass ein Weinmagazin im April 2010 endlich die Notiz bringt, dass bei einer Versteigerung im November 2009 gute Preise erzielt wurden. Ich habe tatsächlich keinen einzigen Winzer, Händler oder Journalistenkollegen getroffen, der an dem neuen Heft auch nur den Hauch einer positiven Veränderung entdeckt hätte. Nur Langeweile im Quadrat, das perfekte Abbild "seiner" Branche eben!
Vielleicht findet der eine oder andere dies alles zu hart, zu laut, zu schrill und zu sehr schwarz-weiß gemalt. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass es gerade in dieser Branche laute Wecker braucht, um "sterbende Schwäne" zu wecken. Und ich weiß, dass diese Branche - Erzeuger, Händler und Chronisten - möglichst rasch aufwachen muss. Geschieht das nicht, gibt es in fünf Jahren vielleicht niemanden mehr, der uns alle zusammen noch aufwecken kann!
Eckhard Supp ist Autor und Herausgeber von Eno WorldWine







Die Keller sind voll, tüdelüdelü, yeah, yeah, yeah... 






Da spuckt Herr Supp der ganzen Branche ordentlich in die Suppe. Wahrlich kein PR-getriebener Journalismus. Chapeau!