Der Captain weiß, es ist Mitte Donnerstag. Etwas spät für den "Wein der Woche", der sonst am Montag ansteht. "Das hast du verpennt, Alter", rügt auch der Erste Offizier, der heute schon früh an Land ging um Champagner zu holen (der Gosset ist aus).
Doch der Captain hat am Montag drauf vergessen und musste am Dienstag mit einer Sexgeschichte für Quote sorgen, da blieb keine Zeit, die Flasche Capannelle auszutrinken, die seit einigen Tagen auf dem Holztisch in der Kombüse wartet. Gestern Abend hat die Mannschaft unerbittlich darauf bestanden, den Wein zu köpfen. Ja, ja, Leute, machen wir, nur die Ruhe.
Gut so, sagt auch der Capain, denn selten hat ihm etwas so viel Freude gemacht, wie diese Flasche reifer Sangiovese aus dem Chainti-Classico. Noch dazu von einem Weingut, das er gleich mal als weiteres Parker-Projekt abgetan hätte - als das Weingut eines reichen Investors, der seinen Önolgen dazu drängt, Weine für den amerikanischen Verkostermarkt anzufertigen. Und nicht für den Verbraucher, der um den regionalen Charakter betrogen wird.
Das ist bei Capannelle aber mitnichten so.
James B. Sherwood war Vorstand und Miteigentümer einer der größten Containerfirmen der Welt. Weil das Verschiffen von beladenen Blechkisten auf die Dauer langweilig ist, hat Sherwood abgedankt und eine Reisefirma gegründet, die Hotels betreibt und den legendären Orient-Express durch Europa schickt. Ein Mann, der Eisenbahnen liebt, kann kein schlechter Mann sein.
In Sherwoods Zügen und Hotels wird ja viel Wein getrunken und so suchte der Mogul Mitte der neunziger Jahre ein Weingut für sein Unternehmen. Und fand Capannelle, an dem ein italienischer Industrieller, selbst Quereinsteiger, das Vergnügen verloren hatte.
Sherwood produziert auf 15 Hektar etwa 60.000 Flaschen Wein, was enorm wenig ist und auf qualitätsorientierte Selektion schließen lässt. Aber noch wichtiger: Sherwood orientiert sich nicht an dem internationalen Weingeschmack, den sein Landsmann Robert Parker seit zwanzig Jahren oktroyiert. Deswegen lässt Parker die meisten Capannelle-Weine auch unter 90 Punkten vergammeln. Sherwood scheint dies egal zu sein. Er hat ja genug Geld, solche Typen wie Parker auszusitzen.
Der Capannelle 2000 ist ein 100 %iger Sangiovese, der im Stahltank vergoren wurde und im großen Holzfass ein Jahr reifen konnte. Also kein Barrique, keine Marmelade, kaum noch präsente Tannine, dafür aber hohe Eleganz und perfekte Trinkreife. Wie man es von den meisten Weinen dieser Region vor 1995 gewohnt war.
In der Nase etwas Pflaumenmus, Heu, Tabak, dann rauchige Töne von feuchter, dampfender Erde. Am Gaumen stabil und noch kräftig mit einer Andeutung des beginnenden Alterungsprozess, der dem Wein in etwa fünf Jahren den Garaus machen wird.
Der Capannelle 2000 ist ein absolutes Trinkvergnügen, ein idealer Begleiter einer Bistecca alla fiorentina, wie sie der Koch der Mannschaft gestern zubereitet hat. Leider ist er nicht ganz billig und es gibt ihn auch nur bei einem einzige Händler in Österreich.
Der Captain rät: trotzdem zuschlagen, denn einen besseren, richtig gut gereiften Wein wird man zur Zeit selten finden. Die Flasche sollte aber nach dem Liefern ein paar Tage ruhen.
Capannelle 2000 bei Döllerer (dort laut Auskunft des Importeurs irrtümlich als Capannelle Rosso bezeichnet).
Hier beim Captain gibt es übrigens noch mehr über italienische Weine zu erfahren.







Der Kühlschrank von Capannelle. Ganz und gar unromantisch 





Sehr beruhigend, nach Politik und nackten Frauen wieder einen schlichten, appetitlichen Weinkommentar zu lesen. Obwohl ein bisschen Klatsch und Zunder doch immer sehr wohltuend für das Allgemeinbefinden sind.