01.09.09 MEINUNG 25 Einem Freund senden

Wein & Krise: Fünf Thesen zur Zukunft

Nebel über den Feldern. Wo geht die Reise hin?Nebel über den Feldern. Wo geht die Reise hin?

Alles super im Weinbau. Nach wie vor werden neue Fässer bestellt und moderne Infrastrukturen aufgesetzt. Junge Winzer lassen sich von renommierten Architekten postmoderne Schlösser bauen: kein anderer Landwirt hat in den letzten zwanzig Jahren eine derartige Aufwertung erfahren, wie der Winzer. Winzer sein, das ist was. Das macht was her.

Der Preis einer Flasche Wein ist in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 75 % gestiegen. Hat man für einen stinknormalen aber schönen Riesling aus Rheinhessen 1995 noch 5 Mark bezahlt, so kostet er heute um die 8 Euro. Freilich ist dieser Vergleich unfair, man muss die Inflationsrate berücksichtigen. Und auch andere gestiegene Kosten. Trotzdem wird man nicht auf den heutigen Betrag kommen. Und der erscheint manchen Konsumenten inzwischen viel zu hoch.

Doch sind die hohen Preise meistens auch gerechtfertigt. Denn was uns deutsche und österreichische Winzer seit etwa fünfzehn Jahren auftischen, ist ein Qualitätsfeuerwerk erster Güte, das inzwischen auch recht simple Weinbauern zum Mitfeuern anspornt.

Die Zuwendung im Weingarten, die moderne, schonende Kellertechnik: beides ist heute unwidersprochen Standard in allen deutschsprachigen Weinbaugebieten. Das hat viele Gründe. Einer davon ist der legendäre Weinskandal von 1985, der in beiden Ländern dramatische Veränderungen bewirkte. Krise kann ganz super sein.

Dennoch steht der Weinbau weltweit vor seiner größten Krise. Das Einknicken der Weltwirtschaft wird auch dem "Luxusprodukt" Wein längerfristig Veränderungen aufbürden. Veränderungen, die viele Winzer nur ahnen können. Auch der Captain ahnt nur, er hat fünf Thesen aufgeschrieben

1.) Die Globalisierung ist vorbei

Frachtflugzeuge voll mit Weinflaschen? Das gehört bald der Vergangenheit an. Nicht nur, weil der wieder steigende Ölpreis den Weingütern in Übersee zusetzt. Sondern auch, weil das Interesse der Weintrinker erlahmt. Wenige andere Branchen haben in den letzten Jahren eine derartige Verbreitung ihrer Artikel und folglich auch ihrer Konsumentenschicht erfahren.

Weintrinken gehört für hunderttausende soziale Aufsteiger zum guten Ton, Auskennen beim Wein ist Pflicht. Man muss Weine aus fast allen Weinbauregionen der Welt getrunken haben. Nicht nur Franzosen und Italiener, nein, auch Spanier und Portugiesen, Australier und Neuseeländer, Südafrikaner und Argentinier, Chilenen und Kalifornier. Und das ist gut so, ein spannende Zeit mit vielen spannenden Weinen.

Doch diese Zeit geht jetzt zu Ende.

Denn der neue Mittelstand verarmt im Zuge der Krise. Mindestens 25 % der neuen Weintrinker werden sich zukünftig elementar wichtigeren Dingen widmen müssen, als in der Vinothek ein neues Anbaugebiet zu erkunden und die Säfte seltener autochthoner Trauben zu verkosten. Die Abkehr der Leute ist jetzt schon spürbar, sie lässt die Flaschen in den Kellern liegen bleiben.

2.) Nur Winzer aus bekannten Anbaugebieten werden im Export erfolgreich bleiben

Montepulciano d´ Abruzzo? Vergiss es! Trentino? Interessiert niemanden! Cahors? Warum soll ich das probieren? Sachsen? Nee, dann lieber doch Mosel.

In der Krise wendet man sich bekannten Namen zu. Also Mosel, Rhein und Baden. Franken auch noch. Württemberg bleibt regionalen Trinkern vorbehalten, gleiches gilt für Sachsen und Saale.

Noch gravierender wird es in anderen Ländern, vor allem in Spanien, Italien und Frankreich zugehen. Nur wenig wird von den neuen Regionen bleiben. Der Konsument wandert zurück in die bekannten Gegenden. Toskana (übervolle Keller hin oder her) ist ein Dauerläufer. Bordeaux auch (besonders bei den Anglo-Amerikanern). Burgund und Piemont folgen. Danach die im Land bekannten Regionen: Wachau, Mittelburgenland, Collio, Südtirol, Rhone, Loire, Rioja, Duoro, Navarra, etc..

Soll heißen: Wer jetzt ein Weingut in der italienischen Region Ciro gekauft hat, oder in den Marken, der kann sich den Export in die Haare schmieren. Wein aus solchen Regionen ist nur mehr über den Preis verkäuflich. Oder regional. Zudem erlahmt das Interesse an autochthonen Trauben wie Primitivo oder Nero d` Avola. Und selbst ein Blaufränkischer wird es künftig schwer haben. Außer er folgt dem Konzept der Exklusivität. Das ist aber schon der vierte Punkt, wollen wir mal die dritte These schreiben.

3.) Die regionale Authentizität wird Trumpf

Welche Gegend? Welche Lage? Welcher Hang? War das früher nur für eingefleischte Weinfanatiker wichtig, wird das künftig den Wein die verlangte Authentizität geben. Denn neben den anonymen Massenweinen, die mehr noch als bisher den Weinmarkt dominieren werden, setzen sich im breiter gewordenen Mittelbau (wie auch an der Spitze) nur jene Weine durch, die eine Geschichte erzählen können.

Das kann ein Märchen von Land und Leuten sein. In Zeiten von Google ist es jedoch besser, man erzählt die Wahrheit und erklärt, wo der Wein herkommt, von welcher Parzelle er geerntet und aus welchen Traube er gekeltert wurde, wie der Boden beschaffen ist, wie der Wein im Keller behandelt wurde (dazu mehr bei Punkt 5), etc..

Regionale und lokale Weine aus bekannten Gegenden werden sich hier beim Export noch leichter tun. Jene aus weniger bekannten Gegenden bleiben sowieso nur die lokalen, regionalen und maximal nationalen Märkte. Um so begrenzter müssen ihre Stückzahlen ausfallen. Um die Legende kommt aber kein Wein herum, der seinen Rang und Namen festigen will. Außer er ist ein Produkt der Popkultur.

4.) Die Exklusivität machts aus

So eigenartig es klingt: jeder Depp kann inzwischen einen halbwegs guten Wein keltern, wenn er sich nur eine Zeitlang mit Boden, Traube und Kellertechnik beschäftigt.

Das ist kein Angriff gegen die vielen erfolgreichen Önologen, doch ihr besonderes Wissen hat in den letzten Jahren an Besonderheit verloren. Das ist in jeder Wissensgesellschaft so. Und wenn Wissen von vielen Leuten geteilt wird, dann wird es auch wertlos.

Also muss sich der Winzer der Wertlosigkeit durch Exklusivität entziehen. Nur mit einem ausgefeilten, ideologisch geerdeten Produkt kann er künftig eine Marke aufbauen.

Es müssen neue Kreationen her, die noch präziser auf die jeweiligen Böden und mikroklimatischen Bedingungen eingehen, die der Traubensorte huldigen, die die besten Traubensorten sehr individuell zusammenfügen. Da gibt es viele Konzepte, nicht alle aber gehen gut, wie etwa das großartig gescheiterte archaische Amphoren-Konzept einiger Weinbauern aus dem Friaul beweist.

Ein besonderer Wein muss ein leckerer Wein bleiben. Und nur wenige Weine sind wirklich lecker.

Ein Beispiel für ein richtig gut umgesetztes Exklusivitäts-Konzept sind die Weine von Roland Velich, der mit seinem Blaufränkisch Moric die regionale burgenländische Traube im Weltmarkt der wichtigen Weine geerdet hat. Den Moric gibt es in den besten Restaurants der Welt, kaum aber im eigenen Land. Dort findet man Vergleichbares schon mal günstiger. Das tut dem Erfolg des Moric aber keinen Abbruch, denn Velich hat eine Marke etabliert, die durch Nachgänger kaum penetriert wird. Im besten Falle profitieren alle.

5.) Das Handwerk hat goldenen Boden

Viel wurde von in den letzten Jahren von der Dienstleistungsgesellschaft gesprochen, vom Verwalten der Angelegenheiten, vom Kreieren durch Wissen. Nur vom Produzieren sprach man nicht. Das sollen die Chinesen und Inder machen.

In dieser Krise wird sich daran vorerst wenig ändern. Immer noch produzieren die Billiglohn-Schwellenländer einen Großteil unserer Waren.

Beim Wein ist das etwas anders. Die Lohnkosten spielen eine untergeordnete Rolle. Will man Wein billig machen, so muss man ihn industriell in Masse produzieren. Das geschieht überall, vor allem aber in Australien, Chile, Kalifornien und in Spanien. Teilweise haben die Produkte sogar erträgliche Qualität.

Doch mit der Wiederkunft des Regionalen kommt auch das regionale Handwerk zurück, denn regionales Wissen und regionale Kreativität müssen vor allem bei Nahrungsmittel in einem regionalen Produkt enden und nicht - wie bei Banken und Beraterkonzernen - im globalen Nebel zum profitablen Einheitsgebilde einer transnationalen Kompanie verdampfen.

Die Betonung auf "mit eigener Hände Arbeit" wird den Winzern künftig noch mehr Wichtigkeit geben. Der erfolgreiche Winzer der Zukunft hat vier bis zehn Hektar in Eigenbewirtschaftung, schneidet seine Äste selber, kennt jede Furche am Hang und weiß, wie man ein Fass reinigt. Und von all dem kann er erzählen. Und seine Hände herzeigen, die seine Arbeit beweisen. Das ist zwar Kitsch. Aber auch Wahrheit. Und nichts werden die Leute mehr verachten, als die Lüge.

P.S.: In diesem Traktat ist immer vom Winzer (männlich) die Rede. Ich spreche aber auch über die wenigen, dafür sehr eindrucksvoll erfolgreichen Frauen der Branche. Wiewohl ich bislang noch keine explizit weibliche Önologie festmachen konnte. Winzern ist eventuell geschlechtsneutral. Gut so.



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Kommentare 25

Kommentare

Saarland wow..

Alle Achtung, das ist ein langes Stück, das zum Nachdenken anregt. Ich beobachte die Seite jetzt schon einige Zeit und denke, es sollte mehr von diesen Texten geben. Auch der Moseltext über die Busreise war es Wert gelesen zu werden. Solchen Stoff bietet die Printpresse, auch die lokale hier leider nicht mehr. Zum Text möchte ich anmerken, daß ich dem regionalen Bezug zustimmen kann und auch dem Kapitel über Handwerk. Ich glaube aber nicht, daß nur Weine aus bekannten Weinbaugebieten den Export bestreiten werden. Der Nero di Avola und der Primitivo haben in den Pizzerien den Chainti und den Valpolicella verdrängt. Und das war gut so. Dort werden diese Weine auch bleiben. Beim Wein droht uns eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Reiche trinken immer besser, der Mittelstand wird schlechter trinken. Das ist leider wahr.

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ac (via facebook)

Es ist mir unverständlich wie man sehr guten Wein machen kann und dann unter einer derartigen "Architektonischen Geschmacksverwirrung" leiden kann wie uns der Klotz in Langenlois zeigt. Es ist ja leider nur ein Beispiel. Wenn Ihr Europa gemeint habt, da kann ich dann nicht mitreden. Mein Bezug ist derzeit auf Österreich beschränkt.
Den Artikel an sich finde ich sehr gut!

lg a.

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hok (via facebook)

Nunja über den Klotz kann man streiten, allerdings bringt das ganze Loisium samt Hotel, schon einiges an Zuwachs. Und bis auf die depperte Klimaanlage in den Hotelzimmern, kann man das auch durchaus empfehlen.

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ac (via facebook)

Das ist ja nicht von der Hand zu weisen, dieser Faktor. Ich bin mir aber sicher das wäre auch ohne dieser Architektur gegangen. Oder ist die Verpackung wichtiger als der Inhalt? Wenn dem so ist sollten wir auf Essig umsteigen.

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hok (via facebook)

Aber Architektur war und ist immer umstritten. Vielleicht bewunderns ja in hundert Jahren den Mut der Langenloiser. Über Wien werdens dann das Gegenteil sagen ;-)

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hok (via facebook)

Aber gib dir mal das da: http://www.petrawine.it/petra.html
das Ding steht hier mitten in der Landschaft, schaut aus, wie ein verunglückter Maya-Tempel - im Inneren produzieren die 500.000 Flaschen überholzten Wein und wundern sich dann, dass die schwer zu verkaufen sind.

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Der Captain

Das wäre zu vereinfachend. Der Badia a Passignano von Antinori ist z.B ein hervorragender Wein eines Industrieweinmachers, den ich vielen Handwerks-Chiantis vorziehe. Vor allem den 2006er

http://www.antinori.it/eng/tenute/tenute_scheda.php?Id=7&tit=badiapassig...

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Reblaus Nord heiter bis wolkig

Die Globalisierung ist nicht zu Ende, sie wird nur nicht mehr mit CS, Merlot oder Chardonnay betrieben sondern eben mit den authochtonen Rebsorten. Die Leute suchen wieder das Ehrliche und man soll schmecken woher der Wein kommt. Alte Rebsorten und sehr seltene Rebsorten sind sehr gefragt bei den Sommeliers und Weinfreunden der Welt, den jeder will ja zeigen was er so alles kennt;-)
Hier ist natürlich oft viel heiße Luft im Spiel z.B. gibt es vom Weingut Breuer in Rüdesheim einen Wein aus der sehr alten Orleans Traube die für ausgestorben gehaltenen wurde.
Der Wein ist aber eher mittelprächitg aber gibt es davon bloss ein paar hundert Flaschen jedes Jahr und das beeindruckend natürlich! Auch beim Weine gilt: Willst was gelten mach dich selten!

Zu den Markenweinen der Konzerene möchte ich nur anmerken da diese selten absoluter Schrott sind, genial sind aber auch die wenigsten und so ist es auch beim kleinen Winzer der sein Handwerk pflegt oder?

Das der Architekturwahn den Weinbau erreicht hat liegt nicht zuletzt an den Fördermittel der EU und erst die Zeit wird zeigen wer diese sinnvoll eingesetzt hat oder bloss cool gebaut! Aber klar schönes Weingut=gute Weine oder?

Aber schließlich und endlich sind wir eben alles auch nur Menschen und wie heißt es so schön: Ein Blick auf´s Etikett macht 50 Jahr Erfahrung weg!

Bin selbst sehr gespannt was in 20-30 Jahren en vouge ist!Schön ist nur wen der Keller jetzt schon voll ist mit gutem Stoff muß man sich ja das neumodiche Zeug der Zukunft nicht mehr antun! Aber Schreck was wen es sehr, sehr gut ist???
Captain Ihre Gedanken machen mir Angst;-)

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Der Captain

Keine Angst: Eine These ist eine These und muss nicht eintreten..

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ardbeg applaudiert

Auch wenn ich die Latex-Filme sehr schätze, ein solches Traktat zu lesen ist die reine Wonne. Kluge Analyse, fundierte Meinung, selbst wenn ich nicht alles teile, ich schieße Salut, Captain.

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ardbeg

Trotz des Beifalls muss ich der zweiten These widersprechen. Grade weil eins, drei, vier und fünf genau richtig beobachtet sind, wird zwei so nicht eintreten. Dem Reiz der autochthonen Gewächse und noch unentdeckten Erzeugnisse, handwerklich perfekt gemacht, am besten mit einer guten Home-Story garniert und Preis-Leistung austariert, dem kann sich kein Weindurstiger entziehen. (Haben wir nicht alle gespannt die Ost-Geschichten hier verfolgt?) Und grade wenn die großen Namen dem schmaleren Budget zu teuer werden, kann es erst recht spannend sein, die weniger ausgetretenen Pfade zu begehen.

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Der Captain

Ich erkenne selbst den Widerspruch..

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Der Captain

Die 5-10 Ha Winzer produzieren mit Traubenzukäufen oft bis zu 150000 Flaschen. Da musst du dann auch in den Export..

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Iris

Warum sollten kleine Winzer nicht auf dem Exportmarkt Fuss fassen können? bzw., was verstehst Du unter "nachhaltig Fuss fassen"? Man muss ja nicht in jedem Supermarkt vertreten sein. Gerade für die hier geforderten originellen, authentischen Weine, die auch eine Geschichte erzählen können, gibt es ja zum Glück auch kleinere Vertriebsstrukturen, wie Fachhändler, die sich die Mühe machen, auch und gerade unbekanntere Winzer ihren Kunden nahe zu bringen.

Ich habe einige Jahre lang als "Mini-Winzer(in)" nach Japan exportiert - auch mal nach Kanada, wo es ja nicht nur die nach Paletten bestellende SAQ gibt.

Für Deutschland kann ich nicht sprechen, da ich da aktuell noch keinen solchen wagemutigen aufgetan habe. Die Krise macht die Händler allerdings auch nicht gerade mutiger, wenn man deutlich über dem 5€ Segment liegt...

Zu den Diskussionspunkten:

dass Löhne (bzw. Arbeitskraft, kleine Winzer arbeiten ja häufig eben hauptsächlich selber) keine Rolle beim Preis spielen, ist wohl gerade für die handwerklich gemachten Weine nicht richtig:

Steilhanglagen sind eben was anderes, als Reben auf Rübenäckern, naturnaher Anbau erfordert mehr Präsenz und Arbeit als Chemie vom Traktor aus, Handlese mehr als Maschinenlese, etc...), im Keller ist Barriqueausbau aufwendiger, als ein großer Tank, Ausbau überhaupt aufwendiger, als die Spezialisierung auf schnell vermarktete Jungweine, eigene Flaschenabfüllung aufwendiger, als Lohnabfüllung ... vom eigenen Marketing, um das alles bekannt zu machen, will ich jetzt gar nicht reden....

Dass nur Winzer aus bekannten Anbaugebieten auch bekannt werden können, ist so hoffentlich nicht ganz wahr. Wenn man, wie ich z.B., in einem lange Jahre hauptsächlich für seinen Massenwein bekannten Anbaugebiet kommt (Languedoc), kennt man natürlich das Problem der Etikettentrinker, für die Bordeaux oder Burgund auf der Flasche stehen muss, (die dann auch jeder Händler in seinem Potefolio hat), aber zum Glück gibt es doch immer mehr Weinliebhaber, die darüber hinausgewachsen sind (und sei es nur, weil sie sich die wirklich großen aus diesen Appellationen eben nie oder nicht mehr leisten können).

Natürlich ist die Konkurrenz auch bei Nischenwinzern groß, aber da gibt es ja zum Glück inzwischen neue Kommunikationswege, um die Informationen an den Mann/die Frau zu bringen. Dass man dabei nicht unbedingt auf die immer schlapper werdende Fachpresse zählen kann, die kaum noch einen Fachjournalisten vor Ort auf Entdeckungsreise schickt, ist auch hinlänglich bekannt.

Postmoderne Schlösser kann man sich so vielleicht nicht bauen lassen (ist ja eigentlich auch überflüssig, solange man ein Dach über dem Kopf und vor allem überm Keller hat:-).

Ob die Weine dann unbedingt "ideologisch geerdet" sein müssen, ist auch eine andere Frage. Vielleicht sollte man einfach klar sagen, was man wo, wie, warum macht - dann kann sich jeder seinen Wein passend zu seiner Ideologie aussuchen. Das halte ich für sinnvoller, als Heilsbotschaften und Kollegenschelte, wie man sie häufig in Diskussionen über z.B. bio-Wein versus konventionelle Weine oder gar biodynamischen Anbau findet.

Für mich reicht es schon, wenn die Rebstöcke sauber geerdet sind - und der Winzer sich nicht von neuen Moderichtungen verunsichern lässt. Der Aufbau eines Weinberges dauert viele Jahre - von denen die ersten normalerweise ohne jede Einnahme überstanden werden müssen - und auch dann bleibt es ein risikobehaftetes Geschäft - schließlich kann noch niemand das saisonale Wetter bestimmen... sich da noch zusätzlich nach kurzlebigen Marktmoden zu richten, halte ich für halsbrecherisch.

Dass immer weiter neue Barriques gekauft werden, entspricht wohl auch nicht mehr ganz der Realität - die Konkursverfahren alteigesessener Küfer und die Überschwemmung unserer Mailboxen mit Angeboten von Holzchip-Produzenten, die uns versichern, dass man das alles auch viel billiger haben kann, sprechen entschieden dagegen.

So, dass war jetzt nicht sehr systematisch als Kommentar - tut mir leid, aber das liegt an der Notwendigkeit des ständigen rauf und runter Scrollens:-)...

Aber einiges musste doch zu dem sonst ja erfreulich engagierten Artikel des captains gesagt werden.

In der Tendenz nicht falsch, im Detail aber nicht immer unbedingt richtig:-)... trotzdem: weiter so, es ist ja schon erfrischend, wenn man mal was anderes als den x-ten Aufguss der üblichen Newstickermeldungen lesen kann.

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Der Captain

Ich bin sehr froh über diese ausführliche Kommentierung, mit der ich mich noch genauer beschäftigen will. Ich bin auch froh, wenn meine Thesen über den Haufen geworfen werden, denn das ist ja hier keine Predigtseite eines Weinpapsts. Der Captain hat kluge Leser und aufmerksame Verfolger. Das ist der Sinn eines guten Mediums..

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ardbeg kaufmännisch

Wer von sich pauschal sagt “ zu klein für den Export“, dem fehlt vielleicht eher unternehmerische Phantasie als Stückzahl. Vielleicht kann ich nicht die Hawesko bedienen, aber Internet und DHL machen heute echte Marketing-Wunder möglich. Und da weiß ich ausnahmsweise wirklich wovon ich rede!

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Tiefgaragenwinzer katerig

wieso ist das amphorenprojekt großartig gescheitert? schmeckt dem captain woghl nicht, oder was? ich find orangefarbenen wein super! schon mal den vom sepp muster probiert?

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Der Captain

..schmeckt furchtbar und keiner will es trinken = gescheitert. so einfach ist das.

das muster-projekt kenn ich nicht. auf jeden fall hat der auch andere weine, andere super-weine..

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Phleau Heiter bis wolkig

Tolle Thesen.
Zum Thema Authentizität und Regionalität möchte ich noch ergänzen:
Auch hier findet bereits ein Wettbewerb der authentischen Geschichten und der kitschigen Philosophien rund ums Weinmachen statt. Was sich kraft dieser Erfolgsformel heute noch gut durchsetzt (die gute Qualität dieser Weine sind ohnehin Basisvoraussetzungen für die Überlebensfähigkeit), kann morgen schon zu wenig differenzierend für den Winzer sein.
Dies gilt übrigens nicht nur für Wein. Die Flut von modernen Tante-Emma-Läden, Manufaktur-Schokoladen, ideologisch gereiftem Käse usw. wird früher oder später auch an Wachstums- und Differenzierungsgrenzen stoßen. Es bleibt spannend, welche Ära danach beginnt. Das könnte These Nummer sechs sein.

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Gast Nummer 1

Ich denke genau diese Grenzen sind schon erreicht (ZB Schokolade).

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Mister Spuck ... begeistert

"Ideologisch gereifter Käse" finde ich großartig!

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