Wenige Kilometer südlich von Bratislava sind sie der totalen Autochthonie auf der Spur, dem Regionalen in Perfektion. Sie, das sind Tibor Melecky und Zsolt Sütö, junge Weinmacher der ungarischen Minderheit in der Slowakei und garantiert die einzigen Garagenwinzer internationalen Formats im gesamten Osten. Sie leben in Strekov, einem kleinen Dorf wenige Kilometer von der Donau entfernt. Beide sind Quereinsteiger aus Elektrik und Mechanik. Unbeleckte, die den Boden ihrer Väter neu bebauen.
Melecky und Sütö arbeiten in 1075 Strekov und so heißt auch ihr Weingut. Cool und selbstbewusst wie eine Werbeagentur. 1075 Strekov ist ein mittelgroßes Haus mit großem Dachboden und betoniertem Keller. Nichts hier trägt Design, alles ist improvisiert und nur dem Nötigsten verpflichtet. Es rührt an, wenn man sieht, wie sich die beiden mit Energie in ihre neue Karriere stürzen.
Und man freut sich mit ihnen, wenn man die Ergebnisse kosten darf, die all den professionellen Popanz anderer Erzeuger in den Schatten stellen. Alle Weine von 1075 Strekov sind außergewöhnlich, einige tatsächlich einzigartig. Wer Unbekanntes auf hohem Niveau sucht, wird hier fündig werden.
Melecky und Süto haben - so handgezimmert ihr Weingut auch wirken mag - klare Vorstellungen von Qualität und Ethik. Dazu gehört die spontane Vergärung, der Verzicht auf Enzyme, auch der spontane Säureabbau. Sie führen den Captain durch einen vor wenigen Tagen gerodeten und umgepflügten Weingarten, der dieses Jahr neu ausgepflanzt wird. Beide bücken sich und wühlen im lehmigen Boden auf der Suche nach Muschelkalk. Und tatsächlich kann Melecky ein komplett erhaltenes Gehäuse einer Meeresschnecke freilegen. Millionen Jahre alt.
Das mag geringe Auswirkungen auf die Weine haben, es hat aber große Auswirkungen auf die Art, wie die Weine gemacht werden. Hier entsteht eine moderne Bodenständigkeit, fern jeder Ideologie.
Zurück auf dem Dachboden wird grauer Gummikäse auf Teller geschnitten, die ideale Begleitung für eine Verkostung. Fast geschmacklos. Der Welschriesling 2007 trägt die Formel „sur lie". Das klingt besser als „auf der Hefe gelagert". Das wurde er. Und zwar neun Monate lang. Deswegen schmeckt er auch nach keinem vergleichbaren Welschriesling österreichischer Machart (frisch, fruchtig, leicht). Die beiden neuen Winzer lassen sich viel Zeit, ihre Weine auf den Markt zu bringen. Diese Spätlese wird erst im Frühjahr ausgeliefert. Langer Atem.
Dann die Cuveé 2007 aus Welschriesling und Grüner Veltliner. Viel Wein aus alten Holzfässern, wenig aus dem Stahltank. Ein fettes Getränk mit einer geringem, sehr schön eingebundenen Restsüße und - wie immer - hoher konternder Säure. Ein extrem vielschichtiger, mineralischer Wein. Achthundert Flaschen. Wenig Chancen für den Export. Muss man vor Ort abholen.
Was noch?
Der Alibernet ist kein slowakischer Badezimmerschrank, sondern die Cuveé aus Alicante Bouchet und Cabernet Sauvignon. Alicante Bouchet kommt aus Odessa und ist ein Erbe der Sowjetunion. Daher weht der Wind, der die vielen, oft absurden Kreuzungen hervorbrachte.
Die kommunistische Planwirtschaft verlangte in so genannten „Fünf-Jahres-Plänen" immer neue Kreuzungen, die gegen Schädlinge resistent sein sollten. Neben Unbrauchbaren entstand so manches Einzigartige. Ein spät erkanntes Nebenprodukt des Experiment Kommunismus.
Der Alibernet von 1075 Strekov wird in zigmal gebrauchten Barriques ausgebaut und ist tiefdunkel wie Tinte. Eine Aufgabe für Fleckenlöser. Er duftet nach Kirsche und führt strenge Tannine vor. Der Dunaj 2007, die sehr boytritisanfällige letzte Züchtung des Kommunismus (Muskat Bouchet, Oporto und St. Laurent) wird als Trockenbeerenauslese ausgebaut. Ein unglaublich dichter Wein, eine Essenz aus Erde, Hanf, Zwetschke und Kirsche. Ein kleines Wunder des slowakischen Weinbaus, endgefertigt in einem Keller eines ehemaligen Einfamilienhauses am Rande eines Dorfes. Besser kann man Aufbruch, Innovation und Freude an der Kreation nicht darstellen. Ach ja: 400 Flaschen wird es geben.
Da muss man schon selber hinfahren. Der Captain segelt sicher wieder. Alle Daten zur Anreise nach Strekov finden Sie hier.
Die Matrosen möchten mehr über Weine aus Osteuropa erfahren? Hier gibt es alle Folgen der Serie "Go East"







Zwei Garagenwinzer wühlen im Muschelkalk 





Das liegt ja wirklich am Arsch der Welt.