Alles super im Weinbau. Nach wie vor werden neue Fässer bestellt und moderne Infrastrukturen aufgesetzt. Junge Winzer lassen sich von renommierten Architekten postmoderne Schlösser bauen: kein anderer Landwirt hat in den letzten zwanzig Jahren eine derartige Aufwertung erfahren, wie der Winzer. Winzer sein, das ist was. Das macht was her.
Der Preis einer Flasche Wein ist in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 75 % gestiegen. Hat man für einen stinknormalen aber schönen Riesling aus Rheinhessen 1995 noch 5 Mark bezahlt, so kostet er heute um die 8 Euro. Freilich ist dieser Vergleich unfair, man muss die Inflationsrate berücksichtigen. Und auch andere gestiegene Kosten. Trotzdem wird man nicht auf den heutigen Betrag kommen. Und der erscheint manchen Konsumenten inzwischen viel zu hoch.
Doch sind die hohen Preise meistens auch gerechtfertigt. Denn was uns deutsche und österreichische Winzer seit etwa fünfzehn Jahren auftischen, ist ein Qualitätsfeuerwerk erster Güte, das inzwischen auch recht simple Weinbauern zum Mitfeuern anspornt.
Die Zuwendung im Weingarten, die moderne, schonende Kellertechnik: beides ist heute unwidersprochen Standard in allen deutschsprachigen Weinbaugebieten. Das hat viele Gründe. Einer davon ist der legendäre Weinskandal von 1985, der in beiden Ländern dramatische Veränderungen bewirkte. Krise kann ganz super sein.
Dennoch steht der Weinbau weltweit vor seiner größten Krise. Das Einknicken der Weltwirtschaft wird auch dem "Luxusprodukt" Wein längerfristig Veränderungen aufbürden. Veränderungen, die viele Winzer nur ahnen können. Auch der Captain ahnt nur, er hat fünf Thesen aufgeschrieben
1.) Die Globalisierung ist vorbei
Frachtflugzeuge voll mit Weinflaschen? Das gehört bald der Vergangenheit an. Nicht nur, weil der wieder steigende Ölpreis den Weingütern in Übersee zusetzt. Sondern auch, weil das Interesse der Weintrinker erlahmt. Wenige andere Branchen haben in den letzten Jahren eine derartige Verbreitung ihrer Artikel und folglich auch ihrer Konsumentenschicht erfahren.
Weintrinken gehört für hunderttausende soziale Aufsteiger zum guten Ton, Auskennen beim Wein ist Pflicht. Man muss Weine aus fast allen Weinbauregionen der Welt getrunken haben. Nicht nur Franzosen und Italiener, nein, auch Spanier und Portugiesen, Australier und Neuseeländer, Südafrikaner und Argentinier, Chilenen und Kalifornier. Und das ist gut so, ein spannende Zeit mit vielen spannenden Weinen.
Doch diese Zeit geht jetzt zu Ende.
Denn der neue Mittelstand verarmt im Zuge der Krise. Mindestens 25 % der neuen Weintrinker werden sich zukünftig elementar wichtigeren Dingen widmen müssen, als in der Vinothek ein neues Anbaugebiet zu erkunden und die Säfte seltener autochthoner Trauben zu verkosten. Die Abkehr der Leute ist jetzt schon spürbar, sie lässt die Flaschen in den Kellern liegen bleiben.
2.) Nur Winzer aus bekannten Anbaugebieten werden im Export erfolgreich bleiben
Montepulciano d´ Abruzzo? Vergiss es! Trentino? Interessiert niemanden! Cahors? Warum soll ich das probieren? Sachsen? Nee, dann lieber doch Mosel.
In der Krise wendet man sich bekannten Namen zu. Also Mosel, Rhein und Baden. Franken auch noch. Württemberg bleibt regionalen Trinkern vorbehalten, gleiches gilt für Sachsen und Saale.
Noch gravierender wird es in anderen Ländern, vor allem in Spanien, Italien und Frankreich zugehen. Nur wenig wird von den neuen Regionen bleiben. Der Konsument wandert zurück in die bekannten Gegenden. Toskana (übervolle Keller hin oder her) ist ein Dauerläufer. Bordeaux auch (besonders bei den Anglo-Amerikanern). Burgund und Piemont folgen. Danach die im Land bekannten Regionen: Wachau, Mittelburgenland, Collio, Südtirol, Rhone, Loire, Rioja, Duoro, Navarra, etc..
Soll heißen: Wer jetzt ein Weingut in der italienischen Region Ciro gekauft hat, oder in den Marken, der kann sich den Export in die Haare schmieren. Wein aus solchen Regionen ist nur mehr über den Preis verkäuflich. Oder regional. Zudem erlahmt das Interesse an autochthonen Trauben wie Primitivo oder Nero d` Avola. Und selbst ein Blaufränkischer wird es künftig schwer haben. Außer er folgt dem Konzept der Exklusivität. Das ist aber schon der vierte Punkt, wollen wir mal die dritte These schreiben.
3.) Die regionale Authentizität wird Trumpf
Welche Gegend? Welche Lage? Welcher Hang? War das früher nur für eingefleischte Weinfanatiker wichtig, wird das künftig den Wein die verlangte Authentizität geben. Denn neben den anonymen Massenweinen, die mehr noch als bisher den Weinmarkt dominieren werden, setzen sich im breiter gewordenen Mittelbau (wie auch an der Spitze) nur jene Weine durch, die eine Geschichte erzählen können.
Das kann ein Märchen von Land und Leuten sein. In Zeiten von Google ist es jedoch besser, man erzählt die Wahrheit und erklärt, wo der Wein herkommt, von welcher Parzelle er geerntet und aus welchen Traube er gekeltert wurde, wie der Boden beschaffen ist, wie der Wein im Keller behandelt wurde (dazu mehr bei Punkt 5), etc..
Regionale und lokale Weine aus bekannten Gegenden werden sich hier beim Export noch leichter tun. Jene aus weniger bekannten Gegenden bleiben sowieso nur die lokalen, regionalen und maximal nationalen Märkte. Um so begrenzter müssen ihre Stückzahlen ausfallen. Um die Legende kommt aber kein Wein herum, der seinen Rang und Namen festigen will. Außer er ist ein Produkt der Popkultur.
4.) Die Exklusivität machts aus
So eigenartig es klingt: jeder Depp kann inzwischen einen halbwegs guten Wein keltern, wenn er sich nur eine Zeitlang mit Boden, Traube und Kellertechnik beschäftigt.
Das ist kein Angriff gegen die vielen erfolgreichen Önologen, doch ihr besonderes Wissen hat in den letzten Jahren an Besonderheit verloren. Das ist in jeder Wissensgesellschaft so. Und wenn Wissen von vielen Leuten geteilt wird, dann wird es auch wertlos.
Also muss sich der Winzer der Wertlosigkeit durch Exklusivität entziehen. Nur mit einem ausgefeilten, ideologisch geerdeten Produkt kann er künftig eine Marke aufbauen.
Es müssen neue Kreationen her, die noch präziser auf die jeweiligen Böden und mikroklimatischen Bedingungen eingehen, die der Traubensorte huldigen, die die besten Traubensorten sehr individuell zusammenfügen. Da gibt es viele Konzepte, nicht alle aber gehen gut, wie etwa das großartig gescheiterte archaische Amphoren-Konzept einiger Weinbauern aus dem Friaul beweist.
Ein besonderer Wein muss ein leckerer Wein bleiben. Und nur wenige Weine sind wirklich lecker.
Ein Beispiel für ein richtig gut umgesetztes Exklusivitäts-Konzept sind die Weine von Roland Velich, der mit seinem Blaufränkisch Moric die regionale burgenländische Traube im Weltmarkt der wichtigen Weine geerdet hat. Den Moric gibt es in den besten Restaurants der Welt, kaum aber im eigenen Land. Dort findet man Vergleichbares schon mal günstiger. Das tut dem Erfolg des Moric aber keinen Abbruch, denn Velich hat eine Marke etabliert, die durch Nachgänger kaum penetriert wird. Im besten Falle profitieren alle.
5.) Das Handwerk hat goldenen Boden
Viel wurde von in den letzten Jahren von der Dienstleistungsgesellschaft gesprochen, vom Verwalten der Angelegenheiten, vom Kreieren durch Wissen. Nur vom Produzieren sprach man nicht. Das sollen die Chinesen und Inder machen.
In dieser Krise wird sich daran vorerst wenig ändern. Immer noch produzieren die Billiglohn-Schwellenländer einen Großteil unserer Waren.
Beim Wein ist das etwas anders. Die Lohnkosten spielen eine untergeordnete Rolle. Will man Wein billig machen, so muss man ihn industriell in Masse produzieren. Das geschieht überall, vor allem aber in Australien, Chile, Kalifornien und in Spanien. Teilweise haben die Produkte sogar erträgliche Qualität.
Doch mit der Wiederkunft des Regionalen kommt auch das regionale Handwerk zurück, denn regionales Wissen und regionale Kreativität müssen vor allem bei Nahrungsmittel in einem regionalen Produkt enden und nicht - wie bei Banken und Beraterkonzernen - im globalen Nebel zum profitablen Einheitsgebilde einer transnationalen Kompanie verdampfen.
Die Betonung auf "mit eigener Hände Arbeit" wird den Winzern künftig noch mehr Wichtigkeit geben. Der erfolgreiche Winzer der Zukunft hat vier bis zehn Hektar in Eigenbewirtschaftung, schneidet seine Äste selber, kennt jede Furche am Hang und weiß, wie man ein Fass reinigt. Und von all dem kann er erzählen. Und seine Hände herzeigen, die seine Arbeit beweisen. Das ist zwar Kitsch. Aber auch Wahrheit. Und nichts werden die Leute mehr verachten, als die Lüge.
P.S.: In diesem Traktat ist immer vom Winzer (männlich) die Rede. Ich spreche aber auch über die wenigen, dafür sehr eindrucksvoll erfolgreichen Frauen der Branche. Wiewohl ich bislang noch keine explizit weibliche Önologie festmachen konnte. Winzern ist eventuell geschlechtsneutral. Gut so.







Nebel über den Feldern. Wo geht die Reise hin? 








Alle Achtung, das ist ein langes Stück, das zum Nachdenken anregt. Ich beobachte die Seite jetzt schon einige Zeit und denke, es sollte mehr von diesen Texten geben. Auch der Moseltext über die Busreise war es Wert gelesen zu werden. Solchen Stoff bietet die Printpresse, auch die lokale hier leider nicht mehr. Zum Text möchte ich anmerken, daß ich dem regionalen Bezug zustimmen kann und auch dem Kapitel über Handwerk. Ich glaube aber nicht, daß nur Weine aus bekannten Weinbaugebieten den Export bestreiten werden. Der Nero di Avola und der Primitivo haben in den Pizzerien den Chainti und den Valpolicella verdrängt. Und das war gut so. Dort werden diese Weine auch bleiben. Beim Wein droht uns eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Reiche trinken immer besser, der Mittelstand wird schlechter trinken. Das ist leider wahr.