Hamburg. Es ist fünf Uhr früh, doch es ist Sommer. Deswegen zeigt sich auch schon ein Streifen Sonne. Der Bus holt mich fast von zu Hause ab, ich wohne gleich beim ZOB. Ich habe meine Kamera dabei. Und eine Flasche Wasser. Mehr nicht. Mehr brauche ich nicht. Es geht an die Mosel. Unter Tags. Am späten Abend werde ich zurück sein.
Eine Busreise. 39 Euro. Eine Busreise zum Wein. An die Mosel. Eine fröhliche Busreise soll es werden. Mit Frühstück, Mittagsbuffet, Bootsfahrt, Weinprobe und einem Abendbrot inklusive. Das Inserat stand in einer bedeutenden Sonntagszeitung. In der Rubrik für Lebensstil.
Wie erwartet senke ich das Durchschnittsalter um ein paar Promille. Im Bus 46 Mitreisende, viele Rentner aus Hamburg und Umgebung. Aber auch ein Werkstattbesitzer mit seiner Frau. Und ein Lehrer, alleinstehend. Sie alle wollen diesen Samstag an der Mosel verbringen, "Wein sehen". Wollen erfahren, wie Wein gemacht wird, wie er schmeckt. Und sie alle wollen gefahrlos ein bisschen über den Durst trinken.
Das Frühstück nehmen wir an einer vom ADAC ausgezeichneten Raststätte in der Nähe von Dortmund ein. Ich esse nur ein Croissant, das man in Frankreich, aber auch schon in Hamburgs Innenstadt, nicht als solches bezeichnen würde. Die anderen essen, was sie vom Buffet kriegen können. Die nette Reiseleiterin, sie stammt eigentlich aus Russland, ermahnt zur Genügsamkeit. Später gäbe es noch mehr als genug.
Schönste Weinstraße? Wir machen Halblang
Gegen 10h erreichen wir Koblenz und biegen in die "schönste Weinstrasse Deutschlands" ein. Weil nicht genug Zeit bleibt, ist unser Ziel "nur" Traben-Trarbach. Graach, Kues, Ürzig, die einzigartigen Orte? Wenn es geht, dann machen einen kurzen Abstecher, verspricht der Busfahrer, der gar nicht die Absicht hat mitzukommen. Die russischstämmige Reiseleiterin, sie heißt Anna, erzählt viel von der Mosel, dass hier schon die Römer Wein angebaut hätten und den ganzen anderen auswendig gelernten Schmus. Man merkt, die Frau hat keine Ahnung von Wein. Doch Ahnung hat keiner im Bus, es geht auch nicht um Wissen und Wissensvermittlung, es geht um die flüchtige Sichtung einer Kulturlandschaft, verbunden mit dem Kick des kleinen Rausches. Hier, in der Weingegend, darf man ja ungezwungen betrunken sein. Oder?
Deswegen fragt ein pensioniertes Ehepaar ("wir trinken ja gerne auch spanischen Wein, bei Lidl gibt es da einen, da habe ich gleich 20 Flaschen auf Vorrat gekauft") schon gegen elf, wann es denn mit dem Trinken losgehen würde? Auf dem Boot, sagt Frau Anna. Erleichterung macht sich breit.
Das Boot besteigen wir in Cochem. An Bord werden gleich die Flaschen geöffnet und die Tassen hoch. Ein "Winzer" ohne eigenen Betrieb erklärt die Weine. Es gibt Müller-Thurgau, Kerner, Dornfelder. Und auch Riesling. Aus Literflaschen, den Riesling auch aus einer Null-Sieben-Fünfer. Das ganze wird aus inferioren Gläsern getrunken, die sicher nicht beim Spülen kaputtgehen. Der "Winzer" erklärt auf meine Nachfrage, dass der Müller-Thurgau aus dem Rheinland komme. Später habe man auch die Möglichkeit, Müller-Thurgau von der Mosel zu kaufen. Später, das heißt nachmittags beim Kellerbesuch.
Ein, zwei Gläser mehr
Der alleinstehende Lehrer trinkt schon sein drittes Glas (Riesling und Dornfelder) und beginnt zu reden. Mit Anna, auf die er ein Auge geworfen hat. Die Weine sind eigentlich untrinkbar. Nun ja, es geht, wenn man schnell schluckt. Der Riesling muss aufgezuckert sein, ich frage den "Winzer" nach der Chaptalisation. Er starrt mich an, das Wort hat er offenbar das erste Mal gehört. Ich starre zurück und frage nach der Machart, nach Säure und Abbau, nach Lesezeit und Reifegrade. Er sagt, das müsse er seinen Bruder fragen, der mache eigentlich die Weine. Und ich frage nach dem Verkauf der Weine. "Wird jedes Jahr schlechter", sagt der Mann.
An Bord bestellen sich etliche ein Bier. "Zu süß, die Plörre", wirft ein etwa Sechzigjähriger verächtlich in die Runde. "Die wollen uns vergiften". Nun, der Verdacht drängt sich auf. Das Mittagsbuffet nehmen wir ein einem ordentlichen Gasthaus in Traben ein. Es ist bereits früher Nachmittag. Die Reiseleiterin Anna hat es aufgegeben von ihrem Blatt die Weinlagen abzulesen, die das Boot passierte. Es hat nur den Lehrer interessiert.
Nun sind wir in Traben, es geht es in den Keller. Es ist ein Showkeller, etwas ausserhalb auf einem Hügel. Man kann kosten, man soll kaufen. Erklärt wird wenig, gesprochen viel. Die Heizdeckenabteilung. Etwa die Hälfte der Leute kauft auch. "Man kann ja nicht so viel tragen", sagt ein Mann und entschuldigt damit, dass er nur zwei Flaschen gekauft hat. Jede um vier Euro und neunzig Cent. Riesling. Feinherb.
Ein paar Leute haben etwas zu viel gekostet und müssen nun gestützt wieder zum Boot gebracht werden. Der Autobus ist nicht mitgekommen, deswegen wird es auch dem Abstecher nach Ürzig nichts. Aber das hat jeder gewusst. "Leere Versprechen", schimpft der Werkstattbesitzer, "gottseidank kenne ich die Gegend von früher." Die Reiseleiterin erzählt uns bei der Rückfahrt noch etwas von der Mosel und von der Romantik, die wir am Ufer gut erkennen können. "Romantik", sagt die Russin, "sei auch in Russland sehr wichtig". Da gleichen sich Russen und Deutsche. Ob man in Russland auch Wein trinke, fragt der Lehrer. Nein, natürlich nur Wodka, sagt Frau Anna. Das tue den Männern aber nicht gut. Alkohol macht den russischen Mann gewalttätig. Der deutsche Mann ist anders. Frau Anna hat einen deutschen Mann. Der Lehrer zieht sich zurück.
Ausnüchtern im Bus
An Bord wird weiter getrunken. Gegen sechs sind wir wieder in Cochem und warten auf den Bus. Die Flaschen sind tatsächlich fast alle geleert. Ausgerechnet vom Riesling ist noch was über. Der Bus wird bei der Rückfahrt zur Ausnüchterungszelle, die Leute dösen und atmen schwer. Das Abendbrot verkommt meistens unvezehrt. Wein trinken ist anstrengend.
Der Busfahrer war zwischenzeitlich in Andernach. Dort sei es schöner, als an der Mosel, sagt er. Frau Anna fragt mich, warum ich mich beim Wein so gut auskenne. Ich sei eben interessiert, antworte ich. "Da sind sie hier aber auf der falschen Reise gewesen", sagt sie. "Hier interessiert sich keiner für Wein". Ich weiß.







Die Hänge an der Mosel. Vom Busfester aus gesehen... 



Das hat der Maat aber sehr schön geschrieben. Bei sowas wär ich in Echt mit der Kamera für bewegte Bilder auch gern mal dabei.
Trotzdem würde ich dem Captain empfehlen, vor dem online-stellen immer mal darüber zu lesen. Würde den Lesefluss der netten Story etwas erleichtern, wenn alle Worte dort wären wo sie hingehören.