16.02.10 WEINWIRTSCHAFT 9 Einem Freund senden

Phönix aus der Flasche

Es hat sich viel verändert im österreichischen Weinbau... Es hat sich viel verändert im österreichischen Weinbau...

Der Niedergang kündigte sich an einem Nebenschauplatz an. Im September 1984 drohten burgenländische Winzer mit dem Aufstand: Das Gebiet der Langen Lacke, in deren Umgebung sie ihre gewinnträchtigen Beerenauslesen und Eisweine kelterten (und bis heute keltern), sollte zum Naturschutzgebiet werden. Der Streit eskalierte, Gendarmen mussten Besetzungen verhindern. Bei einer Konfrontation zwischen Landwirten und Exekutive ließ ein Beamter seiner Wut freien Lauf: „Passts auf", schrie der erregte Postenkommandant, „weil was bei euch im Keller liegt, das ist eine riesige Sauerei!"

Keiner der anwesenden Pressevertreter konnte mit der Andeutung etwas anfangen. Die Einheimischen aber wussten genau, was der Gendarm meinte: Viele der großen Weinproduzenten dieser Region panschten, was das Zeug hielt - von der halblegalen Zugabe von Zucker bis hin zur illegalen Beimischung von Diäthylenglykol, einem Frostschutzmittel, das extraktlosen Weinen den Anschein perfekter Spätlesen gab.

Es war das chemische Untersuchungsamt der Stadt Trier, im westlichsten Winkel der alten Bundesrepublik Deutschland gelegen, das den gärenden Skandal an die Öffentlichkeit brachte. Es destillierte unerlaubte Zusatzstoffe aus einigen österreichischen Spätlesen und informierte Öffentlichkeit und Behörden des Nachbarlandes. Mehrere „Weinfahnder" des Landwirtschaftsministeriums begannen mit gezielten Kellerkontrollen, am 23. April 1985 ging der damalige Landwirtschaftsminister Günter Haiden an die Öffentlichkeit: „Wir haben Hinweise bekommen, dass dem Wein in einigen Betrieben ein chemisches Mittel beigefügt wird, durch das eine Extrakterhöhung eintritt." Haiden entlastete sogleich die kleinen Winzer und sprach von einer „Spätlese aus der Chemieküche" - ein verhängnisvolles Zitat, das sich bald in jeder deutschen Tageszeitung wieder fand.

Nebenwirkungen. Und Italien?

Fast zeitgleich kostete ein Weinskandal in Italien mehrere Menschen das Leben, doch es waren die Süssweine aus Österreich, die die weltweite Empörung schürten. Von Japan bis Mexiko, von Kanada bis ins kommunistische Polen schlugen die Wellen hoch. Österreichischer Wein, ob gepanscht oder nicht, flog aus allen Regalen. Schwerkranke oder gar Tote waren freilich keine zu beklagen, die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit und Nierenbeschwerden.

Den ersten Untersuchungen folgten recht spät auch Verhaftungen. Ende Juli wurde der Golser Weinhändler Hans Sautner wegen Verdachts auf schweren gewerbsmäßigen Betrug inhaftiert, einige Tage später folgten vier weitere Weinmacher. Der Skandal weitete sich aus, als man in einer Spätlese der Gebrüder Grill aus Fels am Wagram die sagenhafte Menge von 48 Gramm Glykol feststellte - „absolute Vergiftungsgefahr", wie die Behörde festhielt. Anfang August 1985 waren zwanzig Winzer und Kellermeister in Haft, Betriebe wurden geschlossen und deren Buchhaltung beschlagnahmt. Im Oktober 1985 kam es zu einer Reihe von Prozessen, die Urteile erstreckten sich von 15 Monaten bis zu zweieinhalb Jahren Haft. Der österreichische Weinexport, im Jahre 1984 noch 478.434 Hektoliter stark, sank bis 1986 auf 42.119 Hektoliter - eine ökonomische Katastrophe. Viele Winzer standen vor dem Ruin. Selbst die österreichischen Konsumenten, einst die verlässlichsten Abnehmer, tranken lieber italienischen Wein.

Da jeder Winzer gleichermaßen litt und vor dem Abgrund stand, wurden alle Rivalitäten begraben. Auch der Staat reagierte schnell: Österreich erhielt das strengste Weingesetz der Welt. Damit war der Boden für Reformen bereitet.

Neubeginn. Und Rotwein!

Kurioserweise sorgten in den folgenden Jahren zunächst unbekannte Rotweine für Aufmerksamkeit. Nur die besten Trauben der Rebstöcke wurden etwa für den sagenhaftesten Blaufränkischen dieser Zeit gekeltert, den Ried Marienthal von Ernst Triebaumer. Auch andere Weinbauern begannen auszulesen und zu experimentieren, bauten ihre Weine in Barriques aus. Neben den alten Betontanks, den riesigen Kastanienfässern und den leicht angerosteten Stahltanks standen diese neuen, hellen Fässer wie Symbole für den Kulturbruch: klein statt groß, Auslese statt Menge, Qualität statt Masse.

Zwar konnte sich manch alteingesessener Weinbauer mit der neuen Praxis nur schwer anfreunden, doch der Generationswechsel beschleunigte den Umschwung. Der Nachwuchs kehrte von den Weinbauschulen in die elterlichen Betriebe zurück, viele hatten ihre Lehrjahre im Ausland absolviert. Diese avantgardistisch angehauchte Elite strebte nach Selbstverwirklichung; die Eltern mussten - noch unter dem Schock des Glykol-Skandals - ihre Entmachtung still erdulden.

Exporterfolge. Und das Ausland kauft!

Erste Erfolge bei internationalen Messen und der damals aufkommende Boom der österreichischen Spitzengastronomie (heute ist er wieder im Abflauen begriffen) ließen die Nachfrage nach österreichischem Wein stetig steigen. Vor allem der Inlandsmarkt schulterte den Erfolg - und trägt ihn noch heute. Doch die internationale Stilistik der neuen österreichischen Weine zeitigte bald auch erstaunliche Exporterlöse. Es war nicht mehr nur plumpe Imitation, es war das selbstbezogene Weinmachen, die Verbindung neuer Techniken mit alten Fertigkeiten, die diesen Weinen neue Märkte erschloss. Und auch der verpönte Süsswein war wieder gefragt, der verstorbene Illmitzer Winzer Alois Kracher wurde gar zum Lieblingsweinmacher von Robert Parker, dem international mächtigsten Verkoster der liquiden Börsenboom-Jahre.

Die Preise stiegen sprunghaft, eine Bouteille ab Hof konnte bald bis zu 30 Euro und mehr kosten, große Rieslinge von Franz Xaver Pichler waren unter hundert Euro gar nicht zu bekommen. Der einfache Konsument wandte sich ab, eine neue Mittelschicht nahm seinen Platz ein. Und die zögerte nicht zu kaufen, Flasche um Flasche.

Wer liefern konnte, wurde schnell wohlhabend und expandierte, Zukäufe wurden grosszügig aus Krediten finanziert. Neue Keller entstanden, perfekt designte Tempel einer selbstbewussten Branche. Doch das Ende der Fahnenstange wird nun sichtbar. Ein zweiter Rotweinboom sorgte Ende des vergangenen Jahrzehnts für ein Übermaß an Neuanpflanzungen, auch der Plafond bei Weißweinen ist erreicht. Mit der Einführung kontrollierter Weinregionen - den Anfang machte vor vier Jahren das Weinviertel - will die Österreichische Weinmarketinggesellschaft (ÖWM) nun Schablonen für österreichische Weine abseits der bekannten Namen und Marken etablieren. Synonyme wie DAC (Districtus Austriae Controllatus - der Grüne Veltliner beispielsweise darf in der DAC Weinviertel nicht im Barrique ausgebaut werden) sollen dem Konsumenten einen Weg durch den Wildwuchs weisen, der sich mit dem letztmöglichen Trend, der Wiederentdeckung autochthoner Sorten, rapide ausgebreitet hat. Nur: Das Neue kann kaum noch begeistern, die Öffentlichkeit nimmt heute von Markteinführungen weit weniger Notiz als noch vor zwei Jahren. Der Konsument verliert zusehends den Überblick.

Marketing. Und was noch?

Diesen Befund teilt auch Heinz Kammerer, Gründer der Vinotheken-Kette Wein & Co: „Die nach wie vor starke Inlandsnachfrage hält zwar die Verkaufszahlen hoch, der Käufer ist aber weit weniger experimentierfreudig. Wer jetzt mit Neuem auf den Markt drängt, muss schon ein gutes Konzept haben. Beherztes Engagement allein reicht nicht mehr."

„Leider", so ein ungenannt bleiben wollender Verkoster, „scheint perfektes Handwerk allein kein Garant eines ökonomischen Erfolges zu bleiben. Vor allem jene Winzer, die die Usancen des Marketings nicht verstehen, bleiben auf ihren Flaschen sitzen. Sie werden zukünftig nur als Traubenlieferanten überleben." „Aber überall, wo ich das sage", so der angesehene Fachautor weiter, „tritt man mir empört entgegen. Bei den kleinen Winzern herrscht sture Realitätsverweigerung." Nachsatz: „Wie vor fünfundzwanzig Jahren."

Ein ebenfalls anonym bleiben wollender Vinothekar in der Wiener Innenstadt berichtet sogar von einem Rückgang der Verkäufe: „Völlig unerwartet haben wir in den ersten beiden Monaten dieses Jahres weniger österreichischen Wein abgesetzt als noch im Jahre 2008. Das betrifft vor allem Flaschen über fünfzehn Euro. Ich hoffe, es kommt nicht zu einem ähnlichen Einbruch wie bei italienischem Wein, der sich seit Jahren nur mehr schwer verkaufen lässt."

Konsumunlust. Und was nun?

An der Exportfront stellt sich die Situation differenzierter dar. Vor allem die Vinothekare des wichtigsten Exportlandes Deutschland leiden an der augenblicklichen Konsumunlust ihrer Klientel. „Unglücklicherweise bleiben wir gerade auf unseren besten Flaschen aus Österreich sitzen", berichtet ein Verkäufer einer großen Vinothek in Berlin Mitte. „Das ist auch kein Wunder, bei 40 Euro für einen Smaragd-Veltliner."

Welchen Stellenwert österreichischer Wein heute hat, erfährt man auch, wenn man in der Weinkarte des Berliner Restaurants 44 blättert. Man findet einen Riesling Singerriedel von Franz Hirzberger etwa, der hier mit 132 Euroausgewiesen wird; oder die gewaltigen Rotwein-Cuvée Titan des burgenländischen Winzers Josef Tesch, für die der Sommelier 139 Euro berechnet. Zum Vergleich: Eine Flasche Leoville las Cases - ein angesehener Bordeaux, in diesem Falle aus einem guten Jahrgang - kostet im selben Lokal 140 Euro. Der österreichische Winzer Tesch, ein Mann ohne Image und Namen, ist an den Star aus Frankreich bis auf einen Euro herangerückt. Wird dieser Wein auch verkauft?

Wachstumsgrenzen. Und jetzt?

Was sich ohne Überredung verkaufen lässt, sind einfache, gut gemachte niederösterreichische Veltliner oder steirische Sauvignons. In der Oberliga, so die Botschaft, ist für Österreich im Ausland nur wenig zu holen; in Zeiten der ökonomischen Krise bestellen auch die Wohlhabenden lieber das Bekannte: Bordeaux und Burgund, Piemont und Toskana.

So garantiert auch im fünfundzwanzisten Jahr nach dem Weinskandal fast ausschließlich die Inlandsnachfrage das ökonomische Auslangen von Österreichs Winzern; im Finale des einzigartigen Aufstiegs zeigen sich die Grenzen des Wachstums. Da hilft auch kein Schönreden: Der Phönix aus der Asche setzt zur Landung an. Für Manche wird das Aufsetzen hart werden.



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Kommentare 9

Kommentare

riesling|blog

Eine sehr treffende Analyse! Es scheint mir deutliche Parallelen zur dt. Weinwirtschaft zu geben, nicht zuletzt auch, da AUT ja für viele dt. Winzer lange Zeit DAS große Vorbild war. Wenn ich sehe, wie seit 5, 6 Jahren bei vielen VDP-Weingütern die Großen Gewächse (GG) -zu Preisen von weit über 30€-, nur so aus dem Boden schiessen, packts mich schon manchmal... Sicher entstehen auf der anderen Seite so viele gute Basisweine wie noch nie, aber ob die Lancierung derart vieler Spitzenweine (Spitzenweine, die im Ausland kaum als solche wahrgenommen werden) taktisch geschickt ist, weiss ich nicht. Der Sekundärmarkt ist auf jeden Fall voll von GGen vergangener Jahrgänge, sieht man mal von der Handvoll Spitzenweine in Mikroauflage ab.
| http://riesling.blogg.de |

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mendez

Sehr aufwändiger, sehr genauer Text. Magazintauglich.

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Gast (via be.24.at)

..sind kurz nach unserem Weinskandal mehr als 40 Menschen an
Vergiftungen durch italienische Weine gestorben. Drum sind
italienische Weine oft heute noch billig (0,79 Euro im
Tetrapack), aber möglicherweise trotzdem nicht preiswert. Den
preiswertesten Wein krieg ich immer noch im guten alten
österreichischen Doppler...

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Statuskrah

Was mendez sagt.

Allerdings stelle ich bei mir, als einem der erwähnten Inländer, eine zunehmende Abneigung gegen diese Konzeptweine fest (jüngstes Beispiel: Black Edition von Ebner Ebenauer im schwarzen Stoffsackerl! Seid ihr noch zu retten?), eine zunehmende Abneigung gegen diese Vermarktungsmaschinerie, wie sie etwa die Polz-Brüder in der Südsteiermark gnadenlos durchziehen (Genusswelt! Erlebniswelt!! Alles gute Gründe, nicht in die Südsteiermark zu fahren), und eine verstärkte Suche nach den normalen und guten Handwerkern mit den normalen und guten Weinen, und wenn das dann nur die zweitbesten Weine sind, solls mir auch recht sein. Insofern würde ich den Skodas unter den Weinbauern schon noch Chancen geben. Okay, der Vergleich hinkt, außerdem fahr ich keinen Skoda, aber ungefähr so oder so ähnlich.

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Gast ein bisschen klüger

danke, interessante geschichte, schön geschrieben.

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Michael Liebert Kompliment

Lieber Captain,

eine hervorragende Analyse der Entwicklung. Wahrscheinlich sind sich viele Jüngere in der Branche gar nicht bewusst, welchen Einschnitt der Glykol-Skandal damals darstellte. Übrigens nicht nur für Österreich, sondern auch für einige Unternehmen in Deutschland, die zu viel von dieser Brühe aus Österreich übernommen haben. Erinnert sei hier nur mal an die Pieroth-Gruppe...

Es bleibt die Frage, ob Du Dir mit dieser schonungslosen Analyse der aktuellen Situation nun wirklich Freunde machst...

Lieben Gruß

http://michael-liebert.de

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Der Captain

Zum Freunde machen bin ich nicht auf der Welt..

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gottfried

sehr guter text
auch wenn das thema schon 100x aufgearbeitet wurde

@statuskrah die Südsteiermark wird Disneyland - Schritt für Schritt

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ardbeg lacht

Das der Text hervorragend ist, brauch ich nicht mehr zu schreiben. Das haben andere hier besser und ausführlicher getan. Aber das Bild dazu ist wunderbar lustig.

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