Der Captain formulierte fünf Thesen (hier der Link). Und das blieb nicht unwidersprochen. Heute Nacht erreichte uns die Replik von Heinz Kammerer, Besitzer des österreichisch-deutschen Weinhändlers Wein & Co. Hier im Wortlaut.
Lieber Captain.
Als Präambel, auf die ich im Zuge meiner Replik immer wieder zurückkommen werde, möchte ich voranstellen, dass bei WEIN & CO die Umsätze nicht einbrechen und das aus zweierlei Gründen.
Erstens, und das wäre die 6. These zu deinen fünf, muss man Wein in Zukunft aktiv verkaufen und nicht bloß ins Regal stellen.
Zweitens, nehmen wir uns mindestens 3 deiner Thesen schon seit einiger Zeit zu Herzen und haben unser Sortiment schon längst auf diese Trends abgestimmt.
Vor diesem Hintergrund schauen wir uns Dein Elaborat also jetzt an und da zeigt sich gleich, dass die These 1 so nicht stimmen kann, denn es gibt etwa zehn (bei Nachsicht fünfzen) Länder, in welchen sinnvoll Wein produziert wird. Aber mindestens fünf mal so viele Länder, in welchen er, teilweise stark steigend, konsumiert wird.
Sicher sind die weinproduzierenden Länder auch ordentliche Konsumenten. Aber was ist mit ganz Osteuropa, Russland, Asien, trotz allem England, Benelux und Skandinavien? Sollen die jetzt alle nur noch ihren eigenen Wein trinken - den es zu meist überhaupt nicht gibt? Wein ist auch ein Lifestyle-Produkt und das wird bis zu einem gewissen Grad immer so bleiben. Die Gegenden wo guter Wein gedeiht sind immer schön und/oder sexy. Das schwingt mit, wenn jemand in Hongkong eine Flasche aus Bordeaux oder dem Mittelburgenland ;-) öffnet.
Der Import einer Flasche aus Südafrika im Container kostet ungefähr soviel wie das Herankarren einer Palette Tement-Wein aus der Südsteiermark. Und das wird sich nicht so schnell ändern - Ölpreis hin oder her. Die Frage ist nur: was wird exportiert? Und in der Folge dann verstärkt produziert?
Ich widerspreche Dir auch, wenn Du meinst, das Interesse der Konsumenten erlahme. Deines vielleicht. Und möglicherweise auch meines. Wir machen das ja auch schon lange genug. Unsere Kunden aber, mit denen wir sehr viel reden und korrespondieren, interessieren sich eher immer mehr für die Materie. Eben nicht für 100,00 Euro-Weine aus Bordeaux und Burgund und auch nicht mehr so sehr für 15 %ige Alkohol-Smaragde. Aber sehr wohl für leistbare Kleinode aus aller Welt. Je besser, desto besser. Egal, woher der Wein kommt.
Man muss nur - und da verweise ich wieder auf die Präambel - mit den Leuten reden, muss sie großzügig verkosten lassen und ihnen amüsante, didaktische Events bieten. Dann kommen die Interessierten in Scharen und kaufen auch.
All das habe ich erst letzten Samstag am eigenen Leib erfahren, als ich in einer unserer Filialen einen Nachmittag lang Im Verkauf stand: interessante, autochtone (da hast du völlig recht!) Weine zwischen 10,00 und 20,00Euro wurden konzentriert verkostet, bewertet, besprochen und gekauft, Schmäh (Witz) inklusive (wichtig!).
Das mit dem "autochton" ist ja sowieso schon lange klar, denn worüber willst du mit den Kunden reden, wenn nicht über gebiets- oder zumindest rebsortenspezifische Eigenheiten? Details des Weinmachens interessieren nur mäßig. Das ist ja auch schon wieder sehr technisch und damit lustlos, obwohl viele Winzer das nicht wahr haben wollen.
Was auch nicht mehr so leicht gehen wird, ist, was in letzter Zeit ein wenig in Mode kam: der gehobene Weinverkauf im Supermarkt. Das wird ebenso wenig funktionieren wie der emotionslose Verkauf aller anderen Dinge, die mit Emotionen gekauft werden. Im Supermarkt triffst du Hirn- und keine Bauchentscheidungen. Es ist auch vollkommen ausgeschlossen, dass sich Supermärkte mit den jährlich wechselnden Eigenheiten von 1.000 Weinen aus 30 verschiedenen Gebieten - noch dazu kompetent - beschäftigen können. Dort trifft das zu, was du sagst: nur die bekanntesten Namen aus den bekanntesten Gebieten werden überleben - aber eben nur im Supermarkt und der einfachen Gastronomie.
Guter Wein wird im qualifizierten Fachhandel, der gehobenen und seriös kalkulierenden Gastronomie und vom Winzer direkt zu haben sein.
Das untermauert auch Deine fünfte These, denn auch ich glaube, dass Wein aus all den genannten Gründen vor allem ein sehr persönliches Produkt ist. Der Winzer, aber auch der Sommelier und der Fachberater spielen seit jeher eine enorme Rolle.
Diese Krise darf uns nicht vormachen, dass ab jetzt alles lustlos und vernünftig ablaufen wird. Selbst wir beide haben schon einige Krisen erlebt. Zum Beispiel 1973, der erste Ölschock, wo ich mir vor lauter Schreck gleich einen kleinen Diesel gekauft habe um die Vernunft zum Ausdruck zu bringen. Ein paar Jahre später hatte ich aber schon wieder meinen Porsche...
Wir sehen jetzt, sozusagen am Höhepunkt der aktuellen Krise: die Menschen wollen sich ihre kleinen Genüsse - und dazu zählt guter Wein - nicht nehmen lassen. Nur wollen sie nicht mehr über den Tisch gezogen werden, denn davon haben sie echt genug. Unerklärliche Preissprünge in Bordeaux, künstliche Verknappungen von untrinkbaren Verkostungsweinen, Journalistenterror zu Gunsten guter Inserenten usw. Damit ist Schluss.
Dass der Mittelstand verarmt (ich nehme an du meinst jenen im Westen) ist natürlich eine Übertreibung. Es wird sich einiges ändern, es wird neue Branchen geben, die florieren. Und andere, die verschwinden. Aber einen funktionierenden Mittelstand wird es so oder so auch im Westen weiterhin geben. Es existiert schon zu viel Substanz und jede Menge Kultur, als dass man jetzt so ohne weiteres auf alles verzichten würde, was einem Freude macht.
Die große Abzocke der Banken, die uns und vor allem den inkompetenten Staatslenkern eingeredet haben, dass ihre haarsträubenden und teilweise kriminellen Spekulationsverluste auf die ganze Welt aufgeteilt werden müssen, sollte ein ebenso lehrreiches wie einmaliges Ereignis bleiben.
Es gibt weiterhin sieben Milliarden Menschen auf der Welt, mit Bedürfnissen und Wünschen, für die produziert und gearbeitet werden muss. Daran werden auch die jetzt aufgeflogenen volkswirtschaftlichen Betrügereien der Banken und ihrer Gehilfen nichts ändern.
Die Musik, wenn man so will, spielt aber zukünftig in CEE (Central Eastern Europe) und Asien, wo sich dieser Mittelstand gerade erst entwickelt. In Indien und China ist von dieser Krise kaum etwas zu spüren. Und dort gibt es schon jetzt mehr Mittelklassehaushalte als in ganz Europa und den USA zusammen - rund 130 Millionen, Tendenz stark steigend!
Also: Füge Deinem Essay die These Nummer sechs hinzu: Weingemäßes Verkaufen wird unerlässlich sein für alle, die etwas Besonderes für Interessierte produzieren.
Nur so werden die Folgen Deiner restlichen Thesen gemildert oder sogar ganz beseitigt!







Heinz Kammerer will nicht unkommentiert stehen lassen, was der Captain von sich gibt 





so weit ich verstanden habe, ist das kein bezahltes inserat, oder? interessant auch, dass ein vertreter der wirtschaft die banken derart hart rannimmt. steckt ihr nicht alle unter einer decke? das haben wir zumindest so gelernt. bei unseren linken alt-achtundsechziger-lehrern: hier die wirtschaft, dort das volk. also glaube ich den reichen mal kein wort. und trinke meinen rosso von der cooperative san marco di verona. echte linke, wie sie im buche stehen (ironie: off)
venceremos
der flo