Chile ist ein Musterfall, der Probelauf eines Konzeptes. In Chiles Weinbau wurde in den Achtziger-Jahren ein ökonomisches Konzept realisiert, das den späteren Wirtschaftskonzepten vieler Schwellenländer gleicht. Im Mikrokosmos der Weinbranche.
Noch unter der Präsidentschaft des Diktators Augusto Pinochet (dessen politisches Ende sich schon Jahre vorher abzeichnete und der zuletzt nur mehr eine lahme Ente im Amt war) liberalisierte Chile seine Wirtschaft und öffnete die Märkte für Investoren. Darunter auch den bislang abgeschotteten Weinmarkt. Ausländische Geldgeber waren willkommen. Und kamen auch.
Sie kamen gerne, denn die Investitionskredite für die Renovierung und den Neubau von Weingütern wurden vom chilenischen Staat gefördert und zum Teil auch abgesichert. Investoren wie Torres, Mondavi oder Philippe Rothschild hatten nicht viel zu fürchten.
Ziel der Investitionen war es, chilenischen Wein weltweit bekannt zu machen. Oder besser gesagt: mindestens 30 % des chilenischen Weins zu exportieren. 2006 lag die Exportqoute bei etwa 53 % (Hauptabnehmer USA), die Rebflächen haben sich fast verdoppelt. Ein gigantischer Boom.
Mit dem Rücktritt Pinochets bekam das Land auch seinen guten Ruf zurück (ähnlich ging es Südafrika nach dem Ende der Apartheit). Es war wieder politisch korrekt chilenischen Wein zu trinken, den man davor ohnehin in keinem Supermarkt kaufen konnte.
Der Masterplan des chilenischen Weinbaus war es, zuerst die Auslandsmärkte mit guter, meist qualitativ gleichwertiger Ware zu versorgen. Chile hat (wie Kalifornien oder Australien) den Vorteil, dass sich die Jahrgänge (mit Ausnahmen wie 1999) wenig abwechseln. Es gibt kaum extrem schlechte Ernten, wie sie etwa die französischen Weine in den siebziger Jahren dramatisch in Misskredit brachten.
Also: Kredite her, Weingüter ausbauen, Wein in den Export. Der Plan: wenn der Export eventuell einmal rückläufig wird, dann trinkt der neue lateinamerikanische Mittelstand, vornehmlich jener im eigenen Land, die zahlreich vorhandenen Weine eben selber. Es ist also eine Expansion ohne Gefahr, Wirtschaftswachstum ohne Risiko. Wein machen in Chile sollte wie Geld drucken sein. Und war es auch lange.
So verwirklichte der chilenische Weinbau ein Konzept, das später ganze Länder wie China und Indien übernahmen: stell billige Waren für den Export her, mach den Mittelstand im eigenen Land wohlhabend, lass den Mittelstand durch Konsum heimischer Ware den fallenden Export ausgleichen. Der chilenische Weinbau war die Avantgarde der Globalisierung.
Und weil die wachsende Mittelschicht Konsumprodukte aus dem eigenen Land suchen würde, Produkte von Rang und Namen, wurden in Chile ein paar namhafte Weine gekeltert, z.B.: Almaviva (50 % Philippe Rothschild), Sena und Caliterra (Mondavi & Chadwick), oder Errázuriz Don Maximiano (Chadwick).
Diese Weine wurden in die weite Welt geschickt und gewannen mit Hilfe amerikanischer Weinkritiker (vor allem Robert Parker) massiv an Gewicht. Auch war es erfrischend neben den immer gleichen Bordeaux und Burgundern endlich neue Weine kosten zu können.
Nun wendet sich das Blatt und die extrem exportorientierte chilenische Weinwirtschaft leidet unter rückläufigen Ausfuhren. Teilweise hört man von Einbrüchen von über 50 %. Dem kann nur mit Dumpingpreisen begegnet werden, chilenischer Cabernet wird in den Staaten in Supermärkten schon um 1,99 US-Dollar angeboten. Das untere Ende der Fahnenstange.
Die Topkreationen des chilenischen Weinbaus aber halten sich stabil. So sagen zumindest die Hersteller dieser Weine. Das ist im eigenen Land nicht verwunderlich, sagt der Captain, denn der Nationalstolz stützt die Kauflust der chilenischen Mittelschicht, vornehmlich Beamte, die noch sicheres Geld beziehen.
Doch warum trinkt man diese Weine hierzulande? Die Neugierde müsste längst befriedigt sein. Denn andere Gründe als Neugierde kann es nicht geben.
Nehmen wir z.b. den Almaviva, ein Cuveé aus Cabernet Sauvignon, Carménère und Cabernet Franc. Der Almaviva langweilt den Captain derart, dass er schon beim ersten Blick auf das schöne Etikett einen Gähnanfall bekommt.
Dieser Wein folgt strikt allen Konzepten modernen Faserschmeichler-Weinbaus: alkoholisch, fett, fruchtig, holzbetont, schwer, wichtigtuend. Es ist eine Protzerei mit primitiver Muskulatur, es ist Schönfärberei auf hohem Niveau.
Der Almaviva ist eine Konstruktion für Yachtbesitzer in Acapulco oder Monte Carlo, die keine Ahnung von Wein haben. Und auch keine Ahnung haben wollen. Wäre der Almaviva eine Comicfigur, dann wäre er Hulk.
So geht es dem Captain mit allen chilenischen Giganten. Der Sena verliert nach Meinung des Captains schon nach einer halben Stunde selbst das kleine bisschen Eleganz, das er mitbringt und wird dann zu einer plumpen Pampe. Der Maximiano (eine Heiligengestalt des chilenischen Weinbaus) erschlägt einen förmlich mit seiner Fruchtwucht und dem Holzbeton. Wie lange soll man den Wein lüften - zehn Stunden?
Das Fazit des Captains: chilenische Weine sind vor allem im Mittelbau interessant, etwa der stinknormale Cabernet-Sauvignon Montes Alpha, ein schöner Trinkwein für alle Tage. Mehr nicht. Doch das Spitzensegment ist und bleibt uninteressant: Kopfgeburten für Verkostungen. Weine, denen man ein Zitat aus "A day in a Life" von den Beatles hinterherwirft: "He (they) didn´t notice that the lights have changed."
Cabernet Sauvignon von Montes Alpha bei Bredicks
Almaviva 2003, sehr günstig bei Weinexpert24
Sena bei WeinUnion
Don Maximiano bei Aromicon







Im trockenen Chile am Fuße der Anden 





nachdem ich öfter „gezwungen“ werde weine zu verkosten würde ich mich nie trauen ein pauschalurteil abzugeben.
nur eines steht fest: am preis lässt sich kaum ein wein unterscheiden.
die weine aus chile, die ich aufgrund der transportwege meist vermeide (es gibt in europa genug gute weine,) zeichnen sich aber meist durch die farbe und geruch aus.